Wednesday, 27 August 2025

Grosse Literatur im Detail

"Woran erinnert man sich, wenn man sich an Lektüren erinnert? Weniger an Handlungsverläufe als an Details", so der 1960 geborene Germanist, Schriftsteller und Literaturkritiker Michael Maar. Von den vielen Details, die er erinnert, ist in diesem Buch die Rede. Das ist spannend, aufschlussreich, anregend und verhilft zu verblüffenden Einsichten.

Doch stimmt das eigentlich, erinnert man sich wirklich an die Details? In meinem Falle: Manchmal schon, doch weit häufiger erinnere ich mich, wo ich ein Buch gekauft, wo ich es gelesen und wo es mich hinbegleitet hat. 

Doch zurück zu den Details. Michael Maar ist ein Mann der Literatur, hat also wohl einen etwas anderen Blick auf Bücher als der zwar interessierte, doch nicht professionelle Leser. Dazu kommt: Er ist ein begabter Vermittler. Dieses Werk bietet eine ungewöhnlich, originelle und packende Einführung in die Literatur, die Michael Maar am Herzen liegt.

Doch so recht eigentlich geht Das violette Hündchen über die Literatur hinaus und liefert eine grundsätzliche, überaus hilfreiche Orientierungshilfe fürs Leben. "Es gibt nichts anderes als Details", hat der Zen-Meister Maezumi Roshi einmal gesagt. Und: "Kleinigkeiten sind nicht klein." Wobei: So sehe ich es, Michael Maar versteht sein Werk entschieden anders, was er unter anderem so ausdrückt: "Man musste Jane Austen sein, um zu schreiben wie sie." Oder: "Keine andere hätte schreiben können wie Virginia Woolf." Mit selber ist dieser Persönlichkeitskult fremd. Und nicht nur das: Ich halte diese Heldinnenverehrung für das grösste Übel "unserer" Kultur. Begabte Menschen sind meines Erachtens nichts als Gefässe, in denen sich manifestiert, was in vielen, wenn nicht in allen von uns, wohnt.

Doch zurück zum Buch: Das violette Hündchen hat seinen Auftritt in Krieg und Frieden, trägt zur Handlung rein gar nichts dabei und würde von keinem Leser vermisst, wenn es fehlen würde, befindet Michael Maar, der hingegen Humberts Hündchen in Lolita als unabdingbar einschätzt. "Ohne das Hündchen keine Lolita." Das Detail erfährt seine Bedeutung im Kontext; ohne Einbettung in einen Rahmen ist es bedeutungslos.

Michael Maar ist der klassische Bildungsbürger, der neben Nabokov und Thomas Mann zu den wohl wenigen gehört, die Don Quijote von der ersten bis zur letzten Seite gelesen haben, um dann zu Bram Stokers Dracula überzuleiten, von dem er ganz Vieles und ganz Unterschiedliches zu berichten weiss, insbesondere die verschiedenen Bezugnahmen (Hamlet, Lord Byron, Mark Twain und und und) haben es ihm angetan. Auch dass der literarische Zirkel in London klein war, erfährt man; man kannte sich. Empfindsamere Seelen mögen sich von diesem geballten Wissen gelegentlich erschlagen fühlen, auf andere, womöglich ebenso empfindsame, wird hingegen die Begeisterung des Autor, der die Fülle dieser Details geschickt zusammenzuführen weiss, anstecken.

Damit einem Details auffallen, muss man ein genauer Leser sein. Und das ist Michael Maar zweifellos. Seine Gabe besteht jedoch vor allem darin, Verbindungen aufzuzeigen, auf die ein nicht einschlägig Bewanderter wohl kaum kommen würde. Mir jedenfalls wäre gar nicht in den Sinn gekommen, dass es  Parallelen zwischen Henry James und Patricia Highsmith geben könnte. Apropos Highsmith: Als sie sich in Tegna bemüssigt fühlte, einmal die Dorfgemeinschaft einzuladen, schloss sie sich im Klo ein, bis auch der letzte Gast gegangen war. Es ist dies ein Detail, das meine Wahrnehmung der Highsmith künftig mitprägen wird.

Je mehr meine Lektüre voranschreitet, desto mehr scheint sich des Autors Behauptung, dass man vor allem die Details in Erinnerung behalte, zu bestätigen. So erfahre ich von Agota Kristof nicht nur, dass sie auf Französisch schrieb und diese Sprache hasste, sondern auch, dass ihr die Schweiz zeitlebens fremd blieb. In Wikipedia ist allerdings zu lesen: "Für ihre Heimat wider Willen, die Stadt Neuenburg, hatte sie, wie sie 2002 der Zeitschrift der Universität Neuenburg eingestand, 'ein sehr starkes Zugehörigkeitsgefühl'".

Es sind nicht zuletzt die vielen Hinweise, die dieses Buch zu einer bereichernden Lektüre machen. So lernt man etwa, wenn er über Colette schreibt, auch etwas über Tschechow. "Eine ihrer Stärken besteht in den Dialogen, schon als Kind war sie, darin Tschechow verwandt, eine offenbar begnadete Imitatorin." Auch erfährt man von Nabokovs abschätzigem Kommentar zu Faulkner, dessen Licht im August Maar in den höchsten Tönen lobt, was mich unverzüglich zu diesem einst angefangenen, doch nie zu Ende gelesenem Werk greifen lässt

Das violette Hündchen lädt ein, Entdeckungen zu machen. Sei es, dass man, wie in meinem Falle, zum ersten Mal von und über Autoren liest wie Leo Perutz oder Irène Némirovsky, von denen man nur die Namen kenne, sei es, dass man Bücher, die man kennt wie etwa Jonathan Franzens Crossroads oder Salman Rushdies Knife mit neuen Augen liest. Es sei nicht Eitelkeit, was Rushdie unter anderem charakterisiere, sondern Verletztheit, so Maar. Nous ne sommes que 'les interprètes des interprétations", zitiert George Steiner in Les Antigones Montaigne.

"Dass sein Werk strikt autobiografisch sei und er von sich sagen dürfe oder müsse, niemals etwas erfunden zu haben, hat Thomas Mann hunderte Male wiederholt." Dass Das violette Hündchen von den Vorlieben seines Autors handelt, erklärt er selbe, wobei er auch nicht zu erwähnen vergisst, wen er leider, leider hat weglassen müssen. Für mich besonders bedauernswert: Eric Ambler, Raymond Chandler, Haruki Murakami und und und.

Das violette Hündchen macht mich neugierig. Nicht zuletzt, weil es mich immer wieder verblüfft, Autoren und Werke zusammenbringt, die ich selber, wenn überhaupt, bislang nur separat wahrgenommen habe. Conan Doyle und Sigmund Freud etwa. Doch lesen Sie selbst!

Ein Buch für alle, die ein Jegliches für bedeutsam befinden und unerwartete Zusammenhänge zu entdecken bereit sind. Und gleichzeitig eine meisterhafte, ziemlich einzigartige, eigenwillige und höchst anregende Einführung in Michaels Maars Weltliteratur. 

Michael Maar
Das violette Hündchen
Grosse Literatur im Detail
Rowohlt, Hamburg 2025

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