Wednesday, 8 July 2026

Vom Reisen

Vor zwei Tagen noch in Sargans, jetzt irgendwie übergangslos in Südkorea – eigenartiger geht kaum.

Incheon, das liegt nahe Flughafen und ist wohl deswegen voller Hotels. Eins neben dem andern, eine ganze Strasse lang. Die Südkoreaner seien Meister des Designs, informiert mich eine junge Japanerin, auf dem Heimweg von einer 7-Tage-Reise nach Usbekistan, eine Land, das für islamische Kunst berühmt sei. Sie zeigt mir auf ihrem Handy Bilder, die selbst im Kleinformat eindrücklich wirken.

Von Incheon gelangt man bequem in die Innenstadt von Seoul. Alle starren aufs Handy oder schlafen. Wie in Japan hat man hier gelegentlich den Eindruck man sei in Steinwüsten unterwegs. Südkorea ist ein Land der Hochhäuser, von denen einige die Bezeichnung Wolkenkratzer definitiv verdienen,

Immer mal wieder geht mir ein junges spanisches Paar durch den Kopf, die mir in Japan von Südkorea vorgeschwärmt hatten, vor allem, dass die Leute, im Gegensatz zu Japan, auf einen zugehen, das Gespräch suchen. Ich erlebe das auch so, doch habe ich in meinen ersten paar Tagen vor allem mit Japanern geplaudert, darunter ein Astrobiologe, dessen Ziel es ist, professioneller Pokerspieler zu werden, denn da gehe es darum, dass Kopf und Emotionen ausgeschaltet würden, und man nur noch automatisch funktioniere.

Es gibt Südkoreaner, die freundlich, zuvorkommend und hilfsbereits sind, es gibt aber auch ganz andere, die abweisend oder vollkommmen uninteressiert sind. Bei Japanern ist es auch so, bei Amerikanern, Brasilianern und Schweizern ebenso. Trotzdem gibt es Unterschiede, sie liegen in der Luft, man kann sie spüren. Daraus eine Theorie abzuleiten ist unnötig.

Alles geht ineinander über. Manchmal wähne ich mich in Japan, dann wieder in Warschau. Es ist als ob alles gleichzeitig ablaufen würde. Ich habe das unterwegs schon oft erlebt: Die Zeit ist definitiv eine Illusion. Zugegeben, eine hilfreiche.

Auf youtube scherzt der 82jährige Mick Jagger, in Begleitung seiner 38jährigen Verlobten (!?), für die Kameras. Fühle mich peinlich berührt; würdeloser geht kaum. Nicht so sehr des Altersunterschieds, sondern seiner Anbiederung an die Medien wegen. Alter und Eitelkeit vertragen sich besonders schlecht.

In Pohang. Die junge Frau (sie sieht aus wie 17, ist aber Ende 20) im Cafe liest Hemingway, hat Komposition studiert und unterrichtet Musik; ihr Traum ist Filmmusik zu schreiben. Im Lokal läuft Jazz, ich bin der einzige Gast. An 'Der alte Mann und das Meer' gefällt ihr, dass alle Menschen dieselben Ziele haben.

Wir unterhalten uns mittels einer Übersetzungsmaschine. Was mich nach Pohang bringe? Ich weiss es nicht wirklich, doch ich gehe gerne an Orte, von denen ich noch nie gehört und also auch kein Bild im Kopf habe. Was ihr an Pohang gefalle? Das Meer. Und sonst? Sonst sei da nichts, das Meer genüge vollauf. Vielleicht ist ja da mein unbewusster Grund (wenn es denn einen braucht), um hier zu sein, denn ich bin gerne an Orten, die keine Versprechen einlösen müssen.

Sie stammt aus einer Musikerfamilie. Vater, Mutter, Bruder – alle Musiker. Sie seien ziemlich herumgekommen, vor allem Seoul habe ihr gut getan. In Korea sei wichtig, dass man es in Seouls schaffe. Dort habe sie ihren Abschluss gemacht; jetzt sei sie froh, hier zu sein. Das stabilisiere sie.

Die japanischen Häuser in Guryongpo solle ich mir ansehen, wird mir geraten. Das sei eine halbe Stunde mit dem Bus, informiert mich die Rezeptionistin. Ob es sich lohne? Für sie nicht, antwortet sie, das seien einfach ein paar wenige japanische Häuser. Ob sich das Stadtzentrum lohne? So recht eigentlich sehe es überall ähnlich aus. Und so beschliesse ich, den am Vortag entdeckten Kanal entlang zu spazieren, mache Fotos, setze mich auf eine Bank und lese 'Sutton', wo ich bereits auf den ersten Seiten auf so lehrreiche Sätze stosse wie: All bosses eventually become fascists. Human nature.

Wie immer, so rennt mir auch beim Reisen das Hirn davon, will mich nicht verweilen lassen, wo ich gerade bin. Ich versuche, Gegensteuer zu geben. Anstatt zwei, drei Nächte, verbringe ich sechs in Pohang. Spaziere immer wieder durch dieselben Strassen und entdecke ständig Neues.

Das Hotel befinde sich in Strandnähe (Songdo Beach), so die Werbung. Nun ja, das ist relativ – es sind gut zwei Kilometer dahin, doch dann hat man eine sehr, sehr lange Uferpromande am japanischen Meer vor sich (trotz des grossen Sandstrands badet niemand, auch Sonnenbaden ist hier nicht angesagt), die man stundenlang entlanggehen kann. Das wird zu einer meiner Routinen.

Reisen: Die Begegnung mit Unverhofftem: Auf dem Weg (häufig wähne ich mich in Bangkok) zum Songdo Beach (ich habe in dieser Gegend noch nie einen anderen Westler gesehen) bleibe ich eines Morgens vor einem Laden stehen, um eine Blume zu fotografieren, als mich ein junges Mädchen anspricht, das auf meine Frage, woher sie Englisch könne, mit Guam antwortet. How long did you live in Guam? For almost ten years. And, how old are you? Nine.

Was mir beim Reisen primär auffällt: Wie beschränkt die Welt ist, in der ich mich zumeist bewege. Das hat auch, so scheint mir, mit den Polit-Medien zu tun, die mich mit Themen bombardieren, die mich angeblich interessieren sollten. Doch dann merke ich, dass mich viel mehr fasziniert, dass eine japanische Bankerin sich für islamische Kunst begeistert, und junge Japaner sich fürs Pokern (sie seien nur wenige, sagte mir der eine) engagieren.

Reisend vergeht die Zeit langsamer. Bewusst wird mir dabei auch: Es gibt so viele unterschiedliche Welten, es ist eine Bereicherung, von einem Teil davon etwas mitzukriegen. Und auch zu lernen, dass es Nationen gibt, die offensichtlich noch weit pünktlicher sind als wir Schweizer. Siehe das untenstehende Bild.

 Seoul Station, am 7. Juni 2026

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