Dieses Buch ist ein Klassiker, und von Klassikern weiss man, dass sie nicht gelesen werden. Doch: "In Japan ist das Buch millionenfach verbreitet, dort entdeckt jede Lesergeneration aufs Neue die Aktulaität dieser zeitlosen Geschichte", lässt der Verlag wissen. Es wird wohl daran liegen, dass Autor Osamu Dazai existenzielle Probleme überzeugend darzustellen weiss.
Für den Ich-Erzähler Yozo Oba ist das Leben ein Rätsel, ihm ist das Tun und Lassen der Menschen unbegreiflich. "... mir schien, ich würde niemals die Beweggründe menschlichen Handelns verstehen können." Wie konnte man bloss das Dasein ertragen oder sich für Politik interessieren, ohne wahnsinnig zu werden? Schon als Bub ist ihm klar, dass er sich verstecken muss, seine Gedanken nicht preisgeben kann. Er setzt sich eine Clownmaske auf. Und benimmt sich wie ein Clown
„Sie spielen ein
Spiel. Sie spielen damit, kein Spiel
zu spielen. Zeige ich ihnen,
dass ich sie spielen sehe, dann
breche ich die Regeln, und sie
werden mich bestrafen.
Ich muss ihr Spiel, nicht zu sehen, dass
ich das Spiel sehe, spielen.“
schrieb Ronald Laing in „Knoten“
Der einzige, der erkennt, dass Yozo Theater spielt, ist der leicht zurückgebliebene Schwächling der Klasse, Take'ichi, der ihm prophezeit: "Die Frauen werden sich bestimmt alle in dich vergucken." Ihm gegenüber traut sich Yozo auch, seine "empfindsame, leicht verletzbare und fragile Verfassung zu offenbaren."
Er tut, was von ihm erwartet wird. Er besucht die Zeichenschule, kann sich jedoch mit dem Leben im Studentenverband nicht anfreunden. Einer der Schüler, Horiki Masao, war ihm jedoch ähnlich: "irrten wir doch beide ziellos weit abseits der Lebenswelt gewöhnlicher Menschen herum." Jedoch: "Er gab den Narren, ohne es zu merken, schien sich der Tragödie seiner Existenz nicht einmal bewusst zu sein – das unterschied ihn essenziell von mir."
Als Student schliesst er sich den Kommunisten an. Nicht, weil er mit Marx viel anfangen kann, sondern, weil es illegal ist, und damit nicht den sogenannt normalen Menschen zugehörig. Ablenkung von seiner Urangst, die ihn überall hin verfolgt, findet er im Alkohol, im Tabak und bei Prostituierten. Er wird zum Säufer.
Eine starke Verbindung spürt er zu einer Hostess eines Nachtcafés auf der Ginza. Tsuneko stammt aus Westjapan, ist verheiratet, und trägt, wie er selber auch, "eine tiefe Einsamkeit in sich, gleich einem eisigen Windstoss, der das Laub wirr herumwirbelt." Zusammen mit ihr versucht er einen Doppelselbstmord; sie stirbt, er wird gerettet.
Seine Familie verstösst ihn, eine verwitwete Redakteurin nimmt sich seiner an. Doch was auch immer geschieht, die Angst und das Gefühl seiner Unzulänglichkeit lassen ihn nicht los. "Selbst vor Gott zitterte ich vor Angst und Bangigkeit. An seine Liebe konnte ich nicht glauben, nur an seine Strafen. Der Glaube. Das schien zu heissen: brav auf dem Richtstuhl den Kopf senken, um die Peitsche Gottes zu empfangen. Die Existenz der Hölle schien mir glaubhaft, doch das Himmelreich konnte unmöglich existieren."
Nichts und niemand, so scheint es, vermag ihm wirklich zu helfen. Was die Gesellschaft und die Religion zu bieten hat, erreicht ihn bestenfalls gedanklich, emotional hingegen nicht. Er bleibt gefangen in seinen Sinnlosigkeitsgefühlen
Wir zeigen der Welt nicht, was und wie wir empfinden. Wir schützen uns. Yozo Oba tut das mittels einer Clownmaskerade, die ihn jedoch unsäglich erschöpft. Und so ergibt er sich dem Suff. Erholt sich, und stürzt dann erneut ab.
Nicht länger ein Mensch ist ein vielschichtiger und überaus berührender Roman über einen Mann, der das Leben nicht erträgt, weder im Guten noch im Schlechten. Und der – erfreulicherweise – auf ein Happy End verzichtet. Dem Protagonisten bleibt das Dasein und besonders das Dasein und Tun seiner Mitmenschen bis zum Schluss unverständlich und fremd – auch wenn es immer mal wieder Lichtblicke bzw. Gefühle von Leichtigkeit gibt.
Gleichzeitig dokumentiert Nicht länger ein Mensch eine tiefe Tragik, die darin liegt, dass Yozo Oba Angst davor hat, seine wahren Gefühle zu zeigen – wie so recht eigentlich wir alle. Der Konformitätsdruck macht uns zu Lügnern.
Osamu Dazai
Nicht
länger ein Mensch
Anaconda, München 2025


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