Wednesday, 25 March 2026

Schon eigenartig, das Gedächtnis

Zu den grössten Schwierigkeiten bei seiner Weltreise-Vorbereitung gehörte der Entscheid, welche Bücher er mitnehmen sollte. Schliesslich entschied er sich für Montaignes Essais, Fontanes Effi Briest, Shakespeares Hamlet, Goethes Faust, Sophokles‘ Antigone und und und … Er las sie alle. Und hatte nach seiner Rückkehr Null-Erinnerung an die Lektüre, auch wenn ein Satz aus Shakespeares Hamlet zu seinem Leitgedanken geworden war: The readiness is all. Er hatte ihn aus The Prince of West End Avenue von Alan Isler.

Im Nachhinein wunderte er sich, wie wenig ihm von dieser Weltumrundung geblieben war. Eine Busfahrt in Neuseeland, auf der er eine junge Maori fragte, wie sie Rotorua, das bekannt für seine Schwefelquellen ist, beschreiben würde – „it stinks“, sagte sie; Bilder aus Hawaii, wo er jeden Tag in dasselbe Restaurant ging, wegen der hübschen Bedienung, die er sich jedoch nicht anzusprechen traute; ein Lokal beim Santa Monica Pier in Los Angeles, wo jeder, der wollte, sich auf der Bühne produzieren durfte und ein Schwarzer dermassen falsch sang, dass Hugo sich vor Lachen kaum mehr erholen konnte (er war bis dahin der Meinung gewesen, alle Schwarzen hätten Musik und Rhythmus im Blut); die Beaconsfield Parade in Melbourne, wo er in einer Wohngemeinschaft untergekommen war; Brigitte, die in einem vegetarischen Lokal kochte; eine Hochhauswohnung nahe beim Bondi Beach in Sydney, wo die Freundin einer Zufallsbekanntschaft mit ihrem Freund wohnte.

Schon eigenartig, das Gedächtnis. Dass ihm die Dinge blieben, die ihm wichtig waren, konnte er nicht sagen. Doch auch das Gegenteil stimmte nicht. Vielmehr war es ein ziemliches Durcheinander, abhängig von Stimmungen, die er kaum beeinflussen konnte. Dazu kam: Unangenehmes verdrängte er bewusst. Und vermutlich auch unbewusst. Diejenigen, die das Unbewusste interpretierten, hielt er für Scharlatane.

Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Tredition 2025

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