Sunday, 23 August 2026

Transkription

Die Rezensenten überschlugen sich geradezu, ich bin wieder einmal darauf reingefallen, denn wenn sich Rezensenten überschlagen, dann hat das Buch etwas mit ihrem Leben zu tun. Doch da ich die Leben von Rezensenten sogenannt angesehener Publikationen wenig interessant finde (der Kulturbetrieb ist ein eitles Haifischbecken und für mich langweilig), hätte ich mir die Lektüre sparen können, dachte es so in mir bei den ersten zwanzig Seiten dieses Romans, geschrieben von einem amerikanischen Uniprofessor, dessen Welt (ich mache keinen Unterschied zwischen Erzähler und sogenannt fiktivem Erzähler) aus den Fugen gerät, als ihm sein Handy ins Wasser des Spülbeckens fällt. "Ich brauchte mein Telefon, um herauszufinden, wie ich es ersetzen könnte." 

Ohne Handy ist der Mann am Arsch, nicht zuletzt, weil er es braucht, um ein Gespräch aufzuzeichnen. Wie kompliziert er sich das Leben macht, weil er glaubt. seinem Gesprächspartner nicht sagen zu können, was wirklich vorgefallen ist, ist glänzend geschildert. "Doch welche Erklärung sollte ich im liefern, wenn ich ohne Aufnahme-Möglichkeit zu ihm kam? Ihm die Wahrheit zu sagen, schien unmöglich." Nicht wenige dürften sich wohl in dem Mann, für den das Wichtigste zu sein scheint, dass er gut rüberkommt, bestens erkennen.

Auf dem Weg zu diesem Gespräch mit seinem 90jährigen Mentor Thomas, einer Koryphäe der Kultur- und Kunstwelt, trifft er auf eine Bekannte aus Studienzeiten, was eine Rückschau auf seine Studentenzeit auslöst, die (wenig überraschend) vor allem von Seelenschmerz geprägt gewesen ist.

Thomas, so habe ich gelesen, soll Alexander Kluge nachempfunden sei. Ich kann das nicht beurteilen, doch es scheint mir sehr plausibel, denn auch Kluge, den ich nur am Rande mitgekriegt habe, blieb mir stets so fremd wie Thomas: Intelligent, originell, aufmerksam, immer interessant, doch nie hilfreich, so wirken die beiden auf mich. Intellektuelle, die den Intellekt als Sedativ benutzen.

Sie reden über Träume, über Filme, über ein Treffen in der Schweiz, oder war es in Frankreich? Das Gedächtnis, wenig verwunderlich, ist nicht zuverlässig.

Der Ich-Erzähler hat seiner Tochter Eva versprochen, sie über FaceTime anzurufen, was mit dem nicht mehr funktionierenden Handy natürlich nicht geht. Er kann Thomas' Festnetztelefon benutzen, und konstatiert, dass Eva anders klingt. Es gibt nicht wenige solch aufmerksame Feststellungen in diesem Werk, die von einer scharfen Wahrnehmung zeugen, doch leider nicht darüber hinausgehen.

Doch dann wird es spannend. Thomas ist gestorben, das Gespräch mit ihm, das wegen des kaputten Handys nicht aufgezeichnet werden konnte und aus dem Gedächtnis rekonstruiert wurde, war sein letztes Interview, ja, sein Testament. Doch wie verlässlich bzw. authentisch ist ein erinnertes Gespräch, von dem es keine Aufzeichnung gibt? Der Autor liefert hier ein Glanzstück darüber, welche Bedeutung Aussagen bzw. Äusserungen beigemessen werden, die sich (im wörtlichen Sinne) schon längst in Luft aufgelöst haben.

Gefolgt wird diese Auseinandersetzung über Verlässlichkeit (dass nicht wenige sich heutzutage auf digitale Aufzeichnungen, die bei jedem Stromausfall weg sind, verlassen, ist der blanke Irrsinn), sowie von langwierigen Erörterungen über kindliche Essstörungen, anhand von Thomas' Enkelin Emmie in Los Angeles, einer Stadt, die Thomas als persönliche Beleidigung wahrnimmt.

Gegen den Schluss spielt Transkription dann in der Schweiz, wohin Thomas' Sohn Max den Vater zu Dignitas begleiten soll. So richtig schlau geworden bin ich nicht aus diesem Roman, nichtsdestotrotz haben sich mir einige Szenen ins Gedächtnis eingegraben. So etwa, dass Thomas mit seiner Enkelin als Baby gar nichts anfangen konnte, doch richtiggehend den Narren an ihr gefressen hatte, als sie zu sprechen anfing ...

Ben Lerner
Transkription
Suhrkamp, Berlin 2026

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