Sunday, 17 August 2025

Einer reist mit

Ich bin sofort drin, in diesem Buch, von dem mir nie eingefallen wäre, es einen Roman zu nennen. Für mich ist es eher eine Erzählung, ein Bericht, ein Mit-Sich-Selber-Plaudern, Ich fühle mich sehr an mein eigenes Reisen erinnert. Immer zu früh am Flughafen, mit Büchern, die ich mir zu lesen vorgenommen habe, unentschieden, ob ich die Landschaft betrachten oder mich der Lektüre widmen soll.

Was auch immer sie tut, bei Anne Serre stellen sich unvermittelt Assoziationen ein, ganz unterschiedliche, doch häufig im Zusammenhang mit Autoren bzw. ihren Werken. Dann aber auch mit Zahlen, von denen, wie jeder weiss, einige bedeutsamer scheinen als andere, sei es die 12 oder die 8 oder welche auch immer.

Sie fährt mit dem Zug zu einem Literaturfestival, "zwischen meinen Gedanken und meinen Verpflichtungen hin und her gerissen ... Wie fast immer war ich zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her gerissen ...". Ein Teufelchen, notiert sie, hält sie davon ab, ganz in der Gegenwart oder ganz in der Vergangenheit zu sein. Sie gibt sich Tagträumen hin.

Ständig gehen ihr andere Schriftsteller durch den Kopf. Von einigen (Walser, Handke, Bernhard ...) hatte ich gehört, andere waren mir neu und erweckten meine Neugier (Enrique Vila-Matas) und bei noch anderen habe ich mich gefragt, ob sie vielleicht erfunden wurden. Eine junger Schweizer Schriftsteller namens Pierre Pier? Mir gänzlich unbekannt, auch Google kennt ihn nicht, was allerdings nicht viel heissen muss.

Vila-Matas schätzt die Autorin wegen seiner Heiterkeit. Ihn persönlich kennenlernen, als sie die Gelegenheit hast, will sie jedoch nicht. "Dieser Mensch hat nichts mit seinem Werk zu tun, so wie kein Mensch etwas mit seinem Werk zu tun hat."

Einer reist mit fasziniert und besticht durch seine vielfältigen Assoziationen. Wann immer sich die Protagonistin an etwas erinnert, löst diese Erinnerung wiederum weitere Erinnerungen aus, an die Familie, and die Kindheit, an Bordeaux, and Schriftstellerkollegen.

Früher war sie regelmässig völlig unvorbereitet zu Lesungen erschienen, das ist mittleerweile anders geworden. Zu ihren Vorbereitungen gehörten auch "zwei, drei hochprozentige Schlucke", die ihr, wie sind meint, zur Präsenz verhalfen. Das mag in ihrem Fall so sein, doch dass sie das auch dem hochberühmten französischen Schriftsteller R. attestiert, der "sturzbetrunken zu einer 'literarischen Begegnung' in New York" erschien, ist hingegen definitiv ein Fehlschluss.

Der Eine, der mitreist, ist Enrique Vilas-Matas, mit dem sie sich austauscht. Ob real oder nicht, klärt Anne Serre nicht, vielmehr spielt sie damit. Was ist schon real? Es gehört zu den Privilegien der Literatur, sich die Realität vorzustellen. Und wer möchte schon behaupten, unsere Vorstellung sei nicht real?

Der zweite Teil ist mit "Vila-Matas leitet Ermittlungen ein" überschrieben. Er handelt davon, dass Vila-Matas eines Tages eine Mail einer ihm unbekannten Rosanna Carriera erhält, die ihm mitteilt, er sei der Vater ihrer Tochter. Spielt ihm da jemand einen Streich? Und was hatte sich vor zwanzig Jahren in seinem Leben zugetragen? Er geht der Sache nach und auch hier sind die vielfältigen Assoziationen, die sich einstellen, spannend und anregend zu lesen.

Im dritten und letzten Teil, "Gesamtansicht des Frühlings", versucht sich die Autorin von Vila-Matas zu befreien. Gelungen war ihr das bei Kafka, und auch bei Bernhard, es müsste doch auch bei Vila-Matas möglich sein ...

Anne Serre
Einer reist mit
Roman
Berenberg Verlag, Berlin 2025

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