Vor vielen Jahren, als Student der Rechtswissenschaften (Wissenschaften? „Ein Federstrich des Gesetzgebers und ganze Bibliotheken werden Makulatur“ – so der Jurist Julius von Kirchmannim Jahre1847), stürzte ich mich geradezu auf Gerichtsreportagen, auch wenn mir Gerhard Mauz vom Spiegel etwas arg verständnisvoll schien; heutzutage bin ich allem Rechtlichen gegenüber mehr als nur skeptisch (und sehe das Recht hauptsächlich als Geschäftsmodell), weshalb ich denn auch Am Abgrund mit gemischten Gefühlen angehe, dann aber bereits bei der ersten Reportage (das rechtsextreme Attentat am Münchner Oktoberfest 1980) erkenne, dass die <Reportagen von Annette Ramelsberger bei mir etwas ganz Seltenes auslöst: Das ist real, das ist wirklich.
Der junge Mann, der seine Beine verliert; die Oktoberfestbesucher, die nicht zur Kenntnis nehmen wollen, was ihr gewohntes Leben stört; die Politiker, die sich stets gegenseitig beschuldigen. Jeder lebt seine eigene Realität; allerdings ist es notwendig, über die eigene Nasenspitze hinauszuschauen – diese Reportagen eignen sich dazu besonders gut, da sie uns, so wir denn dazu bereits sind, eine Realität nachempfinden lassen, die wir nicht selber erlebt haben.
Die Unfähigkeit des Menschen, sich mit der Realität zu konfrontieren, durchzieht dieses Buch. Das ständige Abwiegeln der Erwachsenen (inklusive der Lehrer und Sozialarbeiter), wenn Jugendliche, sich an keine Regeln halten, ist nicht nur befremdlich, sondern vor allem gefährlich. Niemand fühlt sich zuständig, Zivilcourage können die meisten wohl nicht einmal buchstabieren.
Selten habe ich ein Buch derart als Augenöffner empfunden, wie Am Abgrund, was auch daran liegt, dass dieses Werk eine Wirklichkeit wiedergibt, die meist ausgeblendet wird. "Fast die Hälfte aller rechtsradikal motivierten Straftaten in Deutschland wird in den neuen Ländern verübt, wo nur ein Fünftel der Bundesbürger lebt."
Annette Ramelsberger hat mit diesem Werk eine Geschichte der Bundesrepublik anhand einzelner Schicksale geschrieben – detailliert, empathisch, berührend – , die eine ganz gurndsätzliche Orientierungslosigkeit, eine Verlorenheit und Hilflosigkeit wiedergeben, von der selten die Rede ist. Sie fasst in Worte, was wohl viele spüren, jedoch nicht artikulieren können: Ein Stimmungsbild, das wesentlich geprägt ist von einer verwirrenden Mischung aus Niederreissen, Draufhauen und Weitermachen.
.Politiker werden mit Messern angegriffen, erhalten Bombendrohungen; eine vorbildlich integrierte Famile wird ausgewiesen. "Wie kalt der Rechtsstaat in diesem Fall entschied, wie sehr Paragrafen und Realität auseinanderklaffte, beklagtren nach Erscheinen dieser Reportage selbst Hardliner in der Union." Wer das System für das sakrosankt erklärt, die eigene Systemtauglichkeit verinnerlicht, wird wohl kaum jemals verstehen. dass Ungerechtigkeiten die notwendige Folge jeder Systemgläubigkeit sind.
Als ich vom Martyrium des Schülers Marinus Schöberl in Potzlow, einem Dorf in der Uckermark, lese ("Ein Marytrium, das zu einem grausamen Mord führte, einem Mord, der die Republik aufschreckte, das Dorf, in dem er gescha, aber nicht.") und zur Kenntnis nehmen muss, dass die beiden Haupttäter, nach Verbüssung ihrer Haft, sich wieder der rechtsextremen Szene in Brandenburg anschloss, geht mir Schopnehauer durch den Kopf, der beim Anblick der Galeerensklaven im Hafen von Toulon dermassen erschüttert war, dass er den Glauben an die Menschheit verlor.
Annette Ramelsberger schreibt von Rechtsextremen, von Islamisten, von Linksextremen, vom RAF- und vom NSU-Terror, von denen, die vor Gericht landen. So weit so gut, der Rechtsstaat nimmt sich doch ihrer an? Allerdings ist das nur gerade die Spitze des Eisbergs, denn allzu vieles verläuft nicht unter dem behördlichen Radar. Sagt mir meine Lebenserfahrung, die mir allerdings noch etwas ganz anderes sagt: Gefährlich ist vor allem das Nichtbeachten, Herabspielen und Beiseitestehen, kurz: Das Nicht-Wahrhaben-Wollen der breiten Bevölkerung. Möge diese Am Abgrund lesen! Der letzte Text in diesem Buch handelt vom Widerstand.


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