Sunday, 29 March 2026

Das unglaubliche Leben der Queen

Was ich einst über Craig Browns Biografie der Beatles, One Two Three Four, geschrieben habe ("Eine ganz wunderbare Zeitreise, sehr amüsant, höchst informativ, glänzend geschrieben. Eine Perle von einem Buch!"), trifft genauso auf Das unglaubliche Leben der Queen zu: Nie wurde ich besser unterhalten, nie wurde ich umfassender informiert, nie wurde mir deutlicher vor Augen geführt, wie wunderlich, ja irre, sich der Mensch in diesem selber fabrizierten Welttheater aufführt. Ich habe Tränen gelacht!

"Kein Mensch in der Geschichte der Menschheit hat ein besser dokumentiertes Leben geführt als die Queen." Was auch immer man über sie denken mochte, man begegnete ihr gleichsam ehrfürchtig. Nicht nur ihre Fans, auch ihre Kritiker.

"In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es völlig selbstverständlich, dass alle – Männer, Frauen und Kinder – sich erhoben, wenn die Nationalhymne erklang." Diese Melodie, und diesen Text, mit dem die Menschen Gott baten, sie zu beschützen, hat wohl kaum ein Mensch derart oft gehört wie die Queen. "Ihre Reaktion war meist dieselbe: Sie machte ein besinnliches, aber auch etwas gleichgültiges Gesicht und blickte unbeirrt geradeaus   so, als würde sie geduldig auf den nächsten Bus warte."

Zu den Lieblingsbeschäftigungen der Queen (und auch von Queen Mum) gehörte das Puzzeln, wobei galt: Je mehr Teile, desto besser. "Puzzles gefallen all denen besonders gut, die gern Chaos in Ordnung verwandeln." Das ist jedoch nur ein Teil der Persönlichkeit der Queen, die bekanntlich auch eine Vorliebe für Corgis hat, die das genaue Gegenteil von Puzzles repräsentieren. "Diese Hunde waren planlos, sorglos, aggressiv und fordernd. (....) Sie waren wie vierbeinige Diktatoren, sturzbetrunkene Kleinkinder, randalierende Hooligans. Ehrerbietung oder Majestät waren Fremdwörter für sie." Darüber hinaus hatten sie gegenüber Hausangestellten einen entschiedenen Vorteil: "Kein königlicher Corgi hat je seine Memoiren geschrieben oder Oprah Winfrey sein Herz ausgeschüttet."

Die Corgis ihrer Majestät drehten auch immer mal wieder durch. Als Dotty ("die Verrückte") einmal zwei Jungs auf Fahrrädern attackierte und der Fall vor Gericht kam, wurde auch der Hundepsychologe Dr. Roger Mugford beigezogen, dessen Ausführungen, absolut preiswürdig waren.

Queen Elizabeth II war gerade mal 26 als sie gekrönt wurde. Dass die ganze Nation, wie einstmals, zur Monarchin hochschauen würde, hielt der Schriftsteller John Fowles für unwahrscheinlich, da die Welt heute ein Bienenstock sei, wo jeder seine eigene Wabe bewohne und alles den Anschein von Gleichberechtigung habe. "Wenn die Monarchie bestehen bleibt, dann deshalb, weil das Leben der breiten Masse derart blass und eintönig ist, dass die Leute jede Gelegenheit zur Sublimierung nur zu gern ergreifen. Und so wird die Krone zum seelischen Anker, zur Erholungspause – zum Treibanker. Sie hemmt uns, aber sie ermöglicht uns gerade dadurch eine sichere Weiterfahrt." Am Rande: Der hochnäsige britische Adel, so lerne ich, schätzt die Königsfamilie gering, lauter Parvenüs!

Das unglaubliche Leben der Queen ist überaus reich an teils skurillen Details, darunter die Karriere der Elizabeth-Doppelgängerin Jeannette Charles, die bei ihrem Tod genauso alt war wie die Queen, als sie starb. Oder: Der zehnjährige Paul McCartney wird für seinen Schüleraufsatz über den Krünungstag mit einem Preis bedacht; die 23jährige Reporterin Jaqueline Bouvier ist im Auftrag der Zeitung Washington Times-Herald vor Ort. Und und und ....Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Beileibe kein Detail war jedoch die Detailgenauigkeit, mit der alles und jedes im königlichen Haushalt vonstatten zu gehen hatte. Alles, wirklich alles hatte einem rigorosen Drehbuch zu folgen, selbst der Gang zur Toilette. Die Queen "war überzeugt, dass sich dadurch letztlich alle sicherer fühlen konnten, ganz egal welchen gesellschaftlichen Rang sie einnahmen, denn immerhin wussten sie auf diese Weise,woran sie waren." Man darf daraus füglich schliessen, dass sich dadurch auch die Queen sicher fühlen konnte.

Durchregulierter als das Leben der Queen und der Umgang mit ihr, geht eigentlich nicht, was jedoch nicht allein ein Garant für Stabilität, sondern auch eine Methode der Einschüchterung ist. Unterwerfung wird nicht verlangt, sondern erwartet. Und die Untertanen (!) der Königin enttäuschen sie nicht: Nichts, was geeigneter wäre, um die Menschen als das vorzuführen, was sie wirklich sind: Folgsame Trottel (und Trottelinnen).

Dass die Dinge im Kontext gesehen werden müssen, lernt man nicht zuletzt an Universitäten, ansonsten sich das akademische Tun kaum begründen liesse. Der von Craig Brown vorgelegte Kontext orientiert sich erfreulicherweise am realen Leben und liest sich unter anderem so: "Schätzungsweise 150 Prostituierte vom europäischen Festland werden rechtzeitig zu den Krönungsfeierlichkeiten im Londoner Westend eintreffen. Das überrascht wenig, denn schliesslich wirken pompöse Veranstaltungen wie diese auf verschiedene Menschen ganz verschieden, und die aphrodisierende Wirkung der Monarchie ist noch lange nicht ausreichend erforscht."

Fazit: Informativer und unterhaltsamer geht nicht. Ein Lesegenuss erster Güte!

Craig Brown
Das unglaubliche Leben der Queen
C.H. Beck, München 2026

Wednesday, 25 March 2026

Schon eigenartig, das Gedächtnis

Zu den grössten Schwierigkeiten bei seiner Weltreise-Vorbereitung gehörte der Entscheid, welche Bücher er mitnehmen sollte. Schliesslich entschied er sich für Montaignes Essais, Fontanes Effi Briest, Shakespeares Hamlet, Goethes Faust, Sophokles‘ Antigone und und und … Er las sie alle. Und hatte nach seiner Rückkehr Null-Erinnerung an die Lektüre, auch wenn ein Satz aus Shakespeares Hamlet zu seinem Leitgedanken geworden war: The readiness is all. Er hatte ihn aus The Prince of West End Avenue von Alan Isler.

Im Nachhinein wunderte er sich, wie wenig ihm von dieser Weltumrundung geblieben war. Eine Busfahrt in Neuseeland, auf der er eine junge Maori fragte, wie sie Rotorua, das bekannt für seine Schwefelquellen ist, beschreiben würde – „it stinks“, sagte sie; Bilder aus Hawaii, wo er jeden Tag in dasselbe Restaurant ging, wegen der hübschen Bedienung, die er sich jedoch nicht anzusprechen traute; ein Lokal beim Santa Monica Pier in Los Angeles, wo jeder, der wollte, sich auf der Bühne produzieren durfte und ein Schwarzer dermassen falsch sang, dass Hugo sich vor Lachen kaum mehr erholen konnte (er war bis dahin der Meinung gewesen, alle Schwarzen hätten Musik und Rhythmus im Blut); die Beaconsfield Parade in Melbourne, wo er in einer Wohngemeinschaft untergekommen war; Brigitte, die in einem vegetarischen Lokal kochte; eine Hochhauswohnung nahe beim Bondi Beach in Sydney, wo die Freundin einer Zufallsbekanntschaft mit ihrem Freund wohnte.

Schon eigenartig, das Gedächtnis. Dass ihm die Dinge blieben, die ihm wichtig waren, konnte er nicht sagen. Doch auch das Gegenteil stimmte nicht. Vielmehr war es ein ziemliches Durcheinander, abhängig von Stimmungen, die er kaum beeinflussen konnte. Dazu kam: Unangenehmes verdrängte er bewusst. Und vermutlich auch unbewusst. Diejenigen, die das Unbewusste interpretierten, hielt er für Scharlatane.

Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Tredition 2025

Sunday, 22 March 2026

Cold Case

Der Südkoreaner Kim Sang-young stirbt in den 1970er Jahren durch Erfrieren, in Kanada, wo er aus einer psychiatrischen Klink abgehauen ist. Der Klinikdirektor fragt sich, was Menschen in sogenannt verantwortungsvoller Position sich weltweit fragen: Was musste geschehen, um vor dem Klinikausschuss gut dazustehen?

Der Erzähler von Cold Case geht dieser Geschichte, zusammen mit seiner koreanischen Freundin Kim Minkyung (Kim Sang-young ist ihr Onkel), nach. Dabei herausgekommen ist einerseits eine Detektivgeschichte und andererseits ein facettenreiches Bild der südkoreanischen Realität, die der Autor Alexandre Labruffe auch aus eigener Anschauung kennt, war er doch einige Jahre für die Alliance Française vor Ort.  Auch die kanadische Wirklichkeit wird geschildert, besonders aufschlussreich am Beispiel des Arztes und Abgeordneten Morton Shulman

So erfährt man etwa, dass Fremdgehen in Korea ein Geschäft ist. "weil Trennung als Schande gilt. Anders (im Stillen) gesagt: In Korea ist Fremdgehen besser als Scheidung, weil letztere dich erniedrigt und herabstuft. Die Scheidung, soziales Versagen oder Verrat an der Nation, lässt die Grundfesten der koreanischen Gesellschaft, ihre ewigen Werte bröckeln. Im Land der Neokonfuzianisten ist die Heuchelei Königin." Nicht nur in Korea, will ich da gleich hinzufügen, denn ohne Heuchelei gibt es keine Zivilisation.

Wie jede Gesellschaft ist auch die koreanische geprägt vom stetigen Wandel. "In den 60er Jahren war das Café in Korea das Distinktionsmerkmal der besseren Gesellschaft, Treffpunkt für besondere Gelegenheiten." In den 80er Jahren "quollen die Strassen des Landes vor Schamanen und Wahrsagern über. Scharlatane oder nicht."

Cold Case ist auch ein Roman, der mich immer mal wieder schmunzeln machte. Des Austauschs zwischen dem Erzähler und seiner Freundin wegen, der nicht zuletzt von der eigenwilligen Sprache der Koreanerin geprägt ist. "M: Bist du warnsinnig? Was gehst du mich an? L: Ich geh dich nicht an. Ich beliebe nur zu scherzen. M: Du verirrst mich."

Sprache lernt man ja auch über Laute, wobei dann, in der koreanischen Variante, etwa solches herauskommen kann: " Quaartsch mit Soja." 

Alexandre Labruffe ist nicht nur ein genauer Beobachter, sondern bringt auch scharfsinnig auf den Punkt, worum es bei den Besäufnissen der koreanischen Jugend geht. "Zum Heiligtum erhobene Trunksucht, Ekstase im Koma. Nichts geht über die Auslöschung der Gegenwart."

Es ist der Ton (c'est le ton qui fait la musique), der mich ganz besonders für diesen Roman einnimmt. So beschreibt der Autor die Psychiatrie als "Planet Klinik, der über ein eigenes Neusprech verfügt", wo man , "die aus der Gesellschaft Entfernten, Verhaltensgestörten, Geisteskranken und Verrückten aller Art, dem Blick entzogene Zombies, Spinner, Bekloppte, territorial Verdrängte" untergebracht hat. Illusionfrei konstatiert er: "Ich denke: exiliert im eigenen Land."

Es sind vor allem die Passagen über die Psychiatrie, die mich am meisten gepackt haben. Auf eine Diagnose folgt die medikamentöse Einstellung. Nur eben: "Es gibt keine Medikamente gegen Wahnsinn. Scheisse noch mal, Minkyung, so etwas gibt es nicht. Sie schalten ihn ab, deinen Vater. Sie lähmen sein Hirn mit Rattengift."

Cold Case ist ein überaus origineller Roman, der zwei Kulturen (Kanada und Südkorea) schildert, anhand der Psychiatrie bzw. des gesellschaftlichendes Umgangs mit Nicht-im-System Funktionierenden. Smart und witzig.

Alexandre Labruffe
Cold Case
Roman
Wagenbach, Berlin 2026

Wednesday, 18 March 2026

Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess

In jüngeren Jahren, also vor meinem Lizentiat der Rechtswissenschaften, als ich noch idealistische Vorstellungen von Recht und Rechtsstaat hegte, gehörten Gerichtsreportagen zu meiner Lieblingslektüre. Mittlerweile halte ich das sogenannte Recht und alles drumherum wesentlich für ein Business-Modell, und bin jetzt gespannt wie wohl diese drei Reportagen auf mich wirken, wobei ich positiv voreingenommen bin, denn was ich von Martha Gellhorn gelesen habe (insebesondere ihren Roman Liana) schätze ich sehr. Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Lektüre ist ganz unbedingt empfehlenswert, da aufklärend, wesentlich und horizonterweiternd. 

Ein Gerichtssaal ist einem Theater vergleichbar: Die Inszenierung ist wichtig. Für Juristen entscheidend sind jedoch die Argumente, die häufig absurder kaum sein könnten. So zitiert Janet Flanner etwa Görings Anwalt mit "Es ist unmöglich, eine Handlung zu beurteilen, ohne das Motiv zu kennen." Nun ja, Motive sind meist unbewusst. Zudem: Das Unbewusste wird so genannt, weil es dem Bewusstsein nicht zugänglich ist!

Juristen unterscheiden zwischen der objektiven und der subjektiven Seite eines Geschehens, was impliziert, der Beweggrund für eine Tat könne erkannt werden. So nachvollziehbar dies gemäss unserem Denken auch ist, mir selber steht die Herangehensweise der noch nicht sozial auf Linie Getrimmten näher: "Young children tend to focus on causal responsibility, while older children and adults tend to focus on intent." (Fiery Cushman: Should the Law Depend on Luck?).

Im Herzen des Weltfeindes wird eingeleitet durch ein Vorwort des Rechtswissenschaftlers Ingo Müller, der den Hauptanklagevertreter Robert Jackson höchst wohlwollend porträtiert, was Janet Flanner jedoch ganz anders sieht ("Ihm schien es nicht nur an Hintergrund und Weisheit zu mangeln ..."). Überhaupt zeichnet dieses Buch aus, dass drei ganz unterschiedliche Temperamente zu Wort kommen, die jedoch, wie Klaus Bittermann in seinem informativen und vielfätig aufschlussreichen Nachwort festhält, sich ausserstande sahen, "die Deutschen nicht zu hassen. Und auch Lee Miller (von der die Fotos vom zerstörten Nürnberg in diesem Band stammen) machte aus ihrem Hass keinen Hehl. Sie setzte nie wieder einen Fuss auf deutsches Gebiet. Sie wollte nie wieder an Deutschland erinnert werden. Ihre Erschütterung war so tiefgreifend, dass sie zur Alkoholikerin wurde." Am Rande: Warum jemand zu einer Alkoholikerin wird, darüber kann man bestenfalls rätseln. 

Was diesen drei Frauen, die einander nie begegnet sind, auch gemein ist: Eine höchst differenzierte Beobachtungsgabe, die sich unter anderem in der Beschreibung des Äusseren sowie der Gebahrens der auftretenden Personen zeigt. Und dass sie viel Vertrauen und Hoffnung in den Rechtsstaat setzen. "Es (das Tribunal) erscheint wie eine Insel der Hoffnung, des gesunden Menschenverstandes und der Gerechtigkeit der Alliierten inmitten der düsteren, auf Untergang eingestimmten Deutschen und deren zerstörter Stadt." (Janet Flanner). "Seine (Sir Geoffrey Laurence, der Präsident des Tribunals) Stimme war ein Symbol für das, was alle zivilisierten Menschen von der Gerechtigkeit erwarten und was sie darunter verstehen – etwas Klares und Unerschrockenes, stärker als die Zeit." (Martha Gellhorn). "Es war notwendig, und zwar wirklich notwendig, dass eine grosse Anzahl von Personen, inklusive der Führung von Armee und Zivilbehörden, nach Nürnberg fuhr und sich die Urteilsverkündung anhörte, denn auf keine andere erdenkliche Weise konnten sie sonst nachvollziehen, worum es in dem Prozess überhaupt gegangen war." (Rebecca West). 

Im Herzen des Weltfeindes ist auch eine Dokumentation eines interkulturell  einzigartigen Vorgangs. Die Verteidiger waren Deutsche, die Ankläger und Richter stammten aus Nationen mit unterschiedlichen Auffassung hinsichtlich des Verfahrens. Gemäss Janet Flanner wurde der Prozess als amerikanische Veranstaltung begriffen, die dann auch mit einem Kreuzverhör von Göring ihren Anfang nahm. "Die Franzosen kennen kein Kreuzverhör, die Russen hatten vermuitlich überhaupt keine Ahnung, und die Briten wussten wenigstens, wie sie sich über den Tag retten konnten."

Verblüfft hat mich, dass vermutlich die meisten Deutschen von dem Prozess nicht gross Kenntnis genommen haben, auch wenn es verständlich ist, schliesslich hatten sie andere Sorgen  – die Stadt war zerstört, die Läden leer, auch sind wohl nicht wenige davon ausgegangen, dass die Schuld der Angeklagten feststand. Doch zeigt dies eben auch (wieder einmal), dass das, worüber die Zeitungen berichten bzw. in Büchern zu lesen ist, das Leben der allermeisten kaum beeinflusst.

Im Herzen des Weltfeindes kommt zur richtigen Zeit, da der Antisemitismus wieder vermehrt offen zutage tritt (fehlende Scham ist ein Merkmal der Unzivilisiertheit) und die Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis unterzugehen droht. Es zeichnet diese Reportagen aus, dass die Autorinnen Stellung beziehen und keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Nazis auf der Anklagebank machen, die sich allesamt unschuldig geben.
 
Im Herzen des Weltfeindes erschöpft sich nicht in Berichten vom Nürnberger Kriegsverbrecherprozess (Rebecca West schildert auch ihre Streifzüge durch das kaputtte Land), sondern weist darüber hinaus, indem es uns eindringlich vor Augen führt, dass sich der Verantwortung zu stellen, feigen, brutalen und selbstherrlichen Anstiftern unbekannt ist. Es ist auch heute noch so.

Janet Flanner, Martha Gellhorn, Rebecca West
Im Herzen des Weltfeindes
Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess
Reportagen
Mit Fotos vom zerstörten Nürnberg von Lee Miller
Edition Tiamat, Berlin 2026

Sunday, 15 March 2026

Thomas Steinfeld: Goethe

Goethe, der sich nicht erwärmen konnte für die Rede von der Geschichte, denn er hielt „die 'Weltgeschichte' für eine idealistische Überhöhung disparater Ereignisse“, so Hans Blumenberg, gehe es um den Menschen, den Einzelnen, „dem die Wunder der Natur und der Kunst aufgehen sollten“. Und: „...ihn als den aufgeschlossenen (vor allem im kleinen Kreis), freien, universal gebildeten, gelegentlich widersprüchlichen, manchmal abgründigen, oft isolierten, stets aber hellen Geist zu erkennen, der er gewesen sein muss“, darum gehe es in dieser Biografie, schreibt Thomas Steinfeld.

Mit Bilder einer Zeit konkretisiert Autor Steinfeld sein Vorhaben. So zutreffend dies auch ist, er leistet weit mehr, zeigt er doch auf, dass, was Goethe, dessen Skepsis sein Leben geprägt zu haben scheint, letztlich ausmacht, dessen Zeitlosigkeit bzw. dessen Universalität ist. Das vielfältige Wissen, die Neugier für alles Mögliche, ist übrigens nicht nur Goethe eignet, sondern auch seinem Biografen.

Goethe wuchs in einer standesbewussten Familie in Frankfurt am Main auf; er sollte sein Leben lang, im Gegensatz etwa zu Schiller, finanziell nie zu darben haben. Im Alter von 16 von seinem Vater zum Jurastudium nach Leipzig geschickt („Die Universität war im 18. Jahrhundert kein Ort der Forschung, sondern eine Berufsbildungsstätte, die vor allem der Vermittlung des Überlieferten verpflichtet war“, so Autor Steinfeld, dem allerdings zu entgehen scheint, dass das Jurastudium auch heute noch so ist.), das er 1770 in Strassburg abschloss, wo er auch Herder kennenlernte, der ihn stark beeinflusste und förderte. Wobei: Sowohl in Leipzig wie auch in Strassburg besuchte Goethe auch „Vorlesungen in Chemie, Staatswissenschaften, Geschichte und beschäftigte sich mit der Medizin.“

Thomas Steinfeld ist ein hervorrragend informierter und ausserordentlich begabter Erzähler, dem es nicht an Bildungshochmut mangelt („In den Wenn-Sätzen aber spricht, für halbwegs gebildete Zeitgenossen deutlich erkennbar, ein Dichter, der sich die Lehren des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza zumindest aus der Ferne angeeignet hatte ...“) und der gelegentlich recht selbstherrliche Unterscheidungen vornimmt, die wohl nur von sogenannt literarisch Gebildeten geteilt werden. „Wenn ein Dichter 'ich' sagt, provoziert er einen geläufigen Trugschluss: dass er mit dem Pronomen sich selber meint. Bei Goethe ist dieser Irrtum besonders weit verbreitet, weil Leben und Werk in so offensichtlicher Nähe zueinander stehen (...) dass Goethe verschiedene 'Ichs' erprobt. Er spricht in Rollen, wie auf dem Theater, was heisst: Man muss zwischen dem erlebenden und dem darstellenden 'Ich' unterscheiden.“ Ganz so, als ob man das könnte ... im wirklichen Leben wimmelt es doch nur so von Überlappungen ...

Andererseits, wie „der aufmerksame Leser“ Steinfeld Goethe liest, zum Beispiel den Werther, macht auch deutlich, dass das Lesen ein kreativer Akt ist. Dazu kommt, dass er Zusammenhänge zu sehen imstande ist, die einem Laien wie mir zwar nicht geläufig sind, mich jedoch schmunzeln machen. „Noch im späten 18. Jahrhundert wäre die Vorstellung, die Liebe sei eine geeignete Grundlage für das Zusammenleben zweier Menschen oder gar für die Gründung einer Familie, als ebenso überraschende wie verwegene Idee erschienen: Wie sollten zwei Menschen eine Gemeinschaft fürs Leben begründen, wenn sie ihre Empfindungen nicht zu beherrschen vermochten.“

Thomas Steinfeld charakterisiert Goethe als „einen enzyklopädisch inspirierten Universalisten“, der kein literarisches Genre ausliess und in den Wissenschaften neben der Psychologie und der Biologie, auch die Anatomie, die Optik, die Physik, die Meteorologie, die Geschichte, die Juristerei, die Wirtschaftslehre, Diplomatie und Naturphilosophie pflegte. Was diese Dinge zusammenhält, gehöre zu den Fragen, die Faust umtrieben, lerne ich.

Die Gepflogenheiten am Hofe von Weimar werden derart kenntnisreich (juristisch, diplomatisch, gesellschaftlich, staatspolitisch, historisch) geschildert, dass man sich einerseits wundert, worüber dieser Biograf alles Bescheid weiss, und andererseits zu verstehen glaubt, dass es wohl auch seine eigene Unersättlichkeit in punkto Wissen/Verstehen ist, die ihn mit Goethe verbindet.

Da mir die einschlägigen Kenntnisse fehlen (und ich dem, was wir gemeinhin zu wissen glauben, ohnehin äusserst skeptisch gegenüber stehe), um dieses Werk wirklich würdigen zu können, will ich mich auf einige Aspekte beschränken, die mich innehalten und sie bedenken liess. So war Goethe in Weimar auch für den Bergbau zuständig, kam also in Kontakt mit der Geologie, die zwar noch ganz am Anfang stand, doch Auskunft über die Tiefe der Zeit geben konnte. Ging man bis anhin davon aus, dass die Erde rund sechstausend Jahre alt war, erkannte man nun, dass „die Geschichte der Erde immer länger, immer tiefer und für viele Geologen immer gewaltsamer wurde“ und man fragte sich, wann sie eigentlich ihren Anfang genommen hatte.

In Goethe manifestiert sich auch etwas Übergeordnetes, das vermutlich vielen Menschen eigen ist. So hält Thomas Steinfeld zu Goethes Flucht nach Italien fest, bereits Seneca habe vor dem Vorhaben, durch eine Veränderung der geografischen Lage ein neuer Mensch zu werden, gewarnt, und entgegnet darauf treffend: „Doch wie sollte sich ein solcher Wandel nicht einstellen, wenn das Wetter angenehmer wird und die Landschaft abwechslungsreicher?“

In Venedig sieht Goethe zum ersten Mal das Meer. „So habe ich denn auch das Meer mit Augen gesehen, und bin auf der schönen Tenne, die es weichend zurücklässt, ihm nachgegangen.“ Was Autor Steinfeld alles in diesen Satz hineinliest und daraus schliesst, mag Germanisten einleuchten. „So hat, in einem fein gegliederten und nur scheinbar einfachen Satz, ein jeder Teil seine Bedeutung – und das ganze Wortgebilde festigt sich zu einer wunderbaren Bestätigung der neptunistischen Überzeugung, der Boden unter den Füssen sei aus dem Wasser hervorgegangen.“ Mir selber scheint wenig wahrscheinlich, dass Goethe sich bei diesem Satz solche Gedanken gemacht hat. Auch dass Steinfeld aufzählt, was der Dichter in seinen Texten aus Venedig alles nicht beschrieben hat, drängt sich nicht wirklich auf und dient wohl vor allem dazu, hervorzuheben, wie gut der Autor selber Venedig kennt.

Doch abgesehen von solchen – es sind sehr wenige – Irritationen, ist diese Biografie ein wahrhaft grosser Wurf, eine ausserordentliche Fleissarbeit und – vor allem – ein ganz wunderbares Leseerlebnis, das einen staunen macht. Nicht nur über den Dichter, Reisenden, Theatermacher, Kriegsbeobachter, Naturforscher und Politiker Goethe, sondern auch darüber, wie Autor Steinfeld es geschafft hat, aus dieser ungeheuren Fülle ein derart packendes Buch zu machen.

Aussergewöhnlich war Goethe nicht zuletzt in seinem Wissensdurst, der ihn sich auch mit den Pflanzen und den Farben (und später mit den Wolken) befassen liess, Das führte ihn auch zur Beschäftigung mit der Frage: Was ist eigentlich Wissenschaft? „Wie ist objektive Erkenntnis möglich? Wie vollzieht sich der Übergang vom Erfahren zum Verstehen? Wie kommt man vom Wissen um das Einzelne zu einer Einsicht ins Allgemeine?“ Fragen, die bis heute nicht gelöst sind, wie Autor Steinfeld anmerkt.

Zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, darum war es Goethe zu tun. Er tat dies aus einer sehr privilegierten Position, ohne Sympathie für die Französische Revolution von 1789. Kein Wunder, welcher Privilegierte mag schon von seinen Privilegien lassen? „Goethe war ein Mensch des alten Regimes der persönlichen Beziehungen und der feudalen Diplomatie. Das radikal Neue der Revolution ging ihm nicht auf. Nie dachte er in politischen Kategorien.“

Thomas Steinfeld verfügt über eine bewundernswerte Fähigkeit in Zusammenhängen zu denken, ohne dabei die Details zu vernachlässigen. Zu diesen gehört auch, dass Goethe dem damals gerade einmal dreiundzwanzigjährigen Schelling in Jena zu einer ausserordentlichen Professur verhalf. Dazu kommt, dass er offenbar bestens weiss, wie die einschlägigen Quellen einzuschätzen sind. „Wie es zum Bündnis mit Schiller gekommen sein soll, hielt Goethe im Jahr 1817 in einem Bericht fest, den man, wie alle seine autobiographischen Schriften, nicht für ein Manifest der Faktentreue halten darf.“

Fazit: Glänzend geschrieben, ungemein kenntnisreich, überaus erhellend und horizonterweiternd. Mit einem Wort: Grossartig!

Thomas Steinfeld
Goethe
Porträt eines Lebens, Bilder einer Zeit
Rowohlt Berlin 2024

Wednesday, 11 March 2026

Eine strahlende Zukunft

Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, etwas Besonderes vor mir zu haben. Es war die unprätentiöse Sprache, der Ton, und dass der Autor gerade genug beschrieb, um meine Fantasie in Gang zu setzen, doch eben nicht zu viel, um sie zu blockieren. Und ich fand spannend geschildert, was ich da las.
 
„Eine strahlende Zukunft“ handelt in ersten Teil von Michael Davenport, der ein Dichter und Dramatiker sein will, und seiner aus reichem Hause stammenden Frau Lucy, für die Dylan Thomas ein Dichter und Tennesse Williams ein Dramatiker ist. Michael ist ehrgeizig, er wird es der Welt zeigen, das Geld seiner Frau will er (und soll auch Lucy) nicht angreifen. Die Ehe scheitert, Michael dreht durch, landet in der Psychiatrie.
 
Im zweiten Teil erfahren wir wie Lucy sich in einen Theaterregisseur, der sie für eine Jüngere verlässt, verliebt und dann in einen Börsenmakler, „der erste Mann, der sie kannte, der keinerlei künstlerische Ambitionen hatte, und sie hatte das seltsame Gefühl, dass ihm etwas fehlte.“ Lucy lernt schreiben und malen und findet bei ihrem Schreiblehrer was ihr beim Börsenmakler fehlte, bis es auch „zwischen ihnen unschöne kleine Probleme – Streitigkeiten, die manchmal so schlimm sein konnten, dass sie alles verdarben“ gab. Das Auseinandergehen der beiden – wie viele von Yates‘ Beziehungsszenen – ist alkoholgetränkt.
 
Solche inhaltlichen Angaben vermögen natürlich nicht zu vermitteln, was es mit diesem Buch auf sich hat: es ist ganz vieles in einem – eine sehr gekonnte, hoch differenzierte und einfühlsame Schilderung von Beziehungsverhältnissen von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen; eine Abhandlung übers Schreiben („’Melancholie‘ war das erste Wort, das ihr einfiel, und sie kam zu dem Schluss, dass das bei einem Schreiblehrer, vorausgesetzt, er hatte auch lebhaftere Eigenschaften, vielleicht keine schlechte Sache war.“ / „Jeder von uns kann diese Fertigkeit nur erlernen, indem er sich mit gedruckten und nicht gedruckten Beispielen vollsaugt und dann versucht, das Beste, was er entdeckt hat, in sein eigenes Werk aufzunehmen.“ / „Die Schauspielerei mochte emotionale Erschöpfung auslösen, aber das Schreiben ermüdete das Gehirn. Es führte zu Depressionen und Schlaflosigkeit, man lief den ganzen Tag mit verhärmtem Gesicht herum, und für all das fühlte sich Lucy noch nicht alt genug.“); die überzeugende Darstellung von zwei schwierigen Menschen auf der Suche nach Sinn und Erfüllung in der Kunst; eine wunderbar gelungene Charakterstudie (wie Yates Michaels Neid, dessen Ängste und Hadern mit dem Schicksal zeichnet, ist besonders eindrücklich).
 
Der dritte Teil dieses Romans handelt dann wiederum von Michael Davenport, und zwar vor seiner Einweisung in die Psychiatrie und nach seiner Entlassung aus der Klinik. Bei einer Lesung aus seinen Gedichten bricht er zusammen – er hat keine Erinnerung mehr an diesen durch Alkohol ausgelösten Vorfall – und landet wieder in einer Klinik, erholt sich, heiratet eine zwanzig Jahre jüngere Frau, Sarah, die beiden ziehen nach Kansas, wo Michael an einem College unterrichtet.
 
Besonders die Schilderungen der Alkoholabstürze und der damit verbundenen Angst- und Panikattacken wirken sehr realitätsnah. Richard Yates weiss ganz offensichtlich, wovon er da schreibt.
 
Als dann Laura, Michael und Lucy Tochter, ebenfalls psychiatrische Hilfe braucht, meint Sarah, er solle doch endlich einmal mit diesem Unsinn übers ‚Verrücktsein‘ aufhören, worauf Michael erwidert: „Wie kann das Unsinn sein? Wären dir etwa die Begriffe lieber, die von den Seelenklempnern verwendet werden? ‚Psychotisch‘? ‚Manisch-depressiv‘? ‚Paranoide Schizophrenie‘? Hör mal. Versuch das doch zu verstehen. Damals, als ich noch klein war, bevor irgendjemand in Morristown schon mal was von Sigmund Freud gehört hatte, existierten für uns drei Grundkategorien: Es gab ‚irgendwie verrückt‘, ‚verrückt‘ und ‚total durchgeknallt‘. Das sind die Begriffe, denen ich traue …“.
 
„Eine strahlende Zukunft“ spielt in der Zeit als Bob Dylan und die Beatles auf der Bildfläche erschienen, was Lucy unter anderem Anlass ist, sich auch in Sachen Musikkultur zu positionieren. So fand sie etwa Dylan unerträglich. „Wo nahm dieser Collegejunge die Überheblichkeit, sich den Namen eines Dichters anzueignen? Warum konnte er nicht lernen zu schreiben, bevor er Songs für sich schrieb, oder lernen zu singen, bevor er sie öffentlich sang? Warum hatte dieser aufgeblasene Folktroubadour nicht ein bisschen Unterricht auf der Gitarre – oder auf seiner elektronischen Mundharmonika – genommen, bevor er sich daranmachte, Millionen von Kinderherzen zu erobern?“
 
Richard Yates, der Verfasser dieses eindrücklichen Romans, gilt als „Chronist des Scheiterns“. Die DVA publiziert sein Gesamtwerk auf Deutsch, man ist froh drum.

Richard Yates
Eine strahlende Zukunft
DVA, München 2014

Sunday, 8 March 2026

Traveler & Tourist

Gilbert K. Chesterton's: "The traveler sees what he sees, the tourist sees what he has come to see." perfectly sums up my traveling.

I do not inform myself much about a destination before embarking on a trip to a previously unknown place. That, however, does not mean that I do not know anything about the place for I have read about it, heard about it, often seen pictures of it. Differently put: I come with pictures in my head.

When visiting Brasília for the first time, I had lots of pictures in my head of the fabulous architecture of this exceptional city. What I however did not have on my radar was the fact that "my" hotel was, although close to the airport, pretty far from everything else.  Also, the neighbourhood did not look very inviting, a lower middle-class environment it was not.

Nevertheless, I ventured out, found a bakery and a supermarket, and on my way back discovered a flower that so far I had never seen.

Brasília, 2 March 2026

I'm somewhat glad that I involuntarily discovered a Brasília I would not have seen had I not mistakenly ended up in this neighbourhood where I saw what there was to see: unremarkable housing, small industries, and a wide open sky that invites you to see your life in perspective.

Wednesday, 4 March 2026

With Ricardo's eyes

This photo was taken by the late Ricardo Schütz in Southern Brazil in 2008 or 2009, whether in Santa Cruz do Sul (where I then taught) or at some other place in the state of Rio Grande do Sul, I do not know for I see these pics in 2026 {Elsa, Ricardo's daughter, sent them to me}, for the first time.

I feel pleased with this pic for it radiates an attentiveness that I rarely see in photos of myself. And, needless to say, this is precisely how I like to see myself.

Sunday, 1 March 2026

In San Juan, Puerto Rico

Mein Flieger aus New York traf um halb zehn Uhr nachts in San Juan ein. Das für die zwei ersten beiden Nächte gebuchte Hotel war dunkel und machte nicht den Eindruck in Betrieb zu sein. Ein paar Kerzen erleuchteten die Rezeption, von Personal keine Spur, nach minutenlangem Rufen tauchte schliesslich ein Mann auf, der sich für gar nichts zuständig erklärte, so dass ich mich umgehend zum gegenüberliegenden Hotel aufmachte und erschöpft ins Bett fiel.

Geschirr und Besteck des Frühstücksbuffets übersteigen jedes Klischee: alles aus Plastik. Am Unappetitlichsten sehen die grauen Würstchen aus, doch sie schmecken hervorragend. Man kann auch Waffeln machen, ich trau mich nicht. Ein langer, schlacksiger, amerikanisch-selbstbewusster Schwarzer kennt solche Skrupel nicht und richtet ein Desaster an, zwei Angestellte eilen zu Hilfe.

„The San Juan Daily Star“ berichtet, dass die Regenfälle der letzten Tage (Mai 2014) einen neuen Rekord bedeuten; seit 1917 habe es nicht mehr so stark geregnet. Die Zeitung erzählt auch die Geschichte eines Kubaners, der im Alter von acht in die Vereinigten Staaten kam, die meiste Zeit seines Berufslebens in der Gefängnisverwaltung tätig gewesen ist und vor Kurzem herausgefunden hat, dass er gar kein amerikanischer Staatsbürger ist: er sei am Boden zerstört, erfahre ich.

Die Frau an der Rezeption meines Hotels kann fast nicht fassen, dass ich Spanisch spreche. Sie guckt mich mit offenem Mund an, ruft ihren Kollegen, sagt ihm, ich spräche Spanisch … ihr Kollege zeigt sich weniger beeindruckt, er hat mich für einen Italiener gehalten und das Italienische und das Spanische seien ja nicht so verschieden. Das Erstaunen der Rezeptionistin ist mir vollkommen unbegreiflich, ich kann mir bei bestem Willen nicht vorstellen, was im Kopf dieser Frau abläuft und staune mal wieder darüber, wie fremd wir Menschen uns doch sind, obwohl wir doch alle das Gleiche wollen: geliebt werden.

Ob ich auf Englisch oder Spanisch angesprochen werde, scheint weniger von mir oder dem, was die Leute in mir sehen abhängig, sondern vom Ort. In Condado, einer Touristengegend, werde ich meistens auf Englisch angesprochen, in Sagrado oder Bayamón, Vororten von San Juan, immer auf Spanisch. Mit der Zeit merkte ich, dass es doch nicht nur vom Ort, sondern auch von mir abhing: war ich unrasiert, wurde ich überall auf Spanisch angesprochen …

Gegen Abend füllen sich die Strassen mit Joggern, die weniger Sportiven halten sich an Kaffeebechern fest.

The San Juan Daily Star“ titelt: „More Than a Third of PR Population Receives Food Stamps“. In Zahlen heisst das: 1,4 Millionen der 3,6 Millionen Einwohner der Insel.


Im Casino: Ganz viele, hauptsächlich ältere Leute an Spieltischen und vor einarmigen Banditen. Ich wähne mich in einem Film, die Szenerie mutet mich gänzlich irreal und traurig an, trotz der tollen Salsa Musik, die durch die Räume hallt.

Ich sitze am Hotelcomputer. In meinem Ruecken unterhält sich ein Mann lautstark mit der Rezeptionistin, er hat eine Stimme, die Menschen eigen ist, die einen Seehundschnauz tragen … ich drehe mich um: er trägt ein Boxerbärtchen mit Schnauz.

Überhaupt sind die Amerikaner zu laut, Türen schletzen ist die Regel. Zu übertreiben scheint ihnen Charaktermerkmal, in allem und jedem, auffällig in San Juan sind vor allem die vielen meist tätowierten Übergewichtigen. Heute hat sich ein solches männliches Exemplar im Bus neben mich gesetzt und mich fast zerquetscht. Als ich mich mit Mühe befreite und einen anderen Sitz suchte, meinte er, er könne nichts dafür … für sein Gewicht vielleicht nicht, doch es auf mir abzuladen, dafür schon, dachte ich so für mich.

Wednesday, 25 February 2026

Are there pictures that we should not see?

 After flight MH 17 was shot down in eastern Ukraine, Magnum-Photographer Jérôme Sessini took pictures that some commentators felt shouldn't be shown because they would hurt the dignity of the deceased and their family members. It was also argued that pictures that are published should take into account the feelings of the readers and viewers respectively.

I do not name the sources of these comments because they are in no way original, they can be heard again and again, and I feel that the question whether we shouldn't be shown certain photographs needs to be addressed in principle.

It is argued that to show images of victims of war (or of accidents) are an affront to the dignity of the deceased and can add to the immediate grief of families. I must admit that I do not really understand what dignity in the context of war means. Soldiers are trained to kill. Killing and dignity, in my view, do not exactly go hand in hand. So how come then that killing in the context of war is accepted but what results from this killing should not be shown?

Such pictures do nothing but shock, it is said, they do not contribute to a better understanding of what has happened. I disagree for we cannot really know what terrible pictures do to us. Sure, they very likely will shock and disturb us — and they should — but there is no basis for arguing that such pictures do not have the potential to educate and even change us.

Photographs set free emotions and these often cannot be controlled. Which is precisely the reason why we get to see so few pictures of certain wars. On 27 July 2008, The New York Times had this to say about the censorship of photographs of dead American soldiers in Iraq: "... after five years and more than 4,000 American combat deaths, searches and interviews turned up fewer than a half-dozen graphic photographs of dead American soldiers."

Despite the abundance of photographs surrounding us, there are still far too many we do not get to see. 9/11 was probably the most photographed event of our time. But what about photos of jumpers, why didn't we get to see these? Joe Scurto, for instance, saw "at least a hundred people jumping. The were coming down like rain." Well, there is one that has come to be known as The Falling Man, taken by veteran Associated Press photographer Richard Drew; "the most famous picture nobody's ever seen," as Drew says.

Copyright @Richard Drew

There's another war photo (of an incinerated Iraqi soldier in his truck) not many people have seen because most media refused to publish it. Kenneth Jarecke, the photographer, had assumed the media would be only too happy to challenge the popular narrative of a clean, uncomplicated war. Unsurprisingly, he was wrong. As the old Romans phrased it, "mundus vult decipi," the world wants to be deceived.

Moreover: "Nowadays ... news organizations tend to play it safe, having been subsumed by media conglomerates that give less credence to exposing harsh realities than to turning a profit, entertaining mass audiences, and satisfying skittish advertisers," as David Friend, in his impressive Watching the World Change. The Stories Behind The Images of 9/11, explains.
]
PS: Spare me the dignity-talk. I have enough experience and judgement to decide for myself what pictures deserve my attention.

Sunday, 22 February 2026

In Zürich 2012





Rieterpark Zürich, 2012
Copyright@Blazenka Kostolna

Wednesday, 18 February 2026

Du gehst deinen Weg, ich gehe meinen.

Die Vorstellung, das Leben sei da, wo er nicht sei, gehörte zu Hugos Konstanten. Nachdem er um die Welt gereist war, glaubten die zu Hause Gebliebenen, er sei da gewesen, wo das Leben sei. Und wollten nichts davon hören. Doch wo immer er auch gewesen war, er hatte sich stets als Zuschauer wahrgenommen.

+++

Hugo hatte so recht eigentlich keine Zweifel, dass frühkindliche Erfahrungen entscheidend seinen Lebensweg bestimmt hatten. Und weil er das glaubte, fand er auch problemlos die entsprechenden Belege dafür.

Doch wieso glaubte er das eigentlich? Weil es die vorherrschende Ideologie war. Es war der Zeitgeist, und diesem war nur schwer zu entkommen.

Im 16ten Jahrhundert, in dem Michel de Montaigne lebte, herrschte ein ganz anderer Geist. Montaigne hatte sieben jüngere Brüder und Schwestern und wurde bereits nach der Geburt zu einer einfachen Bauernfamilie im Nachbardorf zur Pflege gegeben. Dazu Sarah Bakewell in Wie soll ich leben?: „Wenn wir von den entwicklungspsychologischen Ideen des 20. und 21. Jahrhunderts ausgehen (die sich vielleicht bald als fragwürdig erweisen werden: vielleicht ist die Mutter-Kind-Bindung ein ebenso kurzlebiges, kulturell bedingtes Phänomen wie das Gestilltwerden durch eine Amme), so muss der mangelnde Kontakt zu den Eltern in den entscheidenden ersten Lebensmonaten Montaignes Beziehung zu seiner Mutter tiefgreifend geprägt haben. Montaignes eigener Einschätzung nach jedoch funktionierte der Plan perfekt, und er empfahl seinen Lesern, mit ihren Kindern möglichst dasselbe zu tun.“

Es versteht sich: Wir sind Kinder unserer Zeit. Heisst das, dass wir zu einer bestimmten Art Leben und Denken verdammt sind? Zum grössten Teil ist dem wohl so. Zu bedenken ist allerdings, was Benoîte Groult in ihrer Autobiografie Meine Befreiung notierte: „Das Beruhigende bei den alten Griechen und Römern wie bei den Klassikern oder Romantikern ist, dass sie uns ihre Kindheit erspart haben. War Corneille ein geschlagenes Kind? Hat Platon mit zehn masturbiert? Hat Musset viel geweint, weil seine Mutter ihm abends im Bett keinen Gutenachtkuss gegeben hat?“

Hugos Fühlen und Denken hatte sich immer an Ewigem orientiert, ihm war das Relative stets fremd und zuwider. Die Grundüberzeugung dabei: Wenn du weisst, wer du bist, und dein Schicksal annimmst, kann dir so recht eigentlich gar nichts passieren.

Natürlich gehören die Dinge – auch – im Zusammenhang gesehen. Doch wer so argumentiert, meint eigentlich fast immer in dem von ihm vorgegebenen Zusammenhang, denn ein Kontext ist immer konstruiert, existiert nicht einfach so. Man stelle sich nur einmal vor, wie Zukünftige auf uns Heutige zurückschauen werden, wie unwissend und naiv sie uns wohl wahrnehmen werden.

Mächtig bzw. einflussreich ist, wer den Kontext vorzugeben vermag. Hugo hatten die vorgegebenen Kontexte nie recht zu überzeugen vermocht, ständig dachte es so in ihm: Aber das ist doch total willkürlich, das kann man auch ganz anders sehen. Stimmt, antworteten daraufhin die, die das Sagen hatten. Und überhaupt: Leute, die quer denken können, brauchen wir. Hugo wollte das gerne glauben, merkte dann aber, dass quer bzw. anders zu denken nur dann gefragt war, wenn es sich im Interesse derjenigen, die das Sagen haben, zu ihrem Vorteil nutzen liess.

Was also war zu tun? Du gehst deinen Weg, ich gehe meinen. Das klingt einfach, ist es aber nicht, denn die gesellschaftlichen Prägungen gehen nicht einfach so weg. Warum kannst du dich nicht anpassen? Glaubst du, du seist etwas Besonderes? Und so weiter ... Man verglich sich, war gelegentlich eifersüchtig und neidisch, zweifelte an seinen Entscheiden. Und ging weiter auf seinem Weg, auf dem man, je länger man ihn ging, sich allmählich begann wohl zu fühlen, sofern das nicht das Ziel war.

Hans Durrer
Heute Nicht!
Die Geschichte einer Obsession
Tredition, Ahrensburg 2025

Sunday, 15 February 2026

Anarchie - jetzt oder nie!

Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, befand Thomas Hobbes im Jahre 1642. Im Gegensatz zu mir teilt Sylvie-Sophie Schindler diese Auffassung nicht. Ganz im Gegenteil. Sie orientiert sich an Jean-Jacques Rousseau, "der gut hundert Jahre nach Hobbes erklärte, dass wir alle als gute Menschen geboren werden. Empathisch, friedliebend, kooperativ, das sei unser Naturzustand." Eine Weltsicht, die ich entschieden weltfremd finde, man sehe sich die gegenwärtigen Führer an, sei es in der Politik, sei es in der Wirtschaft, sei es in der Verwaltung, die man sich als Kinder gar nicht vorstellen kann. Dazu kommt, dass die irrige Idee (denn mehr als eine Idee ist es nicht) vom Menschen als von Grund auf empathischem, friedliebendem und kooperativem Wesen zum Glauben verleitet, es liesse sich alles regeln, sofern man guten Willens sei. Ich selber ziehe You do your thing, I do mine vor,

"Bevor wir über Anarchie reden, muss die Ausgangslage erst mal klar sein. Deshalb werde ich in diesem Essay eine dezidierte Neubewertung des Politischen vorlegen." Nun ja, Neues habe ich da kaum gefunden, stattdessen Sätze von einer intellektuellen Dürftigkeit sondergleichen. "Der Staat ist nur noch Ankunftsziel für Ewig-Gestrige. Die Zukunft gehört der Anarchie. Sie bezweifeln das? Sie sind skeptisch, dass ein freiheitliches Zusammenleben ohne staatliche Ordnung möglich ist? Ich halte den Zweifel für eine wichtige Errungenschaft, daher will ich ihn nicht beiseiteschieben." Der Zweifel eine Errungenschaft? Mich geisselt er eher ...

Nichtsdestotrotz: Diese Schrift lohnt. Weil die Welt in einer Sackgasse steckt und es dringend neue und radikale Denkansätze braucht, auch wenn es die Gedanken, die Sylvie-Sophie Schindler anführt, schon lange gibt. Darauf aufmerksam zu machen, ist gleichwohl nützlich und kein geringes Verdienst. Etwa auf Peter Sloterdijks Auffassung, dass der Mensch seinem Wesen nach ein Athlet sei, "also einer, der sich übend zu seinem Leben verhält."

Sylvie-Sophie Schindler usurpiert Sloterdijk allerdings ziemlich eigenwillig. "Heißt das Trainingsprogramm »Anarchie«, dann ist es verbunden mit der Absichtserklärung, dass einem nicht egal ist, ob der Mensch ein freies oder ein in Ketten gelegtes Wesen ist." Und sie macht klar: Ohne Fleiss kein Preis bzw. ohne Anstrengung keine Anarchie. "Bitte legen Sie dieses Buch weg, wenn Sie alleine der Gedanke, Schweiß investieren zu müssen, nervös macht." Selten so gelacht, doch sie hat eindeutig recht. Mit Phlegmatikern wird ein Neuanfang definitiv nicht gelingen.

Dieses Buch ist ein Aufruf zur Phantasie, es ruft auf zum Handeln, fordert Radikales. Und hat damit meine ganze Sympathie. Allerdings wird das alles in einem derart verständnisvollen Ton vorgebracht, dass dabei die Botschaft untergeht. "… eine riesige Hemmung, endlich mal auszusprechen, dass nicht einzelne Parteien die Wurzel allen Übels sind, sondern das politische System an sich. Möglich, dass auch viele zu blind sind, das zu erkennen. Oder dass sie über das Bestehende nicht hinausdenken können. Das sage ich ohne Vorwurf." Nun ja, ein Vorwurf wäre das Mindeste.

Die Autorin vergleicht die Politik weltweit mit einer Sekte. "So wie es Scientology tut, betreiben auch die in politischer Verantwortung stehenden Akteure nicht nur gigantische Gehirnwäsche, sondern reagieren unbarmherzig gegen jeden Abweichler." Und sie befindet: "Uns wird alles Mögliche unterstellt, was die Politik eigentlich sich selbst ankreiden müsste. Was hier stattfindet, kennt man aus der Psychologie: Es handelt sich um Projektion." So richtig das auch ist, die eigene Projektion sieht die Autorin dabei nicht. So beschreibt sie zwar akkurat den Medienkonsum, befasst sich aber nicht damit, dass sie diesem genauso unterliegt, sonst wäre sie gar nicht in der Lage, sich dazu zu positionieren : "... für Millionen Menschen strukturiert sich so der Tag, sie fressen Nachrichten in sich rein, sie fressen und fressen. Man könnte auch sagen, sie spritzen sich ihren Stoff, sie sind süchtig. Meinen täglichen Schrecken gib mir heute. Die Medien bedienen dieses Verlangen nur allzu gerne, ist es doch ihr Geschäftsmodell. Sie könnten ohne Politik ebenso wenig existieren wie umgekehrt. Geschichten werden ausgegraben, inszeniert, so wichtig gemacht wie sie niemals waren."

Mediensucht also, das trifft es in der Tat. Und die Autorin weiss, wovon sie schreibt, sie bedient ja auch selber die Medien bzw. ist Teil davon. Übrigens, bei der Sucht gilt: entweder oder. Entweder man macht weiter, oder man gibt auf. Wer ein Verhalten zu kontrollieren versteht, ist nicht süchtig. Den Medienkonsum aufzugeben, ist allerdings nicht leicht. Nicht zuletzt, weil einem dabei auch dies hier entgehen würde:

"Nach einer Überflutung, einem Erdbeben oder nach Waldbränden entstehen spontane Strukturen, um Akuthilfe untereinander zu ermöglichen. Ihrem Wesen nach sind diese Strukturen anarchistisch. Es muss schnell gehandelt werden, oft geht es um Leben oder Tod. Man organisiert Decken, kocht Suppen, schafft Schlafplätze. Keiner braucht hier Politiker, schon gar nicht solche, die in Gummistiefeln demonstrativ durch den Schlamm waten. Dass sie dabei stets wie Fremdkörper wirken, kommt nicht von ungefähr. Es gibt kaum ein treffenderes Bild für den Beweis ihrer Überflüssigkeit. In der unmittelbaren Phase nach einer Katastrophe ist Macht dezentralisiert, sie geht von der Basis aus, und das, was sie bewältigt, lässt sie über sich selbst hinauswachsen. Hätte man die Betroffenen vor der Katastrophe befragt, ob sie in der Lage wären, ein Hilfsnetz aus dem Nichts aufzubauen, hätten wohl die meisten Zweifel gehabt. Sie hätten wahrscheinlich nicht gewusst, welche Fähigkeiten da in ihnen schlummern."

Ganz ähnlich gestalteten sich auch die Aufräumarbeiten nach 9/11, als die Hierarchien nicht mehr funktionierten und Leute, denen man das nie zugetraut hätte, an die Hand nahmen, was zu tun war. Aus eigener Initiative, ohne Anordnungen. Nur eben: Aus der Überflüssigkeit der Politiker vor Ort zu schliessen, sie seien generell überflüssig, ist dann doch etwas arg kurz gedacht, nicht zuletzt, weil sie sich bestens als Sündenböcke eignen, und ohne die geht ja nun wirklich gar nichts.

Mit wesentlichen Erkenntnissen dieses Werkes gehe ich einig, insbesondere dem Hinweis auf Fassbinders "Angst essen Seele auf", der des Menschen Grundbefindlichkeit damit treffend auf den Punkt gebracht hat. Nur dass die Autorin diese Angst dann, ganz anders als Fassbinder, mit der Politik erklärt. "Eine Angst, die in ihrer Omnipräsenz mindestens nachdenklich machen sollte. Sie ist eine logische Konsequenz der real existierenden, von Politik evozierten Lieblosigkeit." Sorry, doch das ist schlicht lächerlich.

Ich habe viel Sympathie für die Idee vom freien und verantwortungsvollen Menschen, die Sylvie-Sophie Schindler leitet, nur will der Mensch gar nicht frei sein (man lese Freud und Dostojewskij oder meine Texte), denn das bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Und davor scheut der Mensch zurück. Ausnahmen gibt es, sie sind selten.

Dieses Buch ist einerseits ein Aufruf zur Selbstreflexion, die allzu vielen fremd ist, und befindet andererseits, es drehe sich heutzutage alles um Politik, was allerdings nur Medienschaffenden einfallen kann. Und auch wenn ich Friedrich Nietzsches »Werde, der du bist« teile, so sollte dies beileibe nicht allen geraten werden. Bereits ein Blick in die gegenwärtige Politik lehrt einen, dass da einige besser nicht sich selber wären ...

Sylvie-Sophie Schindler
Anarchie - jetzt oder nie!
Westend Verlag, Neu Isenburg 2026

Wednesday, 11 February 2026

Hellseher im Kleinen

 

Als Susan Bernofsky vor über dreissig Jahren begann, Robert Walsers Werke ins Englische zu übersetzen, war eine Biografie über ihn zu schreiben, das letzte woran sie dachte. Wie sie dabei vorgegangen ist, erläutert sie in ihrer Einleitung, der die Begeisterung für ihre Arbeit anzumerken ist.

Die Bezeichnung "Hellseher im Kleinen" geht auf W.G. Sebald zurück. Dass wer eine Biografie schreibt, vor der Gefahr der Projektion nicht gefeit ist, weiss Susan Bernofsky, dass Walser oft Geschichten geschrieben hat, "die zumindest zum Teil autobiografisch sind", scheint mir untertrieben. Nun gut, ich bin kein sogenannter Fachmann, doch mir scheint das Autobiografische (Susan Bernofsky weist oft genug darauf hin) mehr als offensichtlich. Zugegeben, die Vorstellung, etwas könne nicht autobiografisch sein, halte ich für grotesk; mir scheinen die Unterscheidungen, die Menschen vornehmen (insbesondere im sogenannt Geistigen, das nicht wirklich fassbar ist), so recht eigentlich absurd.

Robert Walser ist mir nicht vertraut. Zwar sind mir die Titel seine Romane geläufig, einige habe ich auch gelesen, wenn auch ohne Erinnerung daran. Auch Biografisches weiss ich von ihm. Mit anderen Worten. "Hellseher im Kleinen" ist für mich eine Einführung in Leben und Werk. Wie die beiden zusammenhängen und ineinander greifen, zeigt Susan Bernofsky eindrücklich. Was sich in Robert Walsers Leben findet, findet sich grossenteils auch in seinen Büchern.

Detailliert und ausgesprochen vorsichtig äussert sich Susan Bernofsky. "Im zeitlichen Abstand von 15 Jahren lässt sich unmöglich sagen, ob Walser sich an seine damaligen Gefühle erinnert oder ob er sie im Nachhinein heraufbeschwört." Wie sie seine Texte analysiert und interpretiert, ist eine Meisterleistung. Man lese etwa, was sie zu seinem Prosadebüt "Der Greifensee" zu sagen hat (Seite 108) – man liest den Text anschliessend wie neu bzw. intensiver.

Ganz wunderbar auch, wie sie Walsers Miniaturessay über die Sehnsucht einordnet (Seite 72), wobei sie für mein Dafürhalten allerdings übers Ziel hinausschiesst, wenn sie etwa diesen Satz: "Dass die Menschen etwas Lästiges so viel und gern betreiben, etwas so Sehnsüchtiges wie die Sehnsucht, das ist das Krankhafte, das an uns haftet!" als "pseudophilosophisches Sinnieren" bezeichnet. Pseudophilosophisch? Was immer das sein mag. Vermutlich das, was alle tun, die nicht einschlägig akademisch diplomiert worden sind. Walser sagt hier nichts anderes als dass die Sehnsucht (wie auch das Christentum) von Übel ist, weil sie uns vertröstet auf etwas Fernes, das womöglich nie eintritt. Das ist ganz einfach klar gedacht, was man von vielen Philosophen und Philosophinnen nicht sagen kann.

"Hellseher im Kleinen" ist auch ein Buch, das mich die Schweiz und insbesondere die Städte Biel, Zürich und Basel mit neuen Augen sehen lässt, so treffend hat die Autorin die verschiedenen Stadtteile charakterisiert, vor allem durch Zürich machte ich gleichsam eine Zeitreise und die Schilderung Basels ist ein veritabler Augenöffner. "Basel war allgemein düster, weil die Bollwerke zum Schutz vor einer Überschwemmung durch den Rhein, der durch die Stadt floss, dazu geführt hatten, dass die Strassen und Gassen so kompliziert verzweigt und verschlungen waren, dass es schwerfiel, überhaupt irgendwo eine Aussicht zu bekommen." Auch Thun, Solothurn (wo die Kirchenglocken Tag und Nacht alle Viertelstunden läuteten!) und Wädenswil figurieren prominent.

Schriftsteller wollte Robert Walser sein, die gängigen Karrieren interessierten ihn nicht, er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, kommt zumeist in kleinen Zimmern unter. "Als dreissigjähriger Schriftsteller ohne Familienvermögen im Hintergrund zur Absicherung seiner Künstler-Existenz-Bestrebungen hatte sich Robert allein auf der Grundlage seiner Begabung und seines Werkes einen Namen gemacht." Von Hesse und Kafka gelobt, hat er es im literarischen Berlin geschafft, ohne die einschlägig formale Bildung und mit einem starken Schweizerakzent, auch wenn Kritiker und Verleger seine Romane oft als formlos und mäandernd beurteilten.

In seiner Berliner Zeit lässt er sich auch zum Diener ausbilden, was seine Biografin unter anderem zu dieser wunderbar hellsichtigen Frage inspirierte: "War die Schauspielerei etwas so anderes als das Dasein eines Dieners?" Eine weitere Perle auch dieser Satz: "Das Handwerk des Soldaten verband, wie das des Butlers, Dienstbarkeit mit Können."

So beeindruckend die Akribie dieses Werkes auch ist, gelegentlich versteckt sich die Autorin auch dahinter. "Vieles weist in der Tat darauf hin, dass sein Trinken als Versuch der Selbstmedikation zu verstehen ist." Versuch der Selbstmedikation? Wer sich seine Angst wegtrinkt, ist definitiv ein Trinker. Erstaunlich auch, dass sie sein gelegentlich erratisches Verhalten nicht mit seinem Trinken in Verbindung bringt. Obwohl: "Nicht unwesentlich für die Verbesserung von Roberts Zustand dürfte der Umstand gewesen sein, dass es in der Klinik keinen Alkohol gab ...".

Robert Walsers Leben, geprägt von ständigen Geldsorgen, dauernden Wohnungswechseln, gewaltigen Spaziergängen, unerfüllter Liebe, Alkoholproblemen und einem überaus reichen literarischen Schaffen, fasziniert nicht zuletzt, weil da einer seinen ureigenen Weg gegangen ist. Susan Bernofsky vermutet jedoch, "dass sein eigener Status als Figur am Rande weniger die Folge einer bewussten Entscheidung seinerseits als eine Falle war, in die er immer wieder hineintappte. Aber vielleicht war ihm das als Künstler am Ende doch irgendwie nützlich." Es spricht sehr für diese Biografie, dass sie mit Fragen und nicht mit Antworten schliesst. Wer weiss schon, warum wir tun, was wir tun?

Fazit: Grandios, ein Meisterwerk! Eine kenntnisreichere Einführung in Robert Walsers Leben und Werk ist schwer vorstellbar.

Susan Bernofsky
"Hellseher im Kleinen"
Das Leben Robert Walsers
Suhrkamp, Berlin 2025

Sunday, 8 February 2026

Der Infantilismus unserer Zeit

Warum führt der zivilisierte Mensch Krieg?, wurde Sigmund Freud nach dem Ersten Weltkrieg gefragt. Weil der Mensch gar nicht zivilisiert sei, antwortete er.

Viktor Frankl äusserte einmal, es gebe nur zwei Rassen: Die Anständigen und die Unanständigen. Und da die Anständigen in der Minderheit seien, gelte es, diese zu stärken.

***

Von William Golding, Nobelpreisträger für Literatur 1983, wurde 1979 Das Feuer der Finsternis veröffentlicht, worin er die Zerstörung der Ordnung durch junge Menschen beschreibt, in denen sich der Narzissmus und Infantilismus der Zeit verkörpert.

Heutzutage wird der Narzissmus und Infantilismus auch von alten Männern verkörpert, die nie erwachsen geworden sind, nicht einmal ansatzweise.

We want the world and we want it now gehörte zu den Leitsprüchen meiner Jugend. Diese Mentalität, die ich damals nicht als Mehrheitseinstellung wahrgenommen hatte, hat sich eigenartigerweise durchgesetzt, denn heute wollen viele Menschen alles sofort, weshalb denn auch fast food so erfolgreich ist. Dass es keine gute Idee ist, jedem Impuls unverzüglich nachzugeben, ist offenbar vielen abhanden gekommen. Stattdessen: Ich will, ich will, ich will ... und zwar jetzt sofort.

***

Entscheidungen zu treffen setzt entscheidungsfähige Menschen voraus, die willens und imstande sind, sich sachlich zu informieren. Wer ausschliesslich seinen Gefühlen folgt, ist nicht nur ein Trottel (Frauen und Nicht-Binäre eingeschlossen), sondern schlicht nicht zivilisiert, und das meint, nicht von der Vernunft geleitet.

Zivilisiert sein ist keine Frage der Intelligenz, sondern eine Frage der Haltung. Zivilisiert sein meint anständig zu sein.

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Nur Unanständige wählen Unanständige.

Die Vorstellung, dass der Mensch von der Vernunft geleitet sei, ist ein Irrtum. Das zeigt sich besonders bei Wahlen, wo man in der Regel die wählt, mit denen man sich am besten identifizieren kann. Oder die man bewundert. Leider gehört die Bewunderung ganz vieler den windigen und rücksichtslosen Betrügern (man denke an die Popularität von Mafia-Filmen), die es mit Tricks und Schweinereien schaffen, erfolgreich zu sein. Der ehrliche Arbeiter geniesst hingegen kein hohes Ansehen, bestenfalls läuft er unter der Kategorie zwar lieb, aber eben blöd. Auf dieser Mentalität gründet der Infantilismus unserer Zeit.

Zürich, 2 Juli 2021

Wednesday, 4 February 2026

Über Wissenschaft, Freiheit und Frieden.

Als ich vor einiger Zeit wieder einmal auf Aldous Huxley gestossen bin und in der Folge einiges von ihm online gelesen habe, packte mich eine Einsicht, die mich seither begleitet. Nachdem er sich vierzig Jahre lang mit der conditio humana auseinandergesetzt habe, gestehe er nicht ohne Scham, dass ihm dazu so recht eigentlich nur gerade einfalle: Seid doch etwas netter und freundlicher miteinander.

Mich begeistert diese Einsicht geradezu, zeigt sie doch den Menschen als das, was er essentiell ist: Unbelehrbar, emotional ein Kind, ein Leben lang, das Anstand lernen muss. Entschieden weniger begeistert war ich von dem Soundbite eines sogenannt Prominenten (damit handelt es sich um Menschen, die die Medien prominent gemacht haben; ich beteilige mich nicht [mehr] an diesem ziemich kranken name dropping, wer wissen will, wer der Mann ist, gehe zur Website des Verlags): »Vergessen Sie Orwell, lesen Sie Huxley!« Dass das Blödsinn ist (der Mann weiss wie die Medien ticken, deshalb ist er prominent), weiss ich auch ohne das Buch gelesen zu haben.

Auf der Verlagswebsite findet sich auch Aufschlussreiches von der Lektorin des Werkes, die es dann aber auch nicht lassen kann, einen Wissenschaftsjournalisten mit der banalsten aller Fragen zu zitieren: »Warum haben wir nicht daraus gelernt?« Er sei nicht der einzige Warner gewesen, fügt sie hinzu, auch Einstein habe viel und oft gewarnt.

Man lerne aus der Geschichte, dass man nichts aus ihr lerne, meinte einst Hegel. Wer also die Frage heute noch stellt, beweist damit wieder einmal die Richtigkeit der Hegelschen Erkenntnis. Doch zum Buch, in dem Huxley einleitend festhält, er werde "aufzeigen und schildern, wie die angewandte Wissenschaft bislang zur Zentralisierung der Macht in den Händen einer kleinen herrschenden Minderheit beigetragen hat und wie man diesen Entwicklungen entgegentreten und sie vielleicht sogar umkehren kann."]

Zeit der Oligarchen stammt aus dem Jahre 1946 und beginnt mir einem Zitat Tolstois, das er ein halbes Jahrhundert zuvor verfasst hat. "Bei einer derartig schlechten Einrichtung der Gesellschaft wie der unseren, in der eine kleine Zahl von Menschen die Macht über die Mehrheit hat und diese unterdrückt, dient jeder Sieg über die Natur unweigerlich nur dazu, Macht und Unterdrückung zu vergrößern. Und genau das geschieht heute."

Damit ist alles Wesentliche bereits gesagt, könnte man meinen, doch weit gefehlt, denn durch die konkretisierenden Ausführungen von Huxley werden mir Dinge klar, die ich so noch gar nie gesehen haben. Vor allem, dass der technische Fortschritt den Mächtigen Instrumente an die Hand gibt, die sie praktisch unbesiegbar machen.

Dazu kommt, "dass der wissenschaftliche Fortschritt einer der Urheber des voranschreitenden Niedergangs der Freiheit und der Zentralisierung der Macht im 20. Jahrhundert ist." Es lohnt bei diesem Satz zu verweilen. Und dann daran zu denken, dass wirtschaftsfreundliche Politiker sich unablässig als Kämpfer für die Freiheit hervortun. Absurder geht kaum.

Huxley sieht Zusammenhänge, für die die meisten blind sind. "Zeitunglesen und Radiohören erzeugen psychische Abhängigkeit, die sich wie die körperliche Sucht nach Drogen, Tabak und Alkohol nur durch die Willensanstrengung des Süchtigen besiegen lässt." Man kann sich in der Tat durch Willensanstrengung vom Medienkonsum verabschieden, bei Alkohol und anderen Substanzdrogen kommt man damit allerdings nicht sehr weit. Nichtdestotrotz: "Fortgesetzte Hingabe an die psychischen Suchtmittel hat ihren Preis, und dieser Preis ist unerwünschte Propaganda." Dagegen wehren geht nur durch Verzicht: Man muss sich den Medien verweigern, denn die gehören denen mit Geld, Macht und Einfluss.

Einleuchtend und überzeugend legt Huxley dar, dass mit dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt eine Veränderung unseres Denkens stattfindet. Wir sind derart zuversichtlich geworden, dass wir unsere Wunschvorstellung, etwas sei umsonst zu, gar nicht in Zweifel ziehen. "Dahinter steht die Annahme, dass Gewinne auf einem Gebiet nicht mit Verlusten auf einem anderen bezahlt werden müssen." Es sind die Fortschrittsgläubigen, die irre sind, nicht die Skeptiker.

Wissenschaftliches Arbeiten gründet im Vereinfachen. Im Labor ist das sinnvoll, in der Lebenswirklichkeit nur bedingt. Um Resultate zu liefern bedient sich die Wissenschaft einer Komplexitätsreduktion, die dann für die Realität gehalten wird, dabei allerdings ausser Acht lässt, dass unsere erfahrbare Wirklichkeit nicht wie abstrakte Modelle funktioniert. So sehr wissenschaftliche Erkenntnisse auch zum wirtschaftlichen Wohlstand beitragen, der Preis ist die fortschreitende Entfremdung – und diese macht uns krank.

Aldous Huxley betrachtet die Dinge grundsätzlich und in grösseren Zusammenhängen, was in der heutigen Zeit, die von Nützlichkeitserwägungen geprägt ist, selten genug, doch notwendig ist. Nur eben: Es geht schon lange, angetrieben durch die Vergötterung des Profits, in eine ganz andere Richtung: Die Zerstörung unseres Lebensraums nimmt zu.

Es sind vor allem die Ausführungen zur Wissenschaft, die mich gepackt haben. Selten war mir so deutlich vor Augen, dass Wissenschaft sich immer nur mit Teilaspekten befasst, was vielen Wissenschaftlern durchaus klar ist, doch den meisten anderen nicht, von denen allzu viele glauben, ihnen werde durch die Wissenschaft ganze Welt begreiflich germacht.

"Die Mentalität sämtlicher Nationen – die Mentalität, die ansonsten vernünftige Erwachsene einnehmen, wenn sie in der internationalen Politik wichtige Entscheidungen treffen – ist die eines vierzehnjährigen Straftäters: hinterhältig und kindisch, bösartig und einfältig, manisch egoistisch, überempfindlich und gierig – und gleichzeitig lächerlich angeberhaft und eitel." Und da glaubten doch viele der ganz Kurzsichtigen (mich eingeschlossen), wir würden heute noch nie Dagewesenes erleben.

"Das größte Bedürfnis der Menschheit ist ausreichende Ernährung; dennoch wird die Politik der Nationalstaaten heute in erster Linie von Machterwägungen diktiert." Mit anderen Worten: Ein anderes, ein neues Denken ist erforderlich; es braucht den Menschen, der nicht von Gier und Macht angetrieben wird, sondern der Freiheit und dem Frieden verpflichtet ist. Dafür hat sich Aldous Huxley clever und eloquent engagiert.

Aldous Huxley
Zeit der Oligarchen
Hanser, München 2025