Der Südkoreaner Kim Sang-young stirbt in den 1970er Jahren durch Erfrieren, in Kanada, wo er aus einer psychiatrischen Klink abgehauen ist. Der Klinikdirektor fragt sich, was Menschen in sogenannt verantwortungsvoller Position sich weltweit fragen: Was musste geschehen, um vor dem Klinikausschuss gut dazustehen?
Der Erzähler von Cold Case geht dieser Geschichte, zusammen mit seiner koreanischen Freundin Kim Minkyung (Kim Sang-young ist ihr Onkel), nach. Dabei herausgekommen ist einerseits eine Detektivgeschichte und andererseits ein facettenreiches Bild der südkoreanischen Realität, die der Autor Alexandre Labruffe auch aus eigener Anschauung kennt, war er doch einige Jahre für die Alliance Française vor Ort. Auch die kanadische Wirklichkeit wird geschildert, besonders aufschlussreich am Beispiel des Arztes und Abgeordneten Morton Shulman
So erfährt man etwa, dass Fremdgehen in Korea ein Geschäft ist. "weil Trennung als Schande gilt. Anders (im Stillen) gesagt: In Korea ist Fremdgehen besser als Scheidung, weil letztere dich erniedrigt und herabstuft. Die Scheidung, soziales Versagen oder Verrat an der Nation, lässt die Grundfesten der koreanischen Gesellschaft, ihre ewigen Werte bröckeln. Im Land der Neokonfuzianisten ist die Heuchelei Königin." Nicht nur in Korea, will ich da gleich hinzufügen, denn ohne Heuchelei gibt es keine Zivilisation.
Wie jede Gesellschaft ist auch die koreanische geprägt vom stetigen Wandel. "In den 60er Jahren war das Café in Korea das Distinktionsmerkmal der besseren Gesellschaft, Treffpunkt für besondere Gelegenheiten." In den 80er Jahren "quollen die Strassen des Landes vor Schamanen und Wahrsagern über. Scharlatane oder nicht."
Cold Case ist auch ein Roman, der mich immer mal wieder schmunzeln machte. Des Austauschs zwischen dem Erzähler und seiner Freundin wegen, der nicht zuletzt von der eigenwilligen Sprache der Koreanerin geprägt ist. "M: Bist du warnsinnig? Was gehst du mich an? L: Ich geh dich nicht an. Ich beliebe nur zu scherzen. M: Du verirrst mich."
Sprache lernt man ja auch über Laute, wobei dann, in der koreanischen Variante, etwa solches herauskommen kann: " Quaartsch mit Soja."
Alexandre Labruffe ist nicht nur ein genauer Beobachter, sondern bringt auch scharfsinnig auf den Punkt, worum es bei den Besäufnissen der koreanischen Jugend geht. "Zum Heiligtum erhobene Trunksucht, Ekstase im Koma. Nichts geht über die Auslöschung der Gegenwart."
Es ist der Ton (c'est le ton qui fait la musique), der mich ganz besonders für diesen Roman einnimmt. So beschreibt der Autor die Psychiatrie als "Planet Klinik, der über ein eigenes Neusprech verfügt", wo man , "die aus der Gesellschaft Entfernten, Verhaltensgestörten, Geisteskranken und Verrückten aller Art, dem Blick entzogene Zombies, Spinner, Bekloppte, territorial Verdrängte" untergebracht hat. Illusionfrei konstatiert er: "Ich denke: exiliert im eigenen Land."
Es sind vor allem die Passagen über die Psychiatrie, die mich am meisten gepackt haben. Auf eine Diagnose folgt die medikamentöse Einstellung. Nur eben: "Es gibt keine Medikamente gegen Wahnsinn. Scheisse noch mal, Minkyung, so etwas gibt es nicht. Sie schalten ihn ab, deinen Vater. Sie lähmen sein Hirn mit Rattengift."
Cold Case ist ein überaus origineller Roman, der zwei Kulturen (Kanada und Südkorea) schildert, anhand der Psychiatrie bzw. des gesellschaftlichendes Umgangs mit Nicht-im-System Funktionierenden. Smart und witzig.
Alexandre Labruffe
Cold Case
Roman
Wagenbach, Berlin 2026


No comments:
Post a Comment