Sunday, 19 July 2026

Geschichte einer Erhebung

Sie werde im Literaturhaus in Zürich aus Safari lesen, ob ich sie hinbegleiten wolle, mailte mir Laurence im Frühjahr 2019. Sie war in einem Hotel beim Lindenhof abgestiegen, wo ich sie dann abholte. Mir kommt es vor, als ob das erst letzthin gewesen sei. Soviel zu unseren Zeitvorstellungen.

Bei der Lesung wurde sie unter anderem gefragt, woher sie ihre Ideen habe, denn was sie schreibe, könne doch unmöglich so geschehen sein. Sie erfinde nichts, antwortete Laurence, sie beschreibe, was sie wahrnehme, etwas anderes sei ihr gar nicht möglich. 
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Wir haben uns 1994 beim IKRK in Südafrika kennengelernt, es folgten regelmässige Besuche in Choulex, wir sind gute Freunde geworden, was insofern ungewöhnlich ist, als Laurence aus einer IKRK-Familie (Grossvater und Vater in leitender Funktion) stammt, und ich selber nach eineinhalb Jahren ernüchtert zum Schluss kam, bei diesen NGOs handle es sich um humanitären Kolonialismus. Unsere Gemeinsamkeit war das Lachen (was auch meint, wir verfügten über ähnliche Grundwerte): Ich habe mich selten mit jemandem derart oft amüsiert. Was natürlich auch ein Hinweis darauf ist, dass vibes weit wichtiger sind als Lebensumstände.

Laurence Boissier ist, wie sie schreibt, und sie schreibt, wie sie ist. Hoch reflektiert, skurril, distanziert und warmherzig (doch, doch, das geht zusammen), ohne Chichi, mit einem ausgeprägten Sensorium für die absurden, abstrusen, komischen Seiten der Menschen. Jedenfalls lese ich ihre Texte so, kenne allerdings nur die französischen. Geschichte einer Erhebung ist meine deutsche Premiere.

Der Ton ist gut getroffen, ich glaube Laurence mit ihrem sich wundernden Gesichtsausdruck vor mir zu sehen, wenn ich lese. "Erste Feststellung: Die schaffen es, Schritt zu halten und gleichzeitig zu reden." Und freue mich an ihrer Fähigkeit, die Dinge originell auf den Punkt zu bringen. "In den Bergen entspricht mein Status dem eines Haustiers. Man nimmt mich mit hinauf, um mich nicht allein zu Hause zu lassen." Ironie und britisches Understatement (ihre Mutter stammte aus Wales) gehören zu ihren Markenzeichen. Sie hatte einen unabhängigen Kopf, Schnörkel waren nicht ihr Ding. Und das zeigt sich in ihrem Schreiben.

Worum geht's? Laurence schliesst sich einer Gruppe an, die zu einer neuntägigen Bergwanderung aufbricht. Wie sie die Teilnehmer ("Da haben wir das bei Abenteuergefährten so beliebte Duzen."; "Der Mann ist eine Fundgrube der Weisheit. Ich spüre, dass er damit nicht geizen wird.")  und sich selbst bzw. was ihr so durch den Kopf geht, beschreibt, lässt mich immer mal wieder an Woody Allen denken. Auf den "spartanischen Komfort" der Berghütte war sie nicht vorbereitet, und über den Schwierigkeitsgrad der Wanderung hatte sie sich anscheinend getäuscht.

Die Eindrücke, die ständig auf uns einstürmen, müssen in eine Ordnung gebracht werden. Laurence' Blick auf "dieses ganze Felsbrockendurcheinander" ist ihrem Bedürfnis nach Komposition diametral entgegengesetzt. Dazu kommt, dass ihr die "Fähigkeit, Details zu ignorieren" definitiv abgeht. Anders gesagt: Sie ist eine aufmerksame Beobachterin, mit viel Sinn für die sogenannten Kleinigkeiten, die eben alles andere als klein, sondern so recht eigentlich das Wesentliche sind.

Ständig kämpft sie mit den Tücken des Daseins, wobei sich stets ihr Gespür für Situationskomik zeigt. "Ich wische mich mit meinen neuen, superschnell trocknenden Mikrofasertuch ab. Seine Funktionsweise ist megaeinfach – es weigert sich, auch nur den geringsten Tropfen aufzusaugen. Ich ziehe meine Sachen über die feuchte Haut und gebe die Dusche frei."

Der Bergführer informiert über Biologie und Geographie, Laurence erinnert sich an die Sportstunden als Schulkind, hadert damit, dass sie sich für diese Tour angemeldet hat, für die sie sich körperlich alles andere als fit fühlt, und wird dahingehend belehrt, dass das alles eine Frage der mentalen Einstellung sei. Nur eben: "Wie könnte die mentale Einstellung meine Jahre der Faulheit kompensieren?"

Geschichte der Erhebung, ein Reisebericht der besonderen Art, ist ein sehr unterhaltsames Dokument der gescheiten, selbst-ironischen Wahrnehmung. Laurence Boissier registriert nicht nur, was ihre Augen ihr zeigen, sondern beschreibt auch, was ihr Hirn damit macht. "Wir können unser Ziel von der Hütte aus sehen. Es handelt sich um einen riesigen Blätterteig, den ein von der Geologie besessener Konditor in zwei Hälften gefaltet hat."

Ihre Assoziationen erheitern und entzücken mich. So schläft sie in diesen Berghütten schlecht, fantasiert immer mal wieder übers Abbrechen dieser nicht nur körperlichen Herausforderung, und konstatiert dann wiederum des Bergführer beneidenswerte Fähigkeit, umstandslos einzuschlafen. "Bei einer solchen Erholungsfähgikeit ist es nicht verwunderlich, dass er eine Alpenwanderung nach der anderen machen kann, ohne zu ermüden."

Aufklärungen über die Alpen wechseln sich ab mit Erinnerungen an die Jugendzeit (sie hat sich nicht verändert, hatte schon früh den Mut und die Gabe, zu sein, wer sie ist), und Gesprächen zwischen den Teilnehmern mit Gedankengängen über das Hier und Jetzt. Sie fühlt sich gelegentlich unbehaglich, und zeigt es auch; einige halten sie deswegen für kapriziös. Eine hält sie für "einerseits erleichtert von der Einfachheit und andererseits enttäuscht von den mangelnden Komplikationen." Und ich selber fühle mich daran erinnert, wie nachdenklich, rücksichtsvoll, liebenswert und lebensklug sie gewesen ist.

Fazit: Nicht nur ein grosses Lesevergnügen, sondern auch ein überaus einnehmendes, luzides Dokument eines sehr eigenwilligen Daseins.

Laurence Boissier
Geschichte einer Erhebung
Roman
übersetzt von Hilde Fieguth
verlag die brotsuppe, Biel/Bienne 2025

2 comments:

Hilde Fieguth said...

Guten Morgen! Das freut mich, und ich danke Ihnen herzlich für diesen Text.
Die Bücher von Laurence Boissier zu übersetzen hat mir große Freude gemacht. Leider habe ich sie nicht mehr kennengelernt. Sie sind einer der wenigen, der von ihr erzählen kann. Im August 2022 war ich auf der Gedenkveranstaltung in St Luc, wo ich die Leute von “Bern ist überall“ erlebt habe und auch Stéphane Rombaldi kennengelernt habe; zu ihm habe ich allerdings den Kontakt verloren. Es war beeindruckend, wie gegenwärtig Laurence Boissier bei dieser Veranstaltung war..
Wie ich vom Verlag höre, läuft es mit dem Verkauf nicht sehr gut. Bestimmt trägt Ihre Besprechung dazu bei, dies zu verbessern. Danke!
Mit herzlichen Grüßen! Hilde Fieguth

Hans Durrer said...

Seien Sie herzlich bedankt für Ihre freundlichen Ausführungen. Und Gratulation zu Ihrer sehr gelungenen Übersetzung! Auch für mich ist Laurence weiterhin sehr präsent. Herzlich, Hans Durrer