Sunday, 17 August 2025

Einer reist mit

Ich bin sofort drin, in diesem Buch, von dem mir nie eingefallen wäre, es einen Roman zu nennen. Für mich ist es eher eine Erzählung, ein Bericht, ein Mit-Sich-Selber-Plaudern, Ich fühle mich sehr an mein eigenes Reisen erinnert. Immer zu früh am Flughafen, mit Büchern, die ich mir zu lesen vorgenommen habe, unentschieden, ob ich die Landschaft betrachten oder mich der Lektüre widmen soll.

Was auch immer sie tut, bei Anne Serre stellen sich unvermittelt Assoziationen ein, ganz unterschiedliche, doch häufig im Zusammenhang mit Autoren bzw. ihren Werken. Dann aber auch mit Zahlen, von denen, wie jeder weiss, einige bedeutsamer scheinen als andere, sei es die 12 oder die 8 oder welche auch immer.

Sie fährt mit dem Zug zu einem Literaturfestival, "zwischen meinen Gedanken und meinen Verpflichtungen hin und her gerissen ... Wie fast immer war ich zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her gerissen ...". Ein Teufelchen, notiert sie, hält sie davon ab, ganz in der Gegenwart oder ganz in der Vergangenheit zu sein. Sie gibt sich Tagträumen hin.

Ständig gehen ihr andere Schriftsteller durch den Kopf. Von einigen (Walser, Handke, Bernhard ...) hatte ich gehört, andere waren mir neu und erweckten meine Neugier (Enrique Vila-Matas) und bei noch anderen habe ich mich gefragt, ob sie vielleicht erfunden wurden. Eine junger Schweizer Schriftsteller namens Pierre Pier? Mir gänzlich unbekannt, auch Google kennt ihn nicht, was allerdings nicht viel heissen muss.

Vila-Matas schätzt die Autorin wegen seiner Heiterkeit. Ihn persönlich kennenlernen, als sie die Gelegenheit hast, will sie jedoch nicht. "Dieser Mensch hat nichts mit seinem Werk zu tun, so wie kein Mensch etwas mit seinem Werk zu tun hat."

Einer reist mit fasziniert und besticht durch seine vielfältigen Assoziationen. Wann immer sich die Protagonistin an etwas erinnert, löst diese Erinnerung wiederum weitere Erinnerungen aus, an die Familie, and die Kindheit, an Bordeaux, and Schriftstellerkollegen.

Früher war sie regelmässig völlig unvorbereitet zu Lesungen erschienen, das ist mittleerweile anders geworden. Zu ihren Vorbereitungen gehörten auch "zwei, drei hochprozentige Schlucke", die ihr, wie sind meint, zur Präsenz verhalfen. Das mag in ihrem Fall so sein, doch dass sie das auch dem hochberühmten französischen Schriftsteller R. attestiert, der "sturzbetrunken zu einer 'literarischen Begegnung' in New York" erschien, ist hingegen definitiv ein Fehlschluss.

Der Eine, der mitreist, ist Enrique Vilas-Matas, mit dem sie sich austauscht. Ob real oder nicht, klärt Anne Serre nicht, vielmehr spielt sie damit. Was ist schon real? Es gehört zu den Privilegien der Literatur, sich die Realität vorzustellen. Und wer möchte schon behaupten, unsere Vorstellung sei nicht real?

Der zweite Teil ist mit "Vila-Matas leitet Ermittlungen ein" überschrieben. Er handelt davon, dass Vila-Matas eines Tages eine Mail einer ihm unbekannten Rosanna Carriera erhält, die ihm mitteilt, er sei der Vater ihrer Tochter. Spielt ihm da jemand einen Streich? Und was hatte sich vor zwanzig Jahren in seinem Leben zugetragen? Er geht der Sache nach und auch hier sind die vielfältigen Assoziationen, die sich einstellen, spannend und anregend zu lesen.

Im dritten und letzten Teil, "Gesamtansicht des Frühlings", versucht sich die Autorin von Vila-Matas zu befreien. Gelungen war ihr das bei Kafka, und auch bei Bernhard, es müsste doch auch bei Vila-Matas möglich sein ...

Anne Serre
Einer reist mit
Roman
Berenberg Verlag, Berlin 2025

Wednesday, 13 August 2025

Farbenblind

"Ich bin, was man 'halb schwarz, halb hispanisch' nennt (... ) Ich hatte schwarze Freunde, weisse Freunde, asiatischstämmige Freunde, hispanische Freunde und mixed race Freunde. Aber für mich waren sie nicht 'schwarz', 'weiss', 'hispanisch' oder 'mixed race'. Für mich waren es Rodney, Stephen, Javier und Jordan.", schreibt der Autor, Podcaster und Musiker Coleman Hughes in Farbenblind. Als er dann noch Martin Luther Kings "berühmten Ausspruch, wonach der Charakter wichtiger sei als die Hautfarbe" erwähnt, denkt es so in mir: So isses, und so recht eigentlich wäre damit bereits alles Wesentliche gesagt. Nur eben, wer so denkt, verkennt das Wesen der Bücher, bei denen es unter anderem darum geht, die einfachsten Dinge, die oft (wie auch im vorliegenden Fall) klarer nicht sein könnten, zu vernebeln und dies dann als Aufklärung bzw. Problembewusstsein zu deklarieren. Schliesslich braucht der Mensch eine (möglichst interessante) Beschäftigung ...

Ich lese weiter, denn der Mann schreibt gut, und erfahre von Mikroaggression, was bei mir den ersten  Lacher auslöste, denn Mikro- und auch Makroaggressionen (und alles dazwischen) gehören ja so recht eigentlich zum menschlichen Leben und sind keineswegs auf race beschränkt. Als er dann während des Studiums an der Columbia aufgefordert wird, "darüber zu sprechen, wie wir an systemischer Unterdrückung mitwirkten oder von ihr betroffen waren", wird ihm sein Schwarzsein immer mehr bewusst, Dies führte dazu, dass er sich seinen Mitmenschen "weniger verbunden fühlte statt mehr."

Es ist dies ein Phänomen, das viel verbreiterter ist, als wir gemeinhin annehmen: Ein Problem zu identifizieren, macht es in aller Regel grösser, gibt ihm zumeist eine übertriebene Bedeutung. Anwälte und Psychologinnen wissen nicht nur darum, sie haben es zu ihrem Geschäftsmodell gemacht. Dass diejenigen, die das Thema Race bewirtschaften, sich in erster Linie selbst damit profilieren, nun gut, das ist ihre Sache. Ob man ihnen allerdings dabei helfen soll, indem man sich mit ihnen und ihren abstrusen Ideen abgibt? Ich finde nicht, bin dabei jedoch wenig konsequent.

Obwohl Coleman Hughes das Race-Thema nicht wirklich beschäftigte, sein kulturelles Umfeld war besessen davon und so kam er gar nicht drumherum, sich ebenfalls damit zu befassen: Dabei entpuppte sich der Race-Wahn für ihn als das, was er zu bekämpfen vorgibt: Rassismus, und zwar von der engstirnigsten Sorte. Was war da zu tun? Coleman Hughes plädiert für Farbenblindheit.

Race, was ist das eigentlich? "Ein soziales Konstrukt, das von einem natürlichen Phänomen inspiriert ist." Die einschlägigen Kategorien sind also höchst willkürlich, wie der Autor an zahlreichen Beispielen zeigt. Es wäre deswegen entschieden besser, Race nicht speziell zu berücksichtigen. "Farbenblindheit zielt nicht darauf ab, dass man Race nicht mehr wahrnimmt. Das können die meisten von uns gar nicht. Farbenblindheit zielt darauf ab, Race als Grund für eine unterschiedliche Behandlung von Menschen und als Kategorie sozialpolitischer Massnahmen bewusst auszublenden."

Am Rande: Unter der Kapitelüberschrift "Racial Fusion" berichtet Tracy Novinger in "Communicating with Brazilians. When 'Yes' means 'No'":

„Recently, three years after the fact, it was discovered by chance that two babies had been switched at birth in the hospital. Each family loved the happy little boy it was raising. Despite daily news coverage and avid public interest in custody considerations, no reports remarked on the fact that one of the boys was black and was accepted at birth by white parents and that the other boy was white and was raised without question by dark-skinned parents.“

Farbenblind ist nicht nur nützlich und vielfältig informativ, sondern auch anregend. Es sei eine Ironie des Schicksals, so Coleman Hughes, "dass in den USA inzwischen die Identität des Boten statt der Inhalt der Botschaft darüber entscheidet, wie Martin Luther Kings Worte aufgefasst werden." So problematisch das auch ist, die Vorstellung, dass es um die Sache gehen müsste, ist fast ebenso problematisch, weil man dann unter anderem beim Argument landet, auch Trump habe gelegentlich Recht. Nur eben: Diese Art von politischen Anstand fordern zwar die Trumpianer, die allerdings überhaupt nicht daran denken, dem politischen Gegner Gleiches zuzugestehen. Meines Erachtens geht es immer um die Person und die Sache: Von einem Psychopathen lasse ich mir grundsätzlich nichts sagen.

Es ist so recht eigentlich ziemlich simpel: Wir Menschen sind unterschiedlich. Das liegt an diversen Faktoren, vom Geschlecht zur Kultur. Der Race-Faktor ist nicht entscheidend. Und je mehr man ihn vergisst, desto besser. Der Schauspieler Morgan Freeman auf die Frage, wie wir denn Rassismus loswerden könnten. "Indem wir aufhören, darüber zu reden. Ich höre auf, Sie einen Weissen zu nennen. Und ich bitte Sie aufzuhören, mich einen Schwarzen zu nennen " 

Die für mich schönste und inspirierendste Geschichte in diesem Buch handelt von Coleman Hughes' Grossvater, Ingenieur bei General Electric, dem von einem wohlmeinenden weissen Ingenieur geraten wurde, wegen seiner Hautfarbe keine Manager-Karriere anzustreben. Er entschloss sich dann letztendlich doch dazu und machte eine steile Karriere.

Keine Frage: Rassismus ist eine Realität. Er gehört bekämpft, wo auch immer er auftritt. Genauso wie die Neorassisten, deren starres Weltbild sie ohnehin von vorneherein disqualifiziert.

"Warum der Neorassismus grassiert" lautet eines der Kapitel. Es ist das bei weitem schwächste, denn Warum-Fragen betr. Meinungen lassen sich nun mal nicht mit unserem Ursache/Wirkung-Denken beantworten. Man kann nur rätseln, was man auch ausgiebig tut. Dass das Smartphone dazu beigetragen hat, dass sich neorassistische Ideen in letzter Zeit so rasant verbreitet haben, ist sicher richtig, doch hat dasselbe Smartphone eben auch zu ganz vielen positiven Entwicklungen beigetragen.

Ein anderes Kapitel ist mit "Vielfalt neu denken" überschrieben, worin Coleman Hughes überzeugend darlegt, dass Race-bezogene Vielfalt nicht automatisch gut bzw. schlecht bedeutet. So nützlich sie etwa bei der Polizeiarbeit ist, die mit unterschiedlichen Menschen zu tun hat, so blödsinnig ist sie bei der Feuerwehr. denn dem Feuer ist es egal, von wem es gelöscht wird.

Farbenblind ist ein Werk reich an Beispielen, die deutlich machen, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung überfällig ist, ohne Scheuklappen und die Klischees vom weissen Ausbeuter und dem schwarzen Opfer. Zu den überaus erhellenden Fakten, die Coleman Hughes präsentiert gehört auch die Tatsache, dass Amerikaner und allgemein weisse Westler die einzige Bevölkerungsgruppe der Welt sind, die wegen der Sünden ihrer Vorfahren Schuldgefühle haben, was nicht zuletzt den Race-Aktivisten zupass kommt, die auch mit dem ererbten Trauma hausieren gehen, das der Autor als Mythos entlarvt.

 Es ist paradox: Um zu verstehen, weshalb Farbenblindheit hilfreich ist, muss man begreifen, was ihr Gegenteil alles impliziert. Farbenblind liefert dazu einen vielfältig erhellenden Beitrag.

Coleman Hughes
Farbenblind
Plädoyer für eine Gesellschaft ohne Race-Politik
Edition Tiamat, Berlin 2025

Sunday, 10 August 2025

Giving the moment significance

Samuel Beckett in his local cafe in Montparnasse, Paris

'Daylight was disappearing and I thought the moment had passed' … Samuel Beckett's local cafe in Paris. Photograph: John Minihan

In 2012, in the Guardian's "My best shot"-series, there was a piece on John Minihan and one of his photographs of Samuel Beckett. In the interview, Minihan commented on this picture: "This is Samuel Beckett in a café in Paris. He set it all up. He wanted the picture to say: This is who I am." I especially warmed to this remark of Minihan: "To my mind, a 16th of a second is nothing out of someone's life." I've never understood why, for instance, a picture of somebody caught off guard should reveal something meaningful. Or why a staged photo should tell me anything other than what it is: a staged photo.

Photography is commonly understood as showing us a moment in time. This of course implies that there is such a thing as time — and that, of course, is a matter of belief. In her study Dakota. A Spiritual Geography, Kathleen Norris (1993) quotes Martin Broken Leg, a Rosebud Sioux who is an Episcopal priest, addressing an audience of Lutheran pastors on the subject of bridging the Native American/white culture gap:

"'Ghosts don't exist in some cultures,' he said, adding dismissively, 'they think time exists.'"

The concept of the meaningful moment, moreover, also implies that the moment shown should hold special significance. Here, Adam Johnson (2003) comes to mind, who (in Parasites Like Us) penned:

"I shook the podium one last time, and, before dismissing class early, admonished them: 'All life offers us is the moment. There is only the ravishing spontaneity of being, then nothing more. Moments, people — enhearten them, for they are fleeting' (...) Moments are fleeting? I sounded as dramatic and fake as the romantic poetry glued to English teachers' in-boxes. Was 'enhearten' even a word?"

Let us, for the sake of argument, assume that time exists: why is it then that moments captured by a camera should be especially meaningful? I mean: why this moment and not the one just before this moment or the one after? Can we really just pick and choose at will from the continuous flow of what we call moments and then claim that what we chose should hold special significance?

In light of the Buddhist saying that the only permanent thing is change, our desire to make moments meaningful is understandable but also slightly absurd. Life, after all, is largely a series of unpredictable events and, as Penelope Lively (2005) once put it (in Making It Up):

"... things might have gone entirely differently, when life might have spun off in some other direction."

To live moment after moment seems insufficient: we need orientation, we need meaning in order to not feel lost in this seemingly arbitrary universe. And so we do what we can and invent realities, realities that provide order, stability, give us something to do and, if all goes well, an income — just think of how bureaucracy helps bureaucrats to make a living. However, the fact that reality is constructed does not mean that things only exist in our minds (whoever suffers from toothache knows that to be very real). It only means that our mental concepts of reality are amazingly varied.

"Man is made by his belief. As he believes, so he is," says the Bhagavad Gita. Our need, and ability, to believe produces sometimes quite peculiar results. That, for instance, singling out moments, and making them visible — and this is what photography essentially is — should be, we are told by some propagandists, important and meaningful. And, it will become indeed meaningful if we decide to believe that. In other words, what we believe is a matter of choice, it is not our destiny. To quote myself:

"... we are not condemned to expect from the world what our culture has told us. The culture we grow up in is not a static entity; neither is our identity fixed once and for all. We get older, might decide to live in foreign cultures, might even acquire knowledge that teaches us that some of the things we were once taught are quite possibly wrong in themselves, not only wrong in a given context." (Hans Durrer, Ways of perception. On visual and intercultural communication. Bangkok: White Lotus Press, 2006).

Let me get back to John Minihan and Samuel Beckett. In the interview Minihan says:

"We talked until 4.50 p.m. He mesmerised me. Daylight was quickly disappearing and I thought the moment had passed. Then Sam said: 'John, would you like to take a photograph?' I got out my Rolleiflex and took three frames. They turned out better than I expected because Sam directed the whole scene. He wanted it to say: 'This is who I am.'"

Maybe, yes. More likely, I find, would be: "This is how I want to see myself."

Photographs, by giving us the impression of having made time stand still, attempt to give the moment significance. We are well advised to keep in mind what Barry Lopez (1998) had to say about this seemingly simple process (in "About This Life"):

"I realized that just as the distance between what I saw and what I was able to record was huge, so was that between what I recorded and what people saw."

2012 © Hans Durrer / Soundscapes

Wednesday, 6 August 2025

Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus

In der Einleitung nimmt Rainer Mühlhoff auch Bezug auf das Wüten von Elon Musks DOGE (Department of Government Efficiency), einer Zertrümmerungsmaschine sondergleichen, die als effizient zu bezeichnen keinem halbwegs zivilisierten Wesen einfallen würde, und führt dabei vor, was Faschismus heutzutage ausmacht: Antidemokratisches Wirken, Gewaltbereitschaft, der Einsatz von Technologie als Machtinstrument.

Grundlegend für den Umgang des Menschen mit der Welt, inklusive der KI, ist die Projektion. Als Beispiel möge der Aufmerksamkeitsjunkie im Weissen Haus gelten, der mit seinen zahlreichen Invektiven immer nur sich selber beschreibt. Anthropomorphisierung nennt der Autor das Phänomen in Bezug auf KI: alles wird vermenschlicht. Wie heisst es doch so treffend im Talmud: We do not see things as they are, we see things as we are. Wobei auch gilt: "Was immer projiziert wird, kann übertrieben werden."

Man kann dieses Phänomen der Projektion nicht genug betonen, da die Sichtweise von KI wesentlich in der Persönlichkeit der sie Beurteilenden liegt. So hat der Medienwissenschaftler Evgeny Morozov von Solutionismus gesprochen. "Solutionismus beschreibt die Ideologie, die komplexe gesellschaftliche Probleme auf rein technische Herausforderungen reduziert ...". Nicht, dass dies etwas Neues wäre: Wer sich vorwiegend am Resultat orientiert, wird fast zwangsläufig den Weg dorthin ausser Acht lassen.

Rainer Mühlhoff unterscheidet symbolische und subsymbolische KI. Erstere meint maschinenlesbare Wenn-Dann-Regeln, das zentrale Merkmal subsymbolischer KI ist die Probabilität: sie liefert Aussagen über Wahrscheinlichkeiten. Wenn wir heute von KI sprechen, meinen wir meist subsymbolische KI-Systeme, die auf riesigen Datenmengen basieren.

Den Rechtsstaat kennzeichnet nicht zuletzt, "dass Verfahren rechtmässig und fair ablaufen müssen." Dies (Was ist schon fair?) ist bereits ohne KI nicht leicht zu bewerkstelligen: mit KI ist jedoch der sogenannte Bürokratieabbau weit willkürlicher, da etwa auf individuelle Besonderheiten schlicht nicht Rücksicht genommen werden kann.

Am Rande: So differenziert der Autor in Sachen KI argumentiert, hinsichtlich des Rechtsstaats und der Demokratie ist das weit weniger der Fall. Beides sind meines Erachtens bestenfalls idealistische Zielvorstellungen, doch keineswegs Realität, da im Kapitalismus das Geld und nicht etwa das Volk herrscht.

"Der KI-Hype im öffentlichen Diskurs" lautet einer der Titel, der mit dem Satz "Seit dem Durchbruch von Deep Learning in den 2010er Jahren ist KI ein Containerbegriff mit gewaltigem Marketingpotential geworden." sehr schön zusammenfasst, was unsere Zeit wesentlich ausmacht: Hauptsache, es lässt sich verkaufen.

Rainer Mühlhoff ist Professor für Ethik und kritische Theorien der Künstlichen Intelligenz an der Universität Osnabrück und so kann es nicht ausbleiben, dass er sich auch ausführlich mit den Ideologien hinter dem KI-Hype auseinandersetzt, die von einem Menschenbild geprägt sind, das mir persönlich fremder nicht sein könnte. Ich wähnte mich gelegentlich in einem Science Fiction.

Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit Ideen und Konzepten, die mir gelegentlich aus der Zeit gefallen vorgekommen ist, etwa wenn auf die begriffliche Unterscheidung von agonistischen und antagonistischen Konflikten der Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe hingewiesen wird. Bei der agonistischen Variante streitet man zivilisiert auf der Grundlage demokratischer Prinzipien, bei der antagonistischen Variante ist die Vernichtung des Gegners das Ziel. In meiner Wahrnehmung ist die antagonistische Variante schon längst Realität.

Rainer Mühlhoff plädiert dafür, antidemokratische Kräfte zu isolieren. Und anders über KI-Technologie zu sprechen, also die wirklich wesentlichen Fragen zu stellen, als da wären: "Wer profitiert? Wer profitiert nicht? Wer wird nicht einmal mehr angehört bzw. fällt von vorneherein aus dem Raster?"

Fazit: Erhellende, hilfreiche Aufklärung.

Rainer Mühlhoff
Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus
Reclam, Ditzingen 2025

Sunday, 3 August 2025

Die acht Leben der Frau Mook

Im Pflegeheim Golden Sunset wird den Bewohnern angeboten, ihre Nachrufe zu schreiben. Unter ihnen ist auch Frau Mook, deren Lebensgeschichte ein ganzes Jahrhundert umfasst. Selbstbewusst, clever, verschmitzt, verfügt sie über vielfältige Kenntnisse und eine Lebenshaltung, die geprägt ist von ihrem ungebildeten Vater und ihrer sehr gebildeten Mutter.

An der nordkoreanischen Grenze tritt sie auf eine Mine und wird von einer Geisterjungfrau gerettet, die verdächtigt wird, aus dem Norden zu stammen. In Heoguri, einem kleinen Bauerndorf bei Pjöngjang, nimmt sie mit ihrer Mutter zusammen bei einem Pastor Englischstunden. Grossartig, wie dieser 'lockige Rotschopf' geschildert wird, der die Kleine auch für Shakespeare zu begeistern wusste, "weil er seine Dramen immer mit Liebe, Tod und Verrat aufmöbelte, zum Beispiel in Romeo und Julia und Othello."

Grossartig auch, wie die Mutter der Tochter erklärt, warum Sprache wichtig ist. "Worte sind nicht nur Worte, mein Schatz. Sie sind viel mehr als ein einfaches Werkzeug, um deine Absichten zu vermitteln. Worte können deine Art zu denken beeinflussen, und du kannst dank ihnen beeinflussen, wie andere denken. Das ist niemals eine Einbahnstrasse."

Anfang der 1950er Jahre. Der Koreakrieg. Mit Hunderten von Menschen flüchtet sie auf Güterwagen in den Süden, wo sie sich als Junge ausgibt und als inoffizieller Leiter und Übersetzer in einem sogenannten Trosthaus angestellt wird, wo Frauen als "den für die Yankees reservierten Kriegsproviant" gefangen gehalten wurden. Unter den Mädchen war auch die ungemein begabte Geschichten-Erzählerin Yongmal, die einst einer arrangierten Heirat entfliehen wollte, die sie in der Folge zu schätzen begann. 

Diese Ehe wird auch aus der Sicht des Ehemanns geschildert. Sehr berührend und dabei deutlich machend, wie unsere Vorstellungen von der Realität korrigiert werden, auch wenn diese nicht wirklich greifbar ist. Was hat wirklich stattgefunden, was ist imaginiert? Man weiss es nicht so recht, es bleibt in der Schwebe. Und nicht zuletzt dies macht den Reiz dieses Romans aus. Nein, nicht nur, es ist auch der Ton, der Rhythmus, die Unverblümtheit, die Frische, die diesen Text zur einer packenden Lektüre machen.

"Gutes Kino kann dich mühelos an einen anderen Ort und in eine andere Zeit befördern", sagt ihr Mann mit einem wehmütigen Seufzen. "Wie traurig dass die Partei heutzutage jeden Film in ihr politisches Schema presst." Auch Die acht Leben der Frau Mook befördert uns an einen anderen Ort und in eine andere Zeit. Und passt in kein vorgefertigtes Schema.

"Yongmal und ich ähnelten uns in vielem. Wir seien beide klug und stur, sagten sie. Wir weigerten uns, vor den Trosträubern Tränen zu zeigen. Wir sahen sogar ähnlich aus: etwa gleich gross und schwer, mit hohen Wangenknochen und leicht eckigem Kinn, das die Männer auffallend und abschreckend fanden."
Das Schicksal der Mädchen im Bordell ist brutal, einige sterben, unter ihnen auch Yongmal.

Als dann jedoch Frau Choi ihre Geschichte erzählt, sie sei eine Hochstaplerin, keine Spionin, sagte sie, erwähnt sie auch, dass sie zusammen mit Yongmal und vielen anderen koreanischen Mädchen als Trostfrauen zum Militärstützpunkt der kaiserlichen japanischen Armee nach Semaran in Indonesien verschleppt worden sei. Mit anderen Worten: Es ist ein ziemliches Verwirrspiel, dass die Autorin hier vorführt. Und zwar ausgesprochen gekonnt.

Der Koreakrieg endet mit der Teilung des Landes. 'Das Arbeiterparadies auf Erden' beflügelte damals die Menschen im Norden, die sich dann schnell ans gegenseitige Belauschen gewöhnten, dieses Kontrollinstrument kommunistischer Herrschaft weltweit. Kinder werden regelrecht abgerichtet; sie sollen bei Hinrichtungen dabei sein. Man lernt zu tun als ob. "Die Lektion im Weinen erwies sich als nützlich, vor allem später, als der Oberste Führer, den die Menschen stillschweigend für unsterblich gehalten hatten, starb."  

Die acht Leben der Frau Mook ist clever, imaginativ, witzig und reich an vielfältigen Lebensweisheiten. "Aimé Adel hat einmal gesagt, die Ehe sei eine Reise vom Aussergewöhnlichen zum Gewöhnlichen. ein stetes, tropfenweises Erkennen, dass das, was du einst für so besonders gehalten hast, nichts weiter als Mittelmass ist." Auch wenn man meist nicht so recht weiss, ob das wirklich so gewesen sein kann, ist vieles in diesem Roman wirklich passiert, wie die Autorin schreibt.

Mirinae Lee
Die acht Leben der Frau Mook
Unionsverlag, Zürich 2025

Wednesday, 30 July 2025

"My" Japan (7)



Taken wiith my mobile phone in April / May 2019.

Sunday, 27 July 2025

Natural Patterns





Santa Cruz do Sul, Rio Grande do Sul, Brazil
January/February 2025