Sunday, 26 April 2026

Bildnis eines Unsichtbaren

Hans Pleschinski, geboren 1956, ein ungemein begabter Schreiber, der mit zahlreichen Preisen bedacht worden ist, was in aller Regel meint, dass diejenigen, die sich als kulturelle Elite begreifen, ihn als einen der ihren sehen. Grund genug also (denn mehr als Eitelkeit ist da nicht), ihn nicht zu lesen, was allerdings ein Fehler wäre, weil man sich damit so richtig gute Momente versagt, bei denen man erleben kann, dass da einer Gefühle in einem hervozurufen imstande ist, die man zwar kennt, auch wenn sie einem nicht eigentlich bewusst sind, und das ist umso erstaunlicher (oder eben auch nicht), wenn man nicht gleichgeschlechtlich unterwegs ist wie es die Protagonisten dieses schönen Romans sind.

So beschreibt er Versailles: "Was für ein Aberwitz, mitten im Sumpf, zu nichts tauglich als zur Schönheit, den grössten Palast zu bauen, um in dieser Eroberung zu regieren und zu repräsentieren! Ludwig der XIV. hatte das Chaos des Lebens in den Griff bekommen. Alles kreiste um ihn." Hier wird mir eine Sichtweise geboten, die meinen Horizont verändert, denn so habe ich es noch nie, noch gar nie gesehen. Dazu kommt, dass es mir gefällt, das alles so zu sehen. Und dann dies: "Natürlich, das Leben war eine Parade, die Menschen sahen einander vorbeimarschieren. Es kam nur darauf an, mit wie viel Schwung, Haltung, Eleganz, Savoir-Vivre, Demut und Schicksalshingabe man sich fortbewegte." Wunderbar, diese Worte, die bewirken, dass, auch wenn man sich gerade gar nicht so fühlte, sich plötzlich genauso wahrzunehmen imstande ist.

Bildnis eines Unsichtbaren ist ein höchst kultivierter Romans. Proust, Saint-Simon, viele historische Bezüge, es geht sehr gebildet zu und her. Der Mann hat Stil, ein Flair für Höfisches, ist sehr angetan von Historischem. Manchmal etwas gar viel für meinen Geschmack, doch der Unkultiviertheit der heutigen Zeit entschieden vorzuziehen. Nichtsdestotrotz: Sind die hier Geschilderten wirklich so gebildet oder vor allem affektiert?

Ich lese diesen Roman als Autobiografie (das tue ich bei allen Büchern, und zwar ganz automatisch), muss mich dann aber hin und wieder ermahnen, das nicht zu tun. Ein kaum Zwanzigjähriger, der Herzchirurgie studiert? – im sogenannt richtigen Leben wohl eher nicht.

Bildnis eines Unsichtbaren spielt hauptsächlich in den siebziger und achtziger Jahren in München. Erstaunt nimmt man schon lange Vergessenes zur Kenntnis. Aids, Rinderwahnsinn und dass Friedrich Merz schon damals schwer zu ertragen war. Und nicht zuletzt der Schwachsinn, mit dem den Menschen in Demokratien das Hirn vernebelt wird: Hat eine RAF-Terroristin vor einem Vierteljahrhundert in der Wohnung von Joschka Fischer übernachtet?

Die Mauer fällt, der Autor fährt in den Osten und erlebt einen Rassismus, den ein Westler sich nicht einmal vorstellen konnte. Damals. Heute allerdings schon, so er denn Augen und Ohren aufmacht. Auch dies erlebt er im Osten: Eine Infektion, die ihn automatisch an Aids und den Tod denken lässt. Trauer, doch keine Weinerlichkeit.

Hans Pleschinski erzählt die Geschichte einer lebenslangen Verbundenheit mit dem überaus eigenwilligen Galeristen Volker ("Kunst ist Bejahung."), die ihm auch Anlass ist, über vieles zu berichten, das er vom Hörensagen kennt und nicht selber erlebt hat. Eigenartig berührt hat mich, der ich derselben Generation wie der Autor angehöre, dass von den Aufbruchsgefühlen meiner Jugend, die wesentlich von den Hippies, der Rockmusik und Charles Bukowski geprägt gewesen ist, in diesem Roman keine Rede ist. Stattdessen lerne ich wieder einmal (und bin wieder einmal verblüfft) wie unterschiedlich man dieselbe Zeit erleben kann.

Erinnert werde ich auch an Flaubert ("... es war Flauberts unermüdliche Suche nach seelischen Gewissheiten, einer angemessenen Haltung im Chaos, die ihn für alle Zeiten zum Beschützer von Geist und unruhigen Seelen machte."). Und an Beckett. "Keiner hat so klar gezeigt, dass wir nur vergänglicher Unsinn sind und dass wir schweigen müssten. Wir könnten uns gleich umbringen." Tun wir aber nicht, wie wir ja generell nicht unseren Einsichten folgen. Stattdessen: "Man muss mutwillig neu Geschichten erzählen." Das tut er. Und er tut es gut, ja, sehr gut. 

Fazit: Heiter und traurig, elegant und erhellend.
Ein Lesegenuss par excellence!

Hans Pleschinski
Bildnis eines Unsichtbaren
C.H. Beck, München 2026

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