Ich finde es immer etwas eigenartig, wenn jemand Tagebücher veröffentlicht, dann aber behauptet, sie seien ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht gewesen. Wie es im Falle von Monika Maron dazu gekommen ist, beschreibt sie einleuchtend und nachvollziehbar in ihrer Vorbemerkung.
1980. Kein Geld. Erleichterung, als dann S. Fischer wissen lässt, das Buch (Flugasche) werde veröffentlicht. Es erscheint im Februar 1981.
Sogenannt Politisches (nach Österreich zu reisen wird ihr untersagt) wechselt sich ab mit grundsätzlichen Überlegungen ("Nach wie vor glaube ich: Ehe die Verhältnisse geändert werden können, muss der Einzelne wieder lernen, sich für wichtig zu halten. Das Gegenteil soll ihm jeden Tag bewiesen werden. Wird auch.") und mit Persönlichem. Als sie befürchtet, ihre Tante, die Schwester ihrer Mutter, sterbe: "Ich sitze da und denke, das gibt es also wirklich, diesen spürbaren Abgrund zwischen Leben und Tod, zwischen Sein und Nichtsein."
Es steht mir fern, diese Tagebücher würdigen zu wollen, denn dafür fehlen mir die nötigen Kenntnisse. Monika Maron lebt seit 1988 im Westen, zuerst in Hamburg, dann in Berlin; der grösste Teil dieser Tagebücher wurde in der DDR verfasst, die ich nur vom Hörensagen kenne. Stattdessen will ich also davon berichten, was sie bzw. Ausschnitte davon bei mir auslösen.
Anlässlich einer Inszenierung (im Oktober 1982) des 'Guten Menschen von Sezuan': "Am interessantesten für mich: wie langweilig Brecht geworden ist. Gerade dieses Stück habe ich vor über zwanzig Jahren einmal sehr gemocht. Diese Kitschsätze über Liebe sind unerträglich geworden, wie überhaupt diese ganzen mechanisch-dialektischen Spruchweisheiten, das ganz und gar Vorgegebene, das Kindergärtnergetue des Dichters, das so verheerend bis heute wirkt (siehe sogar Biermann, der ewig Belehrende)." Für mich gedacht: Das viele, das ich einst von Thomas Mann fast schon ehrfürchtig las, und zu dem ich heute fast gar keinen Zugang mehr finde. Und: Über Biermann ist damit alles Wesentliche gesagt, jedenfalls für mich.
Zur Machtübernahme Hitlers vor 50 Jahren notiert sie im Februar 1983 unter anderem: "Es ist im Menschen, jede Generation trägt dieses Potenzial an Wahnsinn und Gemeinheit in sich." Ein Satz, der mir auch den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten und seine Anhänger neu sehen lässt. Was würde sie tun, wenn Vergleichbare geschähe? Sie weiss, dass sie die Antwort nicht kennt, denn "wahrscheinlich entwickelt der Mensch in solcher Lage etwas, wovon der Nichtbetroffene nichts ahnt. Wie sonst sollten die KZ-Häftlinge überlebt haben." Es sind solch nüchterne Einsichten, die mir die Lektüre dieser Tagebücher wertvoll machen.
Sie bittet die Behörden um Reiserlaubnis (sich zu vergegenwärtigen, dass man "sein" Land nicht einfach so verlassen kann, sagt eigentlich alles über die damalige DDR), verspricht sich "von dieser Reise neben dem Amüsement den Schock, der mich weckt, der mich die Wirklichkeit meiner Existenz wieder spüren lässt." Genau deswegen, um die Wirklichkeit meiner Existenz zu spüren, bin ich mein Leben lang gereist. Und tue es immer noch, denn so gegenwärtig wie auf Reisen fühle ich mich, zumeist gefangen in meinen täglichen Routinen, nur ganz selten.
Auch auf Reisen nimmt man sich selber mit. England, Berlin, Mailand, Rom und und und. Ein Exilant will sie nicht werden. Treffen mit Bekannten und Freunden. "Mich ärgert die Nutzlosigkeit meines Aufenthaltes hier. Kann unterwegs schlecht schreiben, habe sonst nichts zu tun." Das Kontemplative scheint dieser sehr reflektierten Frau wenig nahe. In Wiesbaden (1983) notiert sie: "Leben könnte ich hier allemal. Was mir bisher geholfen hat, hilft mir auch hier."
Als Schweizer habe ich besonders aufgemerkt, dass sie offenbar Hermann Burger nur schwer ertragen hat ("Burger tritt auf wie ein Grossschriftsteller.") und bei anderer Gelegenheit feststellt: "Das schweizerische Gemüt bleibt mir fremd, auch wenn es so freundlich und intelligent daherkommt wie Reto Hänny."
.Selbstkritisch (das darf man von einer Schriftstellerin erwarten) äussert sie sich auch zum Führen eines Tagebuchs. "Eigentlich bin ich zu faul und nicht fähig, etwas Wichtiges aufzuschreiben. Nichts, was in der Zeitung stand, nichts Politisches, nichts Konkretes, sondern nur immer und immer wieder meine eigene Befindlichkeit. Ich kann aber auch gar nicht sagen, dass der Rest mich besonders interessiert oder mir, was richtiger ist, aufschlussreich erscheint. Es ist ja immer das gleiche, so gleich wie ich oder noch gleicher. Was unterscheidet schon den Spiegel Nr. 8 vom Spiegel Nr. 7? Was habe ich verpasst, wenn ich einen davon nicht lese? Den aktuellen Polittratsch, und nichts."
Das bringt es so recht eigentlich bestens auf den Punkt, lässt jedoch aus (und genau darum lohnen diese Tagebücher), dass sie über Qualitäten verfügt, die ihr ein Rezensent (im Januar 2000) attestierte: "Unabhängigkeit und Mut." Was es auch auslässt: I hr Aufmerksam-Machen auf ein Zitat des japanischen Fotografen Hiroshi
Sugimoto: "Wenn man die Welt studieren will, muss man sie anhalten." Innehalten beschreibt in der Tat treffend, was dieses Werk ausmacht.
Monika Maron
"Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig"
Tagebücher 1980 - 2021
Hoffmann und Campe, Hamburg 2026


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