Für
mich ist Bob Dylan ein hervorragender Songwriter, seine Stimme ist
hingegen nicht so mein Ding. Versionen seiner Songs von anderen
Interpreten ziehe ich (meistens, nicht immer) vor. Als Dichter habe
ich ihn nie wirklich wahrgenommen, obwohl ich einige seiner
Liedzeilen auswendig kann, was natürlich auch daran liegt, dass
Dylan-Songs zum Repertoire des Gitarrenduos gehörte, von dem ich
einstmals ein Teil war.
Ich habe Sänger
und Songwriter nie als Denker begriffen. Möglicherweise deswegen
nicht, weil die Songs, die ich früher selbst geschrieben habe,
intuitiv entstanden und ich Intuition und Verstand lange Zeit als
Gegensatzpaare begriffen habe. Diese Interviews haben mich eines
Besseren belehrt.
Eingeleitet
werden die Gespräche von Heinrich Detering, der Dylans Satz: „The
people in the songs are all me“ so kommentiert: „So erstaunlich
diese Behauptung angesichts von Songfiguren klingt, die im
spanisch-amerikanischen Krieg mitgekämpft haben, zum Schlägertrupp
eines Bandenchefs gehören oder während ihres Monologs allmählich
im Wahnsinn nächtlicher Halluzinationen versinken, so kennzeichnend
ist sie für Dylans Songpoetik.“ Eine Sichtweise, die mich
schmunzeln machte, da ich Dylans Satz ganz anders lese, nämlich so:
Alle Aussagen, die wir über uns und die Welt machen, sind Aussagen
über uns selber, denn etwas anderes kennen wir nicht, und können
wir auch gar nicht kennen. Übrigens: Bei allen Wandlungen, die Dylan
durchgemacht hat, so Deterich, ist sein „politisch-moralischer
Wertekanon“ stabil geblieben. Wer auch immer wir sind, was auch
immer wir tun, ein Kern in uns bleibt sich anscheinend immer gleich.
Die Gespräche
sind chronologisch angeordnet. Da ich mit Bob Dylan-Songs gross
geworden bin, erlaubt mir das eine ganz wunderbare Zeitreise in meine
eigene Vergangenheit. Was mir bei den ersten zwei Interviews aus den
60er Jahren auffällt: Dass ich immer mal wieder lachen muss, was
mich überrascht, denn ich habe Dylan bisher nicht mit Humor in
Verbindung gebracht. Auf mich wirkte er meist abweisend und mürrisch,
dabei ist er sehr witzig und schlagfertig.
Ich bin ganz
erstaunt wie clever dieser Mann ist. Das liegt natürlich auch daran,
dass ich mich nie wirklich mit ihm befasst habe. Jedenfalls verblüfft
mich ungemein, wie eigenständig und hellsichtig sich der damals
24Jährige zu Museen und Galerien, ja zum Kunstbetrieb insgesamt
äussert. Mit Labels wie „Protestsänger“, „Rock'n'Roll“ oder
„Folkmusic“ kann er nichts anfangen. Er tut einfach, was er tut.
„Ich schreibe, seit ich acht war. Ich spiele Gitarre, seit ich zehn
war. Ich bin damit aufgewachsen, zu spielen und zu schreiben, was ich
spielen und schreiben musste.“
Was denkt er über
Politik, Hochschulen, Protestbewegungen und und und? Kaum ein Feld
wird ausgelassen. Umso erfreulicher ist, dass es Dylan offenbar nicht
drängt zu Allem eine Meinung zu haben. Doch die, die er hat, sind
Ausdruck eigenständigen Denkens. Er selber hat das Studium
abgebrochen, würde er anderen auch dazu raten? Nein, würde er
nicht, doch „Ich würde ihm einfach das Studium nicht finanzieren.“
Hat er als Junge Präsident werden wollen? „Nein. Als ich ein Junge
war, war Harry Truman Präsident. Und wer möchte schon Harry Truman
sein?“
Berührend fand
ich insbesondere, was er über sein Aufwachsen im nördlichen
Minnesota sagte. „Im Winter war dort alles vollkommen still, nichts
bewegte sich. Acht Monate lang.(...) Der ganze Mittlere Westen hat
etwas stark Spirituelles, sehr subtil, sehr stark.“ Ich fühlte
mich an Kathleen Norris' Dakota.
A spiritual Geography sowie
an Robert M. Pirsigs (in Zen
und Die Kunst, ein Motorrad zu warten)
Schilderung der Dakotas erinnert, die ihm deswegen speziell waren,
weil sie nichts Besonderes versprachen und deshalb auch nichts
einzulösen brauchten.
Selbstverständlich
habe er ein Ziel und eine Mission, sagt Dylan und zitiert Henry
Miller: „Die Rolle des Künstlers ist es, die Welt mit
Desillusionierung zu impfen.“ Nicht alle Songs haben die Zeit gut
überstanden, wie er auch selber meint.
Die einzigen
wahren Spiegel seien Wasserpfützen, sagt er einmal. Und führt dann
aus: „Ein Bild, das Sie in einer Wasserpfütze sehen, führt in die
Tiefe. Ein Bild, das man beim Blick in ein Stück Glas sieht, hat
keine Tiefe und keine lebendig gewellte Bewegung.“ Ich
bin nur ich selbst, wer immer das ist
enthält ganz viele solch smarter Aussagen. “Es geht nicht um die
Songtexte. Die Leute denken das immer, und vielleicht geht es auf den
Platten um die Texte, aber auf der Bühne sind nicht die Texte das
Entscheidende, sondern alles läuft über die Phrasierung, die
Dynamik und den Rhythmus.“ Wahre Worte!
Die Palette, über
die sich Dylan in diesen Gesprächen auslässt, ist ungeheuer breit.
Von Shakespeare zu Elvis, vom Lesen der Bibel zum Malen, von Hitler
bis zu meiner Lieblingsantwort (auf die Frage, ob er glaube, was
einige behaupteten, dass Jim Morrison in den Anden lebe): „Ich habe
bisher nicht das Bedürfnis gehabt, mir dazu eine Meinung zu bilden
...“.
Das Ich-Jahrzehnt
hat Tom Wolfe die 1970er Jahre genannt. Diese Ich-Zeit
dauert nach wie vor an, alles wird in der heutigen Zeit
personalisiert, auf sich selber bezogen. Welt- und lebensfremder geht
kaum. Umso erfreulicher ist, dass Dylan davon wenig infiziert
scheint. „Als 'Hound Dog' im Radio lief, war meine Reaktion nicht:
'Wow, was für ein toller Song, wer den wohl geschrieben hat?' Mir
war im Grunde gleichgültig, wer ihn geschrieben hat. Es war egal. Er
war einfach ... er war einfach da.“
Fazit:
Grossartig! Eine überaus erhellende, anregende und sympathische
Zeitreise!
Bob Dylan
Ich
bin nur ich selbst, wer immer das ist
Gespräche aus sechzig
Jahren
Kampa Verlag, Zürich 2021