Bereits auf den ersten Seiten dieses 745-Seiten Romans gibt es Sätze, die ich mir anstreiche. "Ausserdem fiel ihnen in den meisten Ländern auf, dass die Menschen Reisenden aus Indien keinen Respekt zollten, den Weissen aber nachliefen und ihnen schmeichelten." Und: "Nähe zu den Menschen, die einem Schaden zugefügt hatten, war ausserordentlich wichtig, damit ihre Träume vom Gespenst der Schuld heimgesucht wurden und ihre Schuldgefühle sich langsam voll entfalten konnten."
Sonia besucht das College in Vermont, zum Studienabschluss fehlt ihr noch ein Jahr. Sie ist einsam, leidet unter einer leichten Depression. Sie erklärt sich das nicht zuletzt mit der ungewohnten Landschaft und dem Klima. Wunderbar, wie sie den Winter im ländlichen Vermont vor unsere Augen zaubert. Sie lässt sich auf eine Affäre mit Ilan ein, einem 30 Jahre älteren, egomanischen Maler aus begüterten Verhältnissen inklusive rassistischer und snobistischer Mutter. Die beiden sondern sich ab. "Dass Ilan und Sonia immer verschwiegener geworden waren, immer abhängiger voneinander, je primitiver und wüster ihre Zusammenstösse geworden waren." Sonia fühlt sich zunehmend gefangen in dieser Beziehung, die Kraft, Ilan zu verlassen, fehlt ihr, bis schliesslich Ilans Ehefrau auftaucht und Sonia darüber aufklärt, dass sie eine von vielen sei.
Sunny arbeitet in New York als Journalist ("Der Journalismus mochte seine Berufung sein, aber seine Liebe gehörte der Literatur, weil nur sie sich wirklich mit Schrulligkeiten aufhalten durfte."), lebt mit Ulla aus dem Mittleren Westen zusammen, von deren Existenz seine Familie in Indien allerdings nichts wissen darf.
Höchst amüsant schildert Kiran Desai den Zusammenprall der Kulturen. "Sie brachte ihm bei. auf die Frage, wie es ihm gehe, mit 'gut' zu antworten, nicht mit 'grässlich', weil man sich mit Zynismus unbeliebt machte. 'Bei mir nicht', sagte Sunny. Da war Ulla schon in Schwung gekommen und sammelte Beweise, dass er Worte wie 'BH' oder 'Strumpfhose' vermied." Und: "Ullas ganze Zivilisation gründete sich darauf, nicht rumzuschnüffeln und dabei nackt in der Gegend rumzulaufen. Sunnys Zivilisation gründete sich darauf, sich Kleider anzulegen und allen Gesprächen zu lauschen."
Die Grosseltern von Sonia und Sunny wollen eine Heirat für sie arrangieren. Weil das in Indien so üblich ist; sie sind dann aber nicht unglücklich, als Sunny seiner Mutter sagt, er habe eine Freundin. Die Heiratsidee wird fallengelassen. Viele Jahre später begegnen sich dann Sonia und Sunny zum ersten Mal, in Indien. Das Schicksal scheint es so zu wollen, da es, in den Augen von Sunnys Mutter, auf "schreckliche, absehbare, ordnungsgemässe und selbstzufriedene Weise seinen Weg gefunden hatte und ihr Sohn dem Mädchen mit dem hexenhaften Leopardengesicht verfallen war." Eine höchst eigenwillige und recht aussergewöhnliche Definition von Schicksal!
Es ist ganz Vieles und ganz Unterschiedliches, das mich für Die Einsamkeit von Sonia und Sunny einnimmt. Da sind, zum Beispiel, die wunderbar cleveren Alltagsbeobachtungen. "Sein Gesichtsausdruck entging ihr nicht. 'Was?', fragte sie. 'Nichts', sagte er im Aufstehen, und sein Gesicht zeigte noch immer, was er dachte." Oder: "Die Bibliothekarinnen, die oft mit frisch gewaschenen Haaren zur Arbeit kamen und sie sich dann am Empfqang frisierten, wenn sie trocken waren; die kurzsichtigen Doktoranden, die Jahrzehnte über Indien im Kalten Krieg oder der Migrantengeschichte der Tamilen in Singapur brüteten; die Rentner, die über den ausländischen Zeitungen mit den bei ihrem Eintreffen schon fast wieder vergessenen Nachrichten eingenickt waren – einem hervorragenden Schlafmittel."
Kiran Desais Sicht auf die Welt erlebe ich auch immer wieder als echte Offenbarung. "Sonia trat durch die von Glyzinien umrankte Tür des Cloud Cottage in das feuchtkalte, muffige Haus, wo die Zeit darauf trainiert war, so langsam und teilnahmslos voranzuschreiten wie eine Schildkröte." Selten habe ich einleuchtender dargestellt gelesen, dass wir unseren Umgang mit der Zeit bestimmen – und nicht etwa umgekehrt.
Die Einsamkeit von Sonia und Sunny ist auch (und nicht unwesentlich) ein Buch über Indien, wo Privatsphäre unbekannt ist, und das Leben einen lehrt: "Schlachten wurden Millimeter für Millimeter gewonnen." Zudem ist man gut beraten, locker zu bleiben, dann hatte man es leicht. "Wenn man die Geduld verlor und intolerant war, stand man vor verschlossenen Türen." Das gilt zwar fast überall, das Eingebundensein in die Familie ist hingegen im Westen doch etwas anders, denn "Inder machen sich nie frei von dem, was Mummy-Papa, Nana-Nani, Uncle- Aunty denken."
Von und über Indien (und die Inder, Frauen wie Männer) zu schreiben, bedeutet auch, Vergleiche anzustellen, wozu sich auch eine Reise nach Griechenland anbietet, die mich laut herauslachen liess. "Man stelle sich vor, eine Frau aus Indien, die weite Reise, das viele Geld und dann sieht man zwei Pakistanis, eine kaputte Mauer und eine furzende Ziege?" Vor allem sind es jedoch die zahlreichen Vergleiche mit Amerika, die in diesem Werk zentral sind. "Das ist das Grundgesetz in Amerika: Du bist ein Individuum, also bist du allein. Also musst du in der Lage sein, alles allein zu erledigen." Und dann ist dann noch die Schilderung von einem Aufenthalt in Stockholm, der absolut preiswürdig ist.
Doch nicht nur Schweden sieht man nach der Lektüre von Die Einsamkeit von Sonia und Sunny mit neuen Augen, auch Amerika und insbesondere New York sieht man so wie noch nie. "Auf der Fahrt in die Stadt fand Babitha, der Pilot habe sie zwar in der city that never sleeps willkommen geheissen, aber die Aussenbezirke von New York sahen aus, als seien sie nie aufgewacht."
Genaues Beobachten, ein Sinn für die Absurditäten des Daseins, ein ausgeprägtes Sensorium für die verschiedenen Ängste, die vor allem Verliebte plagen, sowie ein Hinterfragen von allgemeinen Weisheiten, zeichnet dieses Buch, das auch ein philosophische Auseinandersetzung mit der Einsamkeit ist, aus. "'Wir Alten dürfen dem Glück der Jungen nicht im Wege stehen', sagte Mrs. Pant. Mina Foi machte sich nicht die Mühe zu fragen, warum das Glück der Alten nicht mit dem Glück der Jugend vereinbar sein sollte."
Selten habe ich ein Buch gelesen, in dem ich derart viel Lehrreiches fand. Etwa "dass man die Männer in der Kirche lehrte, den Frauen die Tür aufzuhalten, ihnen einen Stuhl anzubieten, ihnen in der Schlange am Buffet den Vortritt zu lassen. Bei Hindus und Muslimen war es das Gegenteil: Zuerst nahmen sich die Männer den Raum, sie setzten sich zuerst, assen zuerst, immer das Zarteste, das Öligste, das Knusprigste, das Süsseste." Was mich angeht, so sagt mir das alles über Glauben und Religionen, was ich wissen muss.
Die Einsamkeit von Sonia und Sunny ist eine überaus vielgestaltige Auseinandersetzung mit dem Leben. "Der Tod seiner Eltern würde ihn jetzt für immer begleiten, er befand sich unausweichlich am Scheitelpunkt seines Lebens. Von nun an würde sich alles blühend Lebendige langsam in die Vergangenhit verschieben, die Gegenwart würde wesenloser werden, die Gespenster würder wirklicher als die Wirklichkeit. Er verspürte eher Angst als Trauer, oder eine Trauer, die von Angst nicht zu unterscheiden war."
Es gehört zu Kiran Desais ausserordentlichen Fähigkeiten, es nicht bei diesen einfühlsamen Einsichten zu belassen, sondern sie zum Anlass zu nehmen, daraus zu lernen. "Er rief sich ins Gedächtnis, dass er seine Gefühle vor seiner Tochter im Zaum halten musste, denn ein Vater muss ein Kind beruhigen, wenn der Grossvater stirbt. Er muss zeigen, dass das Leben weitergeht, so tun, als wäre der Tod eine Normalität, damit das Kind eines Tages über denn Tod des Vaters hinwegkommen konnte."
Passagen wie diese (und es gibt ganz viele davon in diesem sehr lustigen und bewegenden Buch) zeigen eindrücklich, dass das Lesen von Romanen (jedenfalls von diesem Roman) ganze Bibliotheken psychologischer und politischer Sachbücher nicht nur ersetzt, sondern eine rätselhafte Lebenskomplexität begreifbar macht, der man staunend, entsetzt, berührt und fasziniert begegnet.
Fazit: Grossartig! Ein lebensparalles und überaus smartes Meisterwerk!
Kiran Desai
Die Einsamkeit von Sonia und Sunny
S. Fischer, Frankfurt am Main 2026


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