Wednesday, 22 July 2026

Wer war Ingeborg Bachmann?

Gleich vorneweg: Das ist ein tolles Buch! Weil es nicht eine, sondern ganz viele Geschichten erzählt, ganz, ganz vieles berücksichtigt, und auch aufzeigt, wie die Autorin zu ihren Informationen gekommen ist.

Mir selber liegen Menschen nicht, die sich ins Rampenlicht drängen (Ingeborg Bachmann tut das), hadere mit mir, dass ich trotzdem über sie lese, und geniesse es gleichzeitig, wenn ich derart gescheit und kenntnisreich informiert werde, wie das Ina Hartwig in dieser "Biografie in Bruchstücken" tut.

Achtundzwanzig ist die Lyrikerin, als sie auf dem Spiegel-Cover landet. Das waren definitiv andere Zeiten! Herbert List, ein damals erfolgreicher Fotograf, hat sie ins Bild gesetzt. Während Bilder uns bleiben (was auch der Buchumschlag dokumentiert), gehen die Begleittexte meist unter. "Image outlives fact", so die New Yorker Fotografin Lisa Kahane, weswegen denn auch Ina Hartwig Gegensteuer gibt und sich mit dem die Bilder begleitenden Text auseinandersetzt, differenziert und eigenständig.
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Da mir Lyrik fremd ist, ich keinen Bezug zu ihr habe, mutet mich die Hochachtung, ja, Ehrerbietung gegenüber den schriftlich geäusserten Gedanken von Celan und Bachmann befremdlich an, insbesondere das Hineinlesen von Bedeutsamem in einigermassen Banales. Geradezu erlösend dann aber Hartwigs Einschätzung, "dass die elegisch auftretende Dichterin sich bestens als Reisebüroangestellte bewährt hätte, wenn die Lebensumstände das verlangt hätten." Was mich unweigerlich an Sue Prideauxs Bemerkung in Ich bin Dynamit erinnert: "Nietzsche hätte, wäre er ein paar Generationen später geboren, vielleicht ein erfolgreicher Komponist von Begleitmusik für das Stummfilmkino werden können.“ .

Wer war Ingeborg Bachmann? zeichnet sich durch die vielfältigen Aspekte aus, die Ina Hartwig aufgreift. Etwa Bachmanns Stimme. Oder ihre politische Einstellung. Oder ihre Beschäftigung mit Simone Weil ("Eine junge Philosophin schreibt über eine junge Philosophin."). Oder die Einschätzung von Marcel Reich-Ranicki, die einer Selbsbeschreibung ausgesprochen nahekommt.

Überaus aufschlussreich wird auch die Stipendien- und Literaturpreisvergabe zur Zeit des Kalten Krieges geschildert, "die in der Regel chronisch klamme Schriftsteller in die Lage versetzt, an Orte zu reisen, die sie sonst nicht sehen würden, und vorübergehend in Wohnungen zu leben, die sie sich normalerweise niemals leisten könnten," Es ist ein Privilegiensystem und – das liegt in seiner Natur – ein solches korrumpiert. Davon ist in diesem Buch allerdings nicht die Rede – die Autorin ist selber Teil des Kultursystems.

Ina Hartwig geht auch der Frage nach, wo in Berlin Ingeborg Bachmann gelebt hat. Es ist spannend von ihrer diesbezüglichen Recherche zu lesen. Im ersten Stock, im zweiten? Die Auskünfte varriieren. Gab es da wirklich eine Strassenbahn in der Nähe oder war es nicht ein Bus? Warum soll relevant sein, wo genau Ingeborg Bachmann gewohn hat, entzieht sich mir, doch Ina Hartwigs detektivische Spürnase nötigt mir Respekt ab: Sie will's wirklich wissen, Aufgeben ist keine Option.

Es wimmelt im damaligen Berlin von im Kulturbetrieb bekannten Namen; auch der Besuch von John F. Kennedy, der sein "Ich bin ein Berliner" in die jubelnde Menge vor dem Schöneberger Rathaus ruft (das sei spontan geschehen, so die Autorin. Wer's glaubt, wird selig) kommt zur Sprache. Und wieder einmal wundere ich mich, was den sogenannt Kulturschaffenden für eine Bedeutung zugeschrieben wird.

Eigenartig auch, wie die Autorin eine Orgie mit Bachmann (drei Männer, eine Frau) kommentiert: "Wichtig – für uns – ist ohnehin weniger das Vorkommnis als solches als vielmehr die Frage, was es für Bachmann bedeutet. Wichtig an der Orgie ist ihre Funktion, auch ihre Wunschstruktur, die sich im literarischen Gestaltungsversuch offenbart." Echt jetzt, das Wichtigste an der Orgie ist ihre Funktion?! Lebensfremder geht kaum ...

In der zweiten Hälfte kommen dann Zeitzeugen zu Wort. Das ist überaus aufschlussreich, erfährt man da doch auch, wer wen nicht mag, und warum. Nichts, das anregender und entblössender sein könnte. Erstaunlich auch, dass Bachmanns Drogensucht, ihr Saufen, für ihre Bekannten kein Thema war, geschweige denn angesprochen wurde. Wie kann man bloss glauben, jemanden zu verstehen bzw. beurteilen zu können, wenn man die Sucht, die immer persönlichkeitsprägend ist, gar nicht zur Kenntnis nimmt? "Wichtig scheint mir seine (Günter Herburgers) Beobachtung zu sein, dass die Freunde ihren Zustand nicht wahrhaben wollten." Die Auseinandersetzung mit Sucht bzw. destruktiver Abhängigkeit fällt eben Intellektuellen besonders schwer ...

Fazit: Ein sehr gut geschriebenes, überaus instruktives, ja erhellendes Werk.

Ina Hartwig
Wer war Ingeborg Bachmann?
Eine Biografie in Bruchstücken,
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2026

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