Sunday, 16 August 2026

Die Liebeshungrigen

Bereits auf den ersten Seiten macht Karine Tuil klar, dass Politiker Süchtige sind. Gezeigt wird das am Ex-Präsidenten Dan Lehman, einem Alkoholiker, für den das Schlimmste im Leben zu sein scheint, dass man gesellschaftlich nicht zählt. Die Hohlheit, die das öffentliche Leben regiert, ist wirklich schwer zu überbieten!

Den Alkoholiker zeichnet wesentlich aus, dass er sich der Realität nicht stellen will. In jeder Hinsicht. Doch so sehr dieser Roman auch ein bewegendes Dokument des destruktiven Potentials von Alkohol ist, er macht auch deutlich, dass da, wo der Schein wichtiger ist als alles andere (also in der Politik, beim Film, und ja, auch in der Literatur) stets auch die zerstörerische Seite des Menschen zutage tritt.

Dan Lehman, 60, ist in zweiter Ehe mit der 25Jahre jüngeren Schauspielerin Hilda verheiratet. Zu den drei Kindern aus erster Ehe mit einer Frau, die ihn immer vorbehaltslos unterstützt hatte, gesellt sich nun ein Mädchen, das taubstumm zur Welt gekommen ist. "... trotz aller Liebe zu dem Neugeborenen begriff er, dass er seine Freiheit aufgegeben hatte, als sie endlich zum Greifen nahe war."

Die Liebeshungrigen (der französische Originaltitel, "La guerre par d'autres moyens", ist weit treffender) ist ein gut geschriebener und bestens informierter Roman über Politik und Medien bzw. über das Leben in der Öffentlichkei, was letztlich meint, ein Dasein der Abhängigkeit von ganz vielen, ganz unangenehmen Zeitgenossen (Frauen wie Männer). Dabei erfährt man viel Aufschlussreiches über diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten, bei dem es stets darum geht, wie etwas bzw. jemand von anderen wahrgenommen wird.

Die sogenannt öffentliche Meinung, heutzutage repräsentiert durch die Massenmedien und die sozialen Netzwerke (weshalb die so heissen, ist ein Rätsel), sind unerbittlich. Lässt man Karine Tuils Schilderungen auf sich einwirken, fragt man sich unwillkürlich, wie krank man eigentlich sein muss, um sich diesen Meinungsterror anzutun. Selbst Hilda, als Schauspielerin die Aufmerksamkeit gewohnt, glaubt das ständige Scheinwerferlicht, das den politischen Aushängeschildern zuteil wird, nur mit Antidepressiva ertragen zu können.

Erzählt wird dieser Roman, der so recht eigentlich eine scharfsinnige Betrachtung des Kapitalismus darstellt (also um die Frage kreist: Wieviel ist man wert?), vor allem aus der Perspektive von Dan, Hilda und Dans Ex. Es ist nicht nur der materielle Erfolg, der unsere gesellschaftliche Stellung definiert, sondern im Falle der Frau auch das Alter. Als Dans Ex nach der Scheidung Anfang fünfzig ist, und sich niemand mehr für sie interessiert. "Ich fremdelte mit der neuen Ökonomie der Sexualität, in der man seine erotischen Bedürfnisse irgendwelchen Dating-Apps anvertraute, und ich misstraute Liebesbeziehungen, in denen man die sexuelle Freizügigkeit als dogmatische Norm einforderte, obwohl sie nichts weiter als eine Ausdrucksform des Kapitalismus war."

Sowohl Dan, Hilda als auch Dans Ex sind gescheite, differenzierte und reflektierte Charaktere, die in einem Masse Sklaven der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung sind, dass man an einen Gefängnisaufenthalt erinnert wird. "Sollte er Präsident werden, wird kein Regisseur mehr mit dir drehen wollen. Ab dann bist du nur noch die Frau von." So kommt es dann auch – und eben doch anders, denn Hilda brilliert in einem Film, für den sie zwar nicht die erste Wahl gewesen war, der in der Folge aber für die Goldene Palme in Cannes nominiert wird.

Die Liebeshungrigen zeichnet sich nicht zuletzt durch Vielfalt aus: Das Schicksal einer Schauspielerin, die sich nicht den ungeschriebenen Regeln des Filmgeschäfts unterwerfen wird, kommt genauso zur Sprache wie die Kunst des Schauspiels. "Die wahre Leistung einer Schauspielerin bestand darin, nicht nachzuahmen. Hilda lernte und probte ihren Text zu Hause oder auf Spaziergängen im Wald, mit dem Ziel, sich am Ende von ihm zu befreien."

Aufschlussreich sind auch die Ausführungen über die Auswirkungen von MeToo. Nicht nur Narzissten scheinen überfordert, viele Männer "trauten sich nichts mehr, gingen nur noch klar geregelte Beziehungen ein, deren Ablauf von den Dating-Apps vorgeschrieben wurde." Wieder einmal zeigt sich, dass, was als Befreiung intendiert war, sich ins Gegenteil verkehrt. Und natürlich gibt es auch ganz viele sexuelle Verstrickungen, schliesslich ist dies ein französischer Roman, was auch meint: Viel Verführung, viel Eifersucht, viel Narzissmus und viele Intrigen. Das heisst jeoch nicht, dass die Handlung vorhersehbar wäre, denn die clevere Karine Tuil versteht es ausgezeichnet, immer wieder von Neuem zu verblüffen.

Der erste Teil dieses Romans ist mit "Das Kapital" überschrieben, der zweite mit "Persona", wobei einleitend darauf hingewiesen wird, dass "das Wort Person in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Maske bezeichnet." (Erving Goffman), treffender kann man Cannes kaum charakterisieren. "Der Erfolg hat einen gewaltigen Preis. Alle hier sind bereit, ihn zu bezahlen." Der dritte Teil trägt den Titel "Mitleidenschaft" und handelt wesentlich von der Co-Abhängigkeit.

Die Liebeshungrigen ist ein spannender Roman über Menschen, gefangen in ihren Abhängigkeiten. Sie alle wollen nicht fühlen, was sie fühlen und betäuben sich deswegen, sei es mit Alkohol, der eigenen Wichtigkeit, der Gier nach Anerkennung. Sie alle führen anstrengende Leben; Gelassenheit scheint ihnen fremd. Stattdessen: Ich ich ich. Eindrücklicher wurde das, und das damit einhergehende Leiden, selten geschildet.

Fazit: Ein hellsichtiges, berührendes und packendes Porträt der vielfältigen gesellschaftlichen Realitäten, die vorgeben, Sicherheit und Orientierung zu geben, sich jedoch als Gefängnis entpuppen.

Karine Tuil
Die Liebeshungrigen
dtv, München 2026

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