Sunday, 29 March 2026

Das unglaubliche Leben der Queen

Was ich einst über Craig Browns Biografie der Beatles, One Two Three Four, geschrieben habe ("Eine ganz wunderbare Zeitreise, sehr amüsant, höchst informativ, glänzend geschrieben. Eine Perle von einem Buch!"), trifft genauso auf Das unglaubliche Leben der Queen zu: Nie wurde ich besser unterhalten, nie wurde ich umfassender informiert, nie wurde mir deutlicher vor Augen geführt, wie wunderlich, ja irre, sich der Mensch in diesem selber fabrizierten Welttheater aufführt. Ich habe Tränen gelacht!

"Kein Mensch in der Geschichte der Menschheit hat ein besser dokumentiertes Leben geführt als die Queen." Was auch immer man über sie denken mochte, man begegnete ihr gleichsam ehrfürchtig. Nicht nur ihre Fans, auch ihre Kritiker.

"In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es völlig selbstverständlich, dass alle – Männer, Frauen und Kinder – sich erhoben, wenn die Nationalhymne erklang." Diese Melodie, und diesen Text, mit dem die Menschen Gott baten, sie zu beschützen, hat wohl kaum ein Mensch derart oft gehört wie die Queen. "Ihre Reaktion war meist dieselbe: Sie machte ein besinnliches, aber auch etwas gleichgültiges Gesicht und blickte unbeirrt geradeaus   so, als würde sie geduldig auf den nächsten Bus warte."

Zu den Lieblingsbeschäftigungen der Queen (und auch von Queen Mum) gehörte das Puzzeln, wobei galt: Je mehr Teile, desto besser. "Puzzles gefallen all denen besonders gut, die gern Chaos in Ordnung verwandeln." Das ist jedoch nur ein Teil der Persönlichkeit der Queen, die bekanntlich auch eine Vorliebe für Corgis hat, die das genaue Gegenteil von Puzzles repräsentieren. "Diese Hunde waren planlos, sorglos, aggressiv und fordernd. (....) Sie waren wie vierbeinige Diktatoren, sturzbetrunkene Kleinkinder, randalierende Hooligans. Ehrerbietung oder Majestät waren Fremdwörter für sie." Darüber hinaus hatten sie gegenüber Hausangestellten einen entschiedenen Vorteil: "Kein königlicher Corgi hat je seine Memoiren geschrieben oder Oprah Winfrey sein Herz ausgeschüttet."

Die Corgis ihrer Majestät drehten auch immer mal wieder durch. Als Dotty ("die Verrückte") einmal zwei Jungs auf Fahrrädern attackierte und der Fall vor Gericht kam, wurde auch der Hundepsychologe Dr. Roger Mugford beigezogen, dessen Ausführungen, absolut preiswürdig waren.

Queen Elizabeth II war gerade mal 26 als sie gekrönt wurde. Dass die ganze Nation, wie einstmals, zur Monarchin hochschauen würde, hielt der Schriftsteller John Fowles für unwahrscheinlich, da die Welt heute ein Bienenstock sei, wo jeder seine eigene Wabe bewohne und alles den Anschein von Gleichberechtigung habe. "Wenn die Monarchie bestehen bleibt, dann deshalb, weil das Leben der breiten Masse derart blass und eintönig ist, dass die Leute jede Gelegenheit zur Sublimierung nur zu gern ergreifen. Und so wird die Krone zum seelischen Anker, zur Erholungspause – zum Treibanker. Sie hemmt uns, aber sie ermöglicht uns gerade dadurch eine sichere Weiterfahrt." Am Rande: Der hochnäsige britische Adel, so lerne ich, schätzt die Königsfamilie gering, lauter Parvenüs!

Das unglaubliche Leben der Queen ist überaus reich an teils skurillen Details, darunter die Karriere der Elizabeth-Doppelgängerin Jeannette Charles, die bei ihrem Tod genauso alt war wie die Queen, als sie starb. Oder: Der zehnjährige Paul McCartney wird für seinen Schüleraufsatz über den Krünungstag mit einem Preis bedacht; die 23jährige Reporterin Jaqueline Bouvier ist im Auftrag der Zeitung Washington Times-Herald vor Ort. Und und und ....Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Beileibe kein Detail war jedoch die Detailgenauigkeit, mit der alles und jedes im königlichen Haushalt vonstatten zu gehen hatte. Alles, wirklich alles hatte einem rigorosen Drehbuch zu folgen, selbst der Gang zur Toilette. Die Queen "war überzeugt, dass sich dadurch letztlich alle sicherer fühlen konnten, ganz egal welchen gesellschaftlichen Rang sie einnahmen, denn immerhin wussten sie auf diese Weise,woran sie waren." Man darf daraus füglich schliessen, dass sich dadurch auch die Queen sicher fühlen konnte.

Durchregulierter als das Leben der Queen und der Umgang mit ihr, geht eigentlich nicht, was jedoch nicht allein ein Garant für Stabilität, sondern auch eine Methode der Einschüchterung ist. Unterwerfung wird nicht verlangt, sondern erwartet. Und die Untertanen (!) der Königin enttäuschen sie nicht: Nichts, was geeigneter wäre, um die Menschen als das vorzuführen, was sie wirklich sind: Folgsame Trottel (und Trottelinnen).

Dass die Dinge im Kontext gesehen werden müssen, lernt man nicht zuletzt an Universitäten, ansonsten sich das akademische Tun kaum begründen liesse. Der von Craig Brown vorgelegte Kontext orientiert sich erfreulicherweise am realen Leben und liest sich unter anderem so: "Schätzungsweise 150 Prostituierte vom europäischen Festland werden rechtzeitig zu den Krönungsfeierlichkeiten im Londoner Westend eintreffen. Das überrascht wenig, denn schliesslich wirken pompöse Veranstaltungen wie diese auf verschiedene Menschen ganz verschieden, und die aphrodisierende Wirkung der Monarchie ist noch lange nicht ausreichend erforscht."

Fazit: Informativer und unterhaltsamer geht nicht. Ein Lesegenuss erster Güte!

Craig Brown
Das unglaubliche Leben der Queen
C.H. Beck, München 2026

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