Im Gegensatz zu dem vollmundigen Untertitel ("Wie alles aus dem Nichts entstehen konnte"; Werbung müsste so recht eigentlich als das bezeichnet werden, was sie ist: fake news), stellt der Text auf der Rückseite des Umschlags erfreulich nüchtern fest: "Jean-Luc Lehners präsentiert die aktuellsten wissenschaftlichen Antworten auf die grossen Fragen der Kosmologie: Warum hat sich das Universum so gleichförmig entwickelt? Wie konnte alles aus dem Nichts entstehen? Was erklärt die beschleunigte Ausdehnung des Alls?"
Was mir bei diesen Fragen zuallererst durch den Kopf geht, ist der Physiker Leo Szilard, der seinem Freund Hans Bethe kundtat, er beabsichtige ein Tagebuch zu schreiben, worin er nur Fakten auflisten wolle, zur Information Gottes. Bethe fragte: 'Glaubt du nicht, Gott kennt die Fakten?' 'Doch, doch, aber diese Version der Fakten kennt er noch nicht', erwiderte Szilard.
. Jean-Luc Lehners zeigt auf, dass unser einstmals statisches Weltbild korrigiert werden musste, als man herausfand, dass sich das Universum ausdehnte, und "dass sich seine Ausdehnung in den letzten fünf Milliarden Jahren sogar beschleunigt hat." Diese Ausdehnung ändert unser Weltbild von Grund auf, denn nicht nur das Leben auf der Erde entwickelt sich, das Universum genauso. Dazu kommt, "dass wir nicht der Mittelpunkt dieser Ausdehnung sind. In jeder anderen Galaxie würden Astronomen zum selben Schluss kommen."
Aufschlussreich ist das nicht zuletzt deswegen, weil die Forschungen bestätigen (also messen können), was schon lange beobachtet werden kann – dass sich alles stetig ändert, alles im Fluss ist. Und das meint, dass nichts stabil ist, obwohl wir uns doch genau danach so sehnen.
Der Anfang von Raum und Zeit besticht durch eine einfache und klare Sprache (Voraussetzung dafür ist, dass man so klar zu denken imstande ist, wie der Autor), die zur Folge hat, dass auch eine Laie, dem Physik nur schwer zugänglich ist, einiges verstehen kann. Etwa, dass man "Schwerkraft ebenso gut als Beschleunigung beschreiben kann." Oder, "dass die Erde durch ihre Masse den Raum um sich herum krümmt. Der Raum ist so gekrümmt, dass der Mond nicht geradlinig, sondern um die Erde herum fliegt."
Nichtsdestotrotz: Das meiste in diesem Buch ist meinem Verstand nicht zugänglich (so sind mir etwa Begriffe wie dunkle Materie oder dunkle Energie schlicht nicht vorstellbar), und so will ich mich hier auf ein paar wenige Aspekte beschränken.
"Raum, Zeit und Materie hatten einen Anfang", so Jean-Luc Lehners. Also muss es einmal ein Nichts gegeben haben, woraus dieses Universum entstanden ist. Mir ist zwar schleierhaft, wie man das wissen kann, und vorstellen kann ich es mir schon gar nicht, doch Jean-Luc Lehners behauptet das ja nicht einfach, sondern beweist es. Ob ich das nun verstehe oder nicht, ändert gar nichts daran, dass es durchaus so sein kann.
Andererseits zitiert er auch den französischen Chemiker Antoine Lavoisier, der vor langer Zeit sagte: Rien ne se perd, rien ne se crée. Wenn also nichts verloren geht und nichts erschaffen wird, muss ja alles schon immer dagewesen sein. Nun ja, meint Jean-Luc Lehners, "manche bevorzugen die Idee einer ewigen Rückkehr und manch andere die eines einmaligen Erlebnisses. Vielleicht sollten wir besser fragen: Sind diese Argumente plausibel?"
Wie wir wissen, wimmelt es im Universum von Atomen. Obwohl: Nur etwa 5 Prozent des Universums bestehen aus Atomen, der Rest besteht aus dunkler Materie sowie dunkler Energie. Wir Menschen sind aus Atomen zusammengesetzt, die sich aus unerfindlichen Gründen zusammen getan haben, um uns zu uns zu machen. Wenn sie sich dann eines Tages, aus wiederum unerfindlichen Gründen, entscheiden (sofern sie dazu in der Lage sind und das nicht einfach geschieht), sich anders zu formieren, war's dann das mit uns.
Sehr schön legt Jean-Luc Lehners dar, wie bei allem, das zerstört wird, die Unordnung zunimmt. Ich kann zum Beispiel dieses Buch verbrennen, was zurückbleibt ist ein Haufen Asche. Die Atome sind dabei nicht verloren gegangen, sondern haben sich "nur" neu verteilt, also müsste es theoretisch möglich sein, das Ganze zurückzuoperieren. Theoretisch. Die Unordnung nimmt im Gesamten immer zu, lautet der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik.
Es gebe "handfeste Beobachtungen, die auf sehr direkte Weise zeigen, dass das Universum vor dreizehn Milliarden Jahren sehr viel ordentlicher war als heute. Doch wie kann das Universum so ordentlich gewesen sein, wenn die Unordnung zuvor über unendlich viele Jahre hinweg ständig zunnehmen musste?" Schritt für Schritt nähert der Autor sich einer Antwort an. Er vertraut dabei ganz auf unser Ursache-Wirkung-Denken, das auch zu beweisen imstande ist, was man zu suchen trachtete.
Es ist überaus faszinierend, was die Wissenschaft zu leisten vermag. Kein Fortschritt in den letzten hundert Jahren, der nicht auf sie zurückgeht. Und genau dies ist auch der Grund, weshalb sich die Auseinandersetzung mit diesem Werk lohnt.
Jean-Luc Lehners
Der Anfang von Raum und Zeit
Wie alles aus dem Nichts entstehen konnte
Droemer, München 2026


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