Sunday, 24 August 2025

See you later

Mich erfreut der englische Humor, und der Schalk und Witz von Alan Bennett ganz besonders. Nicht einmal, dass er ein erfolgreiches Autor ist, stört mich.

Die Briten haben es nicht so mit direkten, klaren Aussagen. Viele andere auch nicht, man denke etwa an die Brasilianer, doch hier geht nun einmal um die Briten. "Haben Sie eine Nachricht hinterlassen?" "Nicht direkt."

Im Hill Topp House, das weniger ein Seniorenheim als ein Club ist, macht man auch regelmässig gemeinsame Ausflüge. "Erst letzte Woche waren wir auf einem Bauernhof in der Nähe, wo sie einen Flamingo haben." "Nur einen einzigen?"

Im Altersheim arbeitet auch die Pflegerin Zulema, die auf die Frage, aus welchem Teil Afrikas sie stamme, mit 'Peckham', antwortete, was als frech empfunden wurde, auch wenn sie selber, wie sie sagt, noch nie eine Lehmhütte gesehen hat.

Mein erster Höhepunkt, also da, wo ich zum ersten Mal Tränen lachte, ereignete sich bereits auf Seite fünf, als Zulema sich bei Woodruff erkundigte, ob er fertig sei. "Sie meinte damit nicht seinen Monolog, sondern sein Essenstablett, wo sich der geronnene Saft des Putenhacks mit dem Puddingrest vermengte. Woodruff hielt seine schützende Hand über sein Tablett und deutete damit an, dass er in dieser unappetitlichen Mischung noch Potential sah ...".

Alan Bennett hat nicht nur ein Auge für die vielfältigen Absurditäten des Lebens ("Ich habe ganz vergessen, wie er aussieht", sagte Miss Halliwell. "Wer?" "Prince Charles." Auch das war etwas, was uns ständig verlorenging: der Gesprächsfaden. "Warum müssen Sie das denn wissen? "Muss ich nicht, aber sicher ist sicher. Sie tauchen doch ständig auf." "Wer?" "Prominente." ...),  seine Beobachtungen machen auch deutlich, dass vieles nicht in unserer Kontrolle liegt. "Er blieb 'der Friseur' und wurde von schickeren Etablissements deklassiert, denen nachzueifern Cresswell das Temperament fehlte ...". Oder: "Ein respektvoller Ton lag ihm nicht."

Alten Leuten helfen häufig Andenken sich an ihre Vergangenheit zu erinnern – was früher unter Trödel lief, gilt heute als Sammlerstück. Auch Geburtstage befördern die Erinnerung, obwohl die Jubilare manchmal nicht mehr wussten, wie alt sie waren bzw. es lieber verschwiegen. Und natürlich gibt es in einem englischen Altersheim auch Exzentriker wie Mister Woodruff, der Lebensweisheiten verkündet, die, wenn überhaupt, nur ihm selber einleuchten.

Tränen lachen machten mich auch die Ausführungen zu Covid, die anschaulich zeigen, mit was für eigenwilligen Vorstellungen der Mensch unterwegs ist: Covid gehört nicht in die besseren Kreise; es ist unfair, selber Covid zu kriegen, wenn man alle Vorsichtsmassnahmen einhält. Die Heimleiterin sinniert: "Die Krankheit sollte doch ältere Menschen betreffen, gelegentlich auch Asiaten. Und sie war keins von beiden. Das versuchte sie dem diensthabenden Arzt im Krankenhaus zu erklären, und er tat so, als höre er zu, während er 'beginnende Demenz?' auf ihrer Krankenkarte notierte und ein Beatmungsgerät für sie anforderte, sobald eines frei wurde. Es wurde keines frei. Auch das war nicht fair."

Der zweite Teil des Buchs berichtet von einer Reise nach Leeds, wo der Autor 1934 geboren wurde, und Umgebung sowie einem Pandemietagebuch mit Abstechern zu Thomas Hardys Schaf-Experiment, Graham Greenes schlaffem Händedruck, Boris Johnsons Inkompetenz und der aufklärenden Bemerkung "'Robust', eines der Lieblingswörter der Rechten. Es bedeutet auch 'hartherzig'". 

Alan Bennett
See you later
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2025

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