"Ich bin, was man 'halb schwarz, halb hispanisch' nennt (... ) Ich hatte schwarze Freunde, weisse Freunde, asiatischstämmige Freunde, hispanische Freunde und mixed race Freunde. Aber für mich waren sie nicht 'schwarz', 'weiss', 'hispanisch' oder 'mixed race'. Für mich waren es Rodney, Stephen, Javier und Jordan.", schreibt der Autor, Podcaster und Musiker Coleman Hughes in Farbenblind. Als er dann noch Martin Luther Kings "berühmten Ausspruch, wonach der Charakter wichtiger sei als die Hautfarbe" erwähnt, denkt es so in mir: So isses, und so recht eigentlich wäre damit bereits alles Wesentliche gesagt. Nur eben, wer so denkt, verkennt das Wesen der Bücher, bei denen es unter anderem darum geht, die einfachsten Dinge, die oft (wie auch im vorliegenden Fall) klarer nicht sein könnten, zu vernebeln und dies dann als Aufklärung bzw. Problembewusstsein zu deklarieren. Schliesslich braucht der Mensch eine (möglichst interessante) Beschäftigung ...
Ich lese weiter, denn der Mann schreibt gut, und erfahre von Mikroaggression, was bei mir den ersten Lacher auslöste, denn Mikro- und auch Makroaggressionen (und alles dazwischen) gehören ja so recht eigentlich zum menschlichen Leben und sind keineswegs auf race beschränkt. Als er dann während des Studiums an der Columbia aufgefordert wird, "darüber zu sprechen, wie wir an systemischer Unterdrückung mitwirkten oder von ihr betroffen waren", wird ihm sein Schwarzsein immer mehr bewusst, Dies führte dazu, dass er sich seinen Mitmenschen "weniger verbunden fühlte statt mehr."
Es ist dies ein Phänomen, das viel verbreiterter ist, als wir gemeinhin annehmen: Ein Problem zu identifizieren, macht es in aller Regel grösser, gibt ihm zumeist eine übertriebene Bedeutung. Anwälte und Psychologinnen wissen nicht nur darum, sie haben es zu ihrem Geschäftsmodell gemacht. Dass diejenigen, die das Thema Race bewirtschaften, sich in erster Linie selbst damit profilieren, nun gut, das ist ihre Sache. Ob man ihnen allerdings dabei helfen soll, indem man sich mit ihnen und ihren abstrusen Ideen abgibt? Ich finde nicht, bin dabei jedoch wenig konsequent.
Obwohl Coleman Hughes das Race-Thema nicht wirklich beschäftigte, sein kulturelles Umfeld war besessen davon und so kam er gar nicht drumherum, sich ebenfalls damit zu befassen: Dabei entpuppte sich der Race-Wahn für ihn als das, was er zu bekämpfen vorgibt: Rassismus, und zwar von der engstirnigsten Sorte. Was war da zu tun? Coleman Hughes plädiert für Farbenblindheit.
Race, was ist das eigentlich? "Ein soziales Konstrukt, das von einem natürlichen Phänomen inspiriert ist." Die einschlägigen Kategorien sind also höchst willkürlich, wie der Autor an zahlreichen Beispielen zeigt. Es wäre deswegen entschieden besser, Race nicht speziell zu berücksichtigen. "Farbenblindheit zielt nicht darauf ab, dass man Race nicht mehr wahrnimmt. Das können die meisten von uns gar nicht. Farbenblindheit zielt darauf ab, Race als Grund für eine unterschiedliche Behandlung von Menschen und als Kategorie sozialpolitischer Massnahmen bewusst auszublenden."
Am Rande: Unter der Kapitelüberschrift "Racial
Fusion" berichtet Tracy Novinger in "Communicating with
Brazilians. When 'Yes' means 'No'":
„Recently,
three years after the fact, it was discovered by chance that two
babies had been switched at birth in the hospital. Each family loved
the happy little boy it was raising. Despite daily news coverage and
avid public interest in custody considerations, no reports remarked
on the fact that one of the boys was black and was accepted at birth
by white parents and that the other boy was white and was raised
without question by dark-skinned parents.“
Farbenblind ist nicht nur nützlich und
vielfältig informativ, sondern auch anregend. Es sei eine Ironie des
Schicksals, so Coleman Hughes, "dass in den USA inzwischen die Identität des Boten
statt der Inhalt der Botschaft darüber entscheidet, wie Martin
Luther Kings Worte aufgefasst werden." So problematisch das auch
ist, die Vorstellung, dass es um die Sache gehen müsste, ist fast
ebenso problematisch, weil man dann unter anderem beim Argument
landet, auch Trump habe gelegentlich Recht. Nur eben: Diese Art von
politischen Anstand fordern zwar die Trumpianer, die allerdings
überhaupt nicht daran denken, dem politischen Gegner Gleiches
zuzugestehen. Meines Erachtens geht es immer um die Person und die
Sache: Von einem Psychopathen lasse ich mir grundsätzlich nichts
sagen.
Es ist so recht eigentlich ziemlich simpel: Wir Menschen sind unterschiedlich. Das liegt an diversen Faktoren, vom Geschlecht zur Kultur. Der Race-Faktor ist nicht entscheidend. Und je mehr man ihn vergisst, desto besser. Der Schauspieler Morgan Freeman auf die Frage, wie wir denn Rassismus loswerden könnten. "Indem wir aufhören, darüber zu reden. Ich höre auf, Sie einen Weissen zu nennen. Und ich bitte Sie aufzuhören, mich einen Schwarzen zu nennen "
Die für mich schönste und inspirierendste Geschichte in diesem Buch handelt von Coleman Hughes' Grossvater, Ingenieur bei General Electric, dem von einem wohlmeinenden weissen Ingenieur geraten wurde, wegen seiner Hautfarbe keine Manager-Karriere anzustreben. Er entschloss sich dann letztendlich doch dazu und machte eine steile Karriere.
Keine Frage: Rassismus ist eine Realität. Er gehört bekämpft, wo auch immer er auftritt. Genauso wie die Neorassisten, deren starres Weltbild sie ohnehin von vorneherein disqualifiziert.
"Warum der Neorassismus grassiert" lautet eines der Kapitel. Es ist das bei weitem schwächste, denn Warum-Fragen betr. Meinungen lassen sich nun mal nicht mit unserem Ursache/Wirkung-Denken beantworten. Man kann nur rätseln, was man auch ausgiebig tut. Dass das Smartphone dazu beigetragen hat, dass sich neorassistische Ideen in letzter Zeit so rasant verbreitet haben, ist sicher richtig, doch hat dasselbe Smartphone eben auch zu ganz vielen positiven Entwicklungen beigetragen.
Ein anderes Kapitel ist mit "Vielfalt neu denken" überschrieben, worin Coleman Hughes überzeugend darlegt, dass Race-bezogene Vielfalt nicht automatisch gut bzw. schlecht bedeutet. So nützlich sie etwa bei der Polizeiarbeit ist, die mit unterschiedlichen Menschen zu tun hat, so blödsinnig ist sie bei der Feuerwehr. denn dem Feuer ist es egal, von wem es gelöscht wird.
Farbenblind ist ein Werk reich an Beispielen, die deutlich machen, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung überfällig ist, ohne Scheuklappen und die Klischees vom weissen Ausbeuter und dem schwarzen Opfer. Zu den überaus erhellenden Fakten, die Coleman Hughes präsentiert gehört auch die Tatsache, dass Amerikaner und allgemein weisse Westler die einzige Bevölkerungsgruppe der Welt sind, die wegen der Sünden ihrer Vorfahren Schuldgefühle haben, was nicht zuletzt den Race-Aktivisten zupass kommt, die auch mit dem ererbten Trauma hausieren gehen, das der Autor als Mythos entlarvt.
Es ist paradox: Um zu verstehen, weshalb Farbenblindheit hilfreich ist, muss man begreifen, was ihr Gegenteil alles impliziert. Farbenblind liefert dazu einen vielfältig erhellenden Beitrag.
Coleman Hughes
Farbenblind
Plädoyer für eine Gesellschaft ohne Race-Politik
Edition Tiamat, Berlin 2025
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