Zu
den grössten Schwierigkeiten bei seiner Weltreise-Vorbereitung
gehörte der Entscheid, welche Bücher er mitnehmen sollte.
Schliesslich entschied er sich für Montaignes Essais, Fontanes Effi
Briest, Shakespeares Hamlet, Goethes Faust, Sophokles‘ Antigone und
und und … Er las sie alle. Und hatte nach seiner Rückkehr
Null-Erinnerung an die Lektüre, auch wenn ein Satz aus Shakespeares
Hamlet zu seinem Leitgedanken geworden war:
The readiness is all.
Er hatte ihn aus The
Prince of West End Avenue
von Alan Isler.
Im
Nachhinein wunderte
er sich, wie wenig ihm von dieser Weltumrundung geblieben war. Eine
Busfahrt in Neuseeland, auf der er eine junge Maori fragte, wie sie
Rotorua, das bekannt für seine Schwefelquellen ist, beschreiben
würde – „it stinks“, sagte sie; Bilder aus Hawaii, wo er jeden
Tag in dasselbe Restaurant ging, wegen der hübschen Bedienung, die
er sich jedoch nicht anzusprechen traute; ein Lokal beim Santa Monica
Pier in Los Angeles, wo jeder, der wollte, sich auf der Bühne
produzieren durfte und ein Schwarzer dermassen falsch sang, dass Hugo
sich vor Lachen kaum mehr erholen konnte (er war bis dahin der
Meinung gewesen, alle Schwarzen hätten Musik und Rhythmus im Blut);
die Beaconsfield Parade in Melbourne, wo er in einer Wohngemeinschaft
untergekommen war; Brigitte, die in einem vegetarischen Lokal kochte;
eine Hochhauswohnung nahe beim Bondi Beach in Sydney, wo die Freundin
einer Zufallsbekanntschaft mit ihrem Freund wohnte.
Schon
eigenartig, das Gedächtnis. Dass ihm die Dinge blieben, die ihm
wichtig waren, konnte er nicht sagen. Doch auch das Gegenteil stimmte
nicht. Vielmehr war es ein ziemliches Durcheinander, abhängig von
Stimmungen, die er kaum beeinflussen konnte. Dazu kam: Unangenehmes
verdrängte er bewusst. Und vermutlich auch unbewusst. Diejenigen,
die das Unbewusste interpretierten, hielt er für Scharlatane.
Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Tredition 2025


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