Ich habe einige Stunden mit diesem Buch zugebracht. Fasziniert und frustriert, ärgerte ich mich zunehmend über diese Ansammlung akademischer Eitelkeiten. Zugegeben, das ist alles sehr differenziert und sehr gescheit, aber eben vor allem academic. Da wird zitiert, was man gelesen hat, werden Kollegen und Konkurrenten begrüsst, wird darauf hingewiesen, worauf man schon in früheren Schriften hingewiesen hatte. Nein, uninteressant ist das nicht, auch immer mal wieder anregend, doch das reicht mir nicht, ich will mehr und anderes, doch was genau, weiss ich leider auch nicht so recht.
Arundhati Roy geht mir durch den Kopf, die in "Aus der Werkstatt der Demokratie" geschrieben hat: "Als Schriftstellerin, Romanschriftstellerin, habe ich mich oft gefragt, ob der Versuch, immer präzise zu sein, alles faktisch richtig darzustellen, das epische Ausmass dessen, was gerade geschieht, schmälert. Verschleiert er womöglich eine grössere Wahrheit?"
Zugegeben, der Fehler liegt bei mir. Ich hätte mich tunlichst besser informieren sollen, bevor ich beim Verlag um ein Rezensionsexemplar nachsuchte, denn dann hätte ich gewusst, dass es sich bei diesem Werk um einen Tagungsband handelt – und das ist nun wirklich nicht meine Welt. So recht eigentlich wüsste ich nicht einmal zu sagen, was mich an diesem Thema interessiert, womöglich das mir vollkommen unverständliche Phänomen des Antisemitismus, wobei dieses Interesse allerdings nicht so gross ist, dass mich Überlegungen wie "Vom Antisemitismus zum Philo-Zionismus" oder "Der Aufstieg des proisraelischen Antisemitismus" beschäftigen.
Kurz und gut: Mir fehlt das einschlägige Wissen, um mich zu den Themen, die in diesem Buch aufgegriffen werden, äussern zu können. Dazu kommt, dass mir Analysen schlicht nicht genügen. Weit beunruhigender als die Instrumentalisierung des Holocaust durch die Neue Rechte erachte ich die vorhersehbare, einfaltslose Reaktion der Politik. Als Nicht-Historiker, der nicht davon ausgeht, dass der Mensch Wesentliches aus der Geschichte lernt, denn das müsste sich in seinem Verhalten zeigen, ist mir zudem vollkommen egal, warum jemand Verwerfliches, Böses etc. tut; mich interessiert allein, wie man das sofort abstellen kann. Diesbezüglich bin ich in diesem Werk allerdings kaum fündig geworden.
Susan Neiman kommt in ihrer Einleitung zu folgendem, bestens nachvollziehbarem Schluss: "Der Antisemitismus wird nicht wirklich bekämpft, sondern, im Gegenteil, von Massnahmen gefördert, die angeblich zu seiner Bekämpfung eingesetzt werden. Es geht nicht nur darum, dass Juden besonderen Schutz geniessen sollen, während andere Minderheiten diskriminiert, mundtot gemacht, gar deportiert werden. Noch schlimmer sind die Gründe für diese Deportationen: Proteste gegen die mörderischen und menschenrechtswidrigen Bedingungen, die seit Herbst 2023 in Gaza herrschen. Wer die Proteste dagegen als antisemitisch diffamiert, wirft alle Juden mit Netanyahus Regime in einen Topf. Wer soll sich da noch wundern, dass der Antisemitismus steigt?"
Für mich ist das überaus willkommener common sense (also bedauerlicherweise nicht besonders verbreitet), und so recht eigentlich ist damit alles wirklich Wichtige bereits gesagt. Wer es jedoch gerne wortreicher ausgeführt, detaillierter und an vielen Beispielen erläutert haben möchte, greife zu diesem Buch.
Zum Einstieg sei das Gespräch zwischen Daniel Cohn-Bendit und Peter Beinart ("Ich akzeptiere nicht, dass ich ein Antisemit bin, wenn ich Israel kritisiere") empfohlen: Wesentliche, differenzierte und engagierte Aufklärung vom Feinsten!
"Hijacking Memory"
Zur Instrumentalisierung des Holocaust durch die Neue Rechte
transcript Verlag, Bielefeld 2026


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