Um es gleich vorwegzunehmen: Mich begeistert dieses Buch, da es für mich exemplarisch vorführt, worum es bei der Fotografie geht: Ästhetik, Schönheit, Formvollendung. Um das Abbilden dessen, was unser Auge erfreut. Zugegeben, das ist eine sehr persönliche Sicht. Und zudem eine, die ich noch gar nicht so lange pflege, denn die meiste Zeit, seit ich im Jahre 2000 eine Master-Thesis über Dokumentarfotografie verfasst habe, galt mein Interesse der Kombination von Bild und Text. Erst seit ich vor einigen Jahren selber regelmässig zu fotografieren begonnen habe, wurde mir das Einrahmen wichtig, das Kaspar Thalmann in diesem Band (Stern von Laufenburg) so hervorragend beherrscht.
Beim Stern von Laufenburg handelt es sich um "eine Schaltanlage in der Schweiz, ein Knotenpunkt des europäischen Stromnetzes", wie Sam Scherrer im Vorwort ausführt. "Die Fotografien von Kaspar Thalmann sind nicht nur ein künstlerischer Blick auf ein technisches Motiv. Sie sind auch eine Einladung, genauer hinzuschauen auf das, was uns versorgt, verbindet und herausfordert."
Für mich sind diese Fotografien zuallererst Bilder, die mich ansprechen. Warum, interessiert mich wenig. Klar, Begründungen könnte ich schon liefern, doch diese entstehen im Nachhinein. Was im Moment des Anschauens passiert, weiss ich nicht, doch ich kann unschwer konstatieren, ob mich etwas anzieht oder abstösst, mir gefällt oder nicht.
Manchmal, doch beileibe nicht immer, folgen auf die ersten Eindrücke Fragen. Was sehen meine Augen da eigentlich? Was wird mir gezeigt? Strommasten, lese ich. Die elektrische Energie, die sie transportieren, sehe ich hingegen nicht. Strom ist unsichtbar.
Strom fliesst in einem geschlossenen Stromkreis, lese ich. Diese Information beeinflusst meinen Blick auf die Hochspannungsmasten: Ich versuche mir jetzt vorzustellen, wie der Strom durch diese Leitungen fliesst, obwohl ich mir gar nicht richtig vorstellen kann, wie Elektronen fliessen können.
Wir sehen nur, was wir wissen, können nur er-kennen, was wir kennen, meinte einst Goethe. Meines Erachtens wird Wissen jedoch überbewertet. Alles, was ich jetzt über Elektrizität lese (viel ist es nicht), tritt schon bald wieder in den Hintergrund; die Empfindungen, die diese clever gestalteten Bilder bei mir auslösen, treten wieder in den Vordergrund.
Im Gegensatz zur Malerei, bei der der Maler mit einer leeren Fläche anfängt, ist beim Fotografieren alles schon vorhanden. Der Fotograf zeigt einen Ausschnitt, er rahmt ein, entscheidet, was er in den Rahmen reinnimmt, und was er draussen lässt. Mich dem hinzugeben, was meine Augen registrieren, genügt mir, da mir nur allzu bewusst ist, dass meine (und nicht nur meine) Erklärungen willkürlich sind. Auch sind sie nicht statisch, sondern verändern sich.
Was Kaspar Thalmann zu diesen Aufnahmen bewogen hat, weiss ich nicht. Er selber äussert sich nicht dazu, doch Meret Arnold schreibt: "Dass die Digitalisierung über alles gestellt wird und ihre Gefahren ausgeblendet werden, irritiert Kaspar Thalmann. Deshalb ist der Fotograf und Architekt den Leitungen gefolgt, um die Infrastruktur zu sehen, die uns mit Strom versorgt." Einige Bilder sind mit einer Drohne aufgenommen worden, andere wurden herangezoomt und "enfalten mitunter lyrische Qualitäten." – eine Assoziation, die mir selber ferner kaum sein könnte. Wie heisst es doch im Talmud so treffend: We do not see things as they are, we see things as we are.
Ein weiterer Text stammt von Adi Kälin, der einen überaus anregenden, bestens informierten Abriss über die Geschichte der Elektrizität in der Schweiz vorlegt, und auch auf Phänomene aufmerksam macht, die mir nicht bekannt gewesen sind: den Mastenfan und die Dunkelflaute.
Kaspar Thalmann
Stern von Laufenburg
Scheidegger & Spiess, Zürich 2026





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