Wednesday, 27 December 2017

Nicholas Nixon Retrospective

Forty Portraits in Forty Years by Nicholas Nixon is one of the most impressive, and touching, documentary projects I've ever come across for it makes me see, and feel, a reality that I'm rarely aware of. The passing of time, that is. This series had such a strong impact on me that I've never really wondered who the photographer was – it was the concept that I thought brilliant. And, it was the photographed sisters that captured my attention.

When glancing through this „comprehensive retrospective“ (as the promotion leaflet calls the book) I however immediately sensed an intimacy that many of these pictures radiated – the same (or a similar) intimacy that can be felt when spending time with the Brown Sisters. And so I began to wonder who this photographer is. My main source was Carlos Gollonet's introduction „Nicholas Nixon: The Pulse of Time“ as well as his interview „A Conversation with Nicholas Nixon“. And, also to be found in this tome, Sebastian Smee's „The Clearest Image“.

Nicholas Nixon (born 1947 in Detroit) studied American and English literature (his senior thesis was on James Joyce and Ulysses) when he began photographing. Through Henri Cartier-Bresson he discovered that form is how the larger meaning is born. „I looked at every one of his pictures and saw the athletic force of his framing, and understood that that was what made them better than everyone else's.“

He was however influenced more by the books that he was reading – William Faulkner, Charles Dickens, Marcel Proust, Willa Cather, Flannery O'Connor, Robert Frost, William Butler Yeats – than by photography. „But I've always loved Atget and Cartier-Bresson the most; Walker Evans came later ... he is dry, unlike all the others above ... he used irony, which I had come to distrust.“

It is an interesting phenomenon: Since I feel deeply touched by Nixon's photographs I now look at the work of Atget, Cartier-Bresson and Walker Evans with again different eyes.

For the full review, see http://www.fstopmagazine.com/

Wednesday, 20 December 2017

Shapes & Forms






These photos were taken in Trondheim, Norway, 
between 17 October and 19 October 2017.

Wednesday, 13 December 2017

The Potemkin Village

Legend has it that the „Potemkin Village“ originated in an effort by Russian Field Marshal Grigory Aleksandrovich Potemkin „to conceal from Empress Catherine the Great the shabby state of the villages in the recently annexed territory of Crimea in 1787. Walter Moser, Chief Curator for photography in the Albertina, Vienna, one of the contributing writers to this tome, labels it „an anecdote most likely invented by Potemkin's political adversaries“.

Starting in June 2015, photographer Gregor Sailer, who is based in Tyrol, Austria, traveled to Russia, Sweden, Germany, France, England, the United States, and China in search of Potemkin Villages or, differently put, „fake towns“.

In the Russian city of Suzdal, for instance, he photographs faux façades that were pasted onto rundown buildings (in anticipation of a visit by President Vladmir Putin in 2013). He also takes pictures in the city of Ufa, in the Ural Mountains, where in 2015, as Walter Moser writes, „entire streets were masked behind tarps and banners to make it look prosperous and well kept even in the glare of the limelight forced upon it by a Triple Summit of the BRICS states, Eurasian Economic Union, and Shanghai Cooperation Organisation“.

Looking at these photographs puts me in a quandary: I know that I'm looking at fake buildings yet I do not see fake buildings. Moreover: Am I really looking at buildings? I'm looking at photographs of buildings that I have been told are not what they seem to be. In other words: I see what I believe that I see.

Photographs, by their very nature, can only show me what has been in front of a camera at a given moment. They do not inform me whether someting is real or not for what they record are surfaces. And precisely because of this I do find looking at these photographs fascinating – I do know that my eyes are fooling me but with the help of my brain I'm able to correct what the pictures suggest. Or, differently put, what I know about a photograph helps me to see it differently.

For the full review, go to http://www.fstopmagazine.com/

Wednesday, 6 December 2017

National Geographic: Europa

Das Cover dieses grossformatigen Bandes stammt aus den 1950er Jahren und wurde von Andrew H. Brown aufgenommen. "'Schneebedeckte Gipfel und rote Scheunen hängen kopfüber im friedlichen Norangsfjord', lautet die Bildunterschrift zu diesem Foto im Januar-Heft 1957 von National Geographic. Das Klima Westnorwegens ist durch den Nordatlantikstrom recht milde, so dass die Bauern immer wieder gute Ernten einfahren können. Man lebt hier jedoch in einer vertikalen Welt, wo schneebedeckte Gipfel Hunderte von Metern in die Höhe ragen und somit ständig die Gefahr von Bergstürzen und Lawinen besteht."

Die Aufnahmen stammen aus der Vor-Handy-Zeit, als die Ausrüstung eines Fotografen recht sperrig und schwer sein konnte. So schleppte etwa Robert F. Sisson eine halbe Tonne nach Ecuador, "wo er 19 Tage neben einer Blume ausharrte in der Hoffnung, ein bestimmter Falter würde sich auf ihr niederlassen – was freilich nie geschah." 
Deutschland (DDR), 1973 @ Gordon Gahan/Taschen
Vom Schloss aus betrachtet, verlieren sich die alten Fachwerkhäuser von Stolberg (Harz) im nebligen Tal. der alte Kurort hat den stürmischen Verlauf der deutschen Geschichte weitgehend intakt überstanden. Die Familie des Grafen zu Stolberg-Stolberg wurde 1945 enteignet, als die Stadt der Sowjetischen Besatzungszone zufiel.

Wie schon der National Geographic-Band Asien & Ozeanien zeichnet sich auch Europa nicht nur durch eindrückliche, meist farbige Aufnahmen aus, sondern auch durch höchst informative Bildlegenden (von Mark Collins Jenkins), die weit über die üblichen (meist wenig aussagekräftigen) Legenden hinaus gehen.

Europa beginnt mit Nordeuropa (Dänemark, Färöer, Finnland, Island, Norwegen, Schweden) und wird mit diesem schönen Zitat von Alma Luise Olson vom Oktober 1938 eingeleitet: "Die Finnen sind äusserst nachsichtig, wenn ein Fremder kommt und ein erschreckendes Unwissen über ihr Land offenbart. Sie wissen, dass es fernab liegt. Und sie sind oft die Ersten, die ihr Land als klein bezeichnen." Die Nachsicht in Sachen Unwissen kann ich nur bestätigen, sie gilt auch heute noch. Als ich vor einigen Jahren in Nykarleby (in der Nähe von Vasa) eintraf, hatte ich keine Ahnung, dass in dieser Gegend eine schwedische Minderheit heimisch war – und niemanden schien meine Unwissenheit zu erstaunen, mit Ausnahme von mir selber. 
Vereinigtes Königreich (Wales), 1964 @ Thomas Nebbia /Taschen
Junge Wanderer überqueren den Llanberis-Pass im Snowdonia Nationalpark. Um diese Region ranken sich viele Legenden. Der verwundete König Artus, so glauben die Waliser, forderte den Tafelritter Sir Bedivere auf, das Schwert Excalibur in den Glaslyn zu werfen. Dieser 'blaue See' liegt nicht weit von hier. Und unterhalb des Gipfels des Y Liwedd schlafen noch immer die Ritter der Tafelrunde und warten auf die Rückkehr ihres Anführers von der Insel Avalon.

Auf Nordeuropa folgt Osteuropa, das Estland, Georgien. Litauen, Rumänien, das heutige Russland und die frühere Sowjetunion umfasst – eine einzigartige Zeitreise. die auch nostalgische Sehnsüchte aufkommen lässt (nach Menschen, denen die Kamera entweder egal war oder die sich mit einer Unbefangenheit ablichten liessen wie man sich das heute kaum mehr vorstellen kann).

Mitteleuropa schliesst (ich wundere mich, in welch unvertrauter Nachbarschaft sich die Schweiz befindet) Deutschland, Österreich, Polen, Schweiz, Tschechoslowakei, Ungarn mit ein. Ich bestaune einen idyllischen Bootsanlegeplatz am Vierwaldstättersee (in Brunnen, in den 1920er Jahren), eine verschneite Landschaft im Schwarzwald (ebenfalls in den 1920er Jahren) sowie das futuristisch anmutende Sony Center im ehemaligen Todesstreifen und Niemandsland der Berliner Mauer (2015). Meine Lieblingsaufnahme hat James P. Blair 1968 in der Tschechoslowakei aufgenommen, sie zeigt eine friedliche Szene im mährischen Teltsch – als im ganzen Land der Aufstand gegen die sowjetischen Besatzer brodelt, rennen drei kleine Mädchen in Rot vor einer sonnenbeschienenen Fasasade einem roten Ball hinterher. 
Italien, 1995 @ William Albert Allard/Taschen
Die italienische Schauspielerin Benedetta Buccellato in ihrer Rolle in Aischylos' Der gefesselte Prometheus.

Westeuropa ist unterteilt in Belgien, England, Frankreich, Irland, Monaco, Niederlande, Nordirland, Schottland und Wales. Präsentiert wird ein Mix von ganz Unterschiedlichem: Für eine Auktion bestimmte Lämmer in Schottland (1983), Körbe und Kisten voller Tulpenzwiebeln in der Lagerhalle eines niederländischen Exporteurs (1977), Zwei junge Damen, die im französischen Saumur ihr Auto an der Ufermauer geparkt haben (1920er Jahre) und und und ...

Südeuropa schliesslich umfasst Albanien, Bulgarien, Giechenland, Italien, Jugoslawien, Mazedonien, Portugal, Spanien, Türkei und Vatikanstadt. Was für eine bunte Mischung! Sie allein lohnt diesen prachtvollen Band!

National Geographic
In 125 Jahren um die Welt
Europa
Herausgegeben von Reuel Golden
Taschen, Köln 2017

Wednesday, 29 November 2017

Fotografische Wirklichkeiten

Es gibt Fotografien, die mich ganz unvermittelt in ihren Bann ziehen. Die Aufnahme auf dem obigen Cover zum Beispiel. Weshalb das so ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, doch ich kann Vermutungen anstellen: Wenn ich selber fotografiere, mache ich oft ähnliche Aufnahmen. Sie zeigen meist Unspektakuläres, Alltägliches, Dinge, die den meisten Menschen, stelle ich mir vor, zu unbedeutend erscheinen, um dokumentiert zu werden. Mir selber sind diese Aufnahmen bedeutsam, weil ich das Unspektakuläre und Alltägliche bedeutsam finde: für mich ist das Banale nicht nur speziell, sondern es zieht mich an, ich hege dafür eine zärtliche Zuneigung.

 Ich gebe mich diesen Gefühlen einfach hin, die Bedeutungszuschreibung des in Kronberg bei Frankfurt am Main lebenden Fotografen Peter Braunholz ist mir fremd: "Im fotografischen Prozess findet eine Transformation vom Objekt zum Bild statt, das Wesen (der Dinge) wird offenbar und inhaltliche und formale Verbindungen und Zusammenhänge (...) werden deutlich." Das Wesen der Dinge? Wirklich?
Topophilia III, Spanien 2016 @ Peter Braunholz/Kehrer

Der 1963 geborene Peter Braunholz studierte Musik, Germanistik und Filmwissenschaften. Im Alter von 36 Jahren beschliesst er, sich ganz auf die Fotografie zu konzentrieren. "Von da an hatte es für mich Suchtcharakter." Unter seinen Vorbildern finden sich Paul Strand, Albert Renger-Patzsch, Robert Adams und Heinrich Riebesehl, denen er übrigens auch seinen Dank ausspricht. Und nicht nur ihnen, sondern noch vielen anderen mehr, von Paul Watzlawik über Edward Weston bis zu Christy Karpinski (die ich hier erwähne, weil ich seit 2014 einer der "contributing writers" ihrer Website bin).

Mir ist diese umfängliche Liste von Leuten, bei denen sich der Peter Braunholz bedankt, sehr sympathisch, weil er damit auch klar macht, dass seine Ideen und Vorstellungen nicht einfach vom Himmel gefallen beziehungsweise seinen Genen zu verdanken sind, sondern sich entwickelt haben, von anderen Menschen beeinflusst und geprägt worden sind (von den Umständen gar nicht zu reden).
Topophilia IV, Deutschland 2016 @ Peter Braunholz/Kehrer

Der als freier Kurator und Autor in Köln lebende Kunsthistoriker Gérard A. Goodrow hält in seinem Beitrag "Die dritte Wirklichkeit. Die fotografischen Welten des Peter Braunholz" fest: "Es geht hier weder um den vielbesprochenen Wahrheitsgehalt der Fotografie noch darum, wie die Wirklichkeit mithilfe der Fotografie manipuliert werden kann. Stattdessen könnte man ein jetzt schon geflügeltes Wort aus der aktuellen Politik leicht umwandeln und positiv aufladen, nämlich 'alternative Wirklichkeiten'. Nicht im Sinne von Fakten, die keine sind, sodass man sie zurechtbiegen muss, sondern vielmehr als eine alternative Art, die Welt mit anderen, vielleicht sogar fremden Augen zu sehen. Peter Braunholz spricht von einer 'dritten Wirklichkeit'".

Dritte Wirklichkeit? Das klingt in meinen Ohren nicht nur prätentiös, sondern, angesichts Peter Braunholz' eigener Ausführungen, "dass die Wirklichkeit viele Gesichter hat und dass es keine Wahrheit gibt, sondern nur Perpektiven" (eine Auffassung, die ich im Übrigen nicht teile: So gibt es etwa die Wahrheit der Schwerkraft oder des Todes, ganz ungeachtet der jeweiligen Perspektive), auch wenig einleuchtend.
Diametral I, Deutschland 2016 @ Peter Braunholz/Kehrer

Die Aufnahmen zeigen von Menschen Gemachtes wie auch Ausschnitte der Natur, sowohl schwarz/weiss als auch in Farbe und in ganz unterschiedlichen Formaten. Für Peter Braunholz ist der Ausschnitt "der entscheidende gestalterische Akt bei der Komposition einer Fotografie." Das ist zwar etwas unglücklich formuliert (der Ausschnitt ist kein Akt, sondern das Resultat eines Aktes, des Einrahmens nämlich), doch finde ich seinen Hinweis auf das Nicht-Reale der Fotografie ausgesprochen illustrativ: "Ein besonders unnatürlicher Ausschnitt ist das Quadrat, mit welchem man eine surreale Bildwirkung noch unterstreicht."

Peter Braunholz
Photographic Realities / Fotografische Wirklichkeiten
Kehrer Verlag, Heidelberg Berlin 2017

Wednesday, 22 November 2017

National Geographic: Asien & Ozeanien

Die vorliegende grossformatige Band dokumentiert eine fotografische Reise vom Libanon bis zur Osterinsel. So beeindruckend die Aufnahmen auch häufig sind, die ausgewählten Berichte und Reportagen aus dem Archiv von National Geographic, von denen der Klappentext spricht, sind in diesem Band nicht zu finden, denn er kommt, abgesehen von einem kurzen einführenden Essay von Douglas Brinkley (der sich hauptsächlich mit Mike McCurrys berühmtester Aufnahme, dem afghanischen Mädchen, befasst) ohne Textbeiträge aus, dafür sind die Bildlegenden von Mark Collins Jenkins höchst informativ – eine (sehr willkommene) Rarität, wie jeder weiss, der sich mit Photojournalismus beschäftigt. Als Beispiel möge die Legende zur folgenden Aufnahme von Steve McCurry aus dem Irak dienen.
Irak, 1984 @ Steve McCurry/Taschen
Im Herzen des a-Schahid-Monuments in Bagdad brennt eine ewige Flamme. Die 'Gedenkstätte der Märtyrer' soll augenfällig an den Sieg der Araber über die Perser bei Kadesia im Jahre 637 n. Chr. erinnern. Auf diese Schlacht nahm Saddam Hussein Bezug, als er 1980 das moderne Persien  den Iran  überfiel. Acht Jahre später, als er den ersten Golfkrieg (1980-1988) mit Unterstützung des Westens und der arabischen Golfstaaten sowie durch den Einsatz chemischer Waffen beendet, ehrt dieses Denkmal auch die halbe Million Iraker, die in diesem Krieg gefallen sind (eine Million Tote auf iranischer Seite zählen allerdings nicht). Letztlich sind aber alle Opfer umsonst, denn kein Quadratzentimeter Land wechselte den Besitzer.

Ganz viele und ganz erstaunliche Bilder sind in diesem prächtigen Band zu sehen. Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Etwa wenn ich die Aufnahme von Kal Muller (der im Anhang, der die Biografien der Fotografen auflistet, fehlt) von den Neuen Hebriden aus dem Jahre 1969 betrachte, worauf ein Mann von einem 25 Meter hohen Turm springt, der aus Lianen, Langhölzern und Ästen zusammengebastelt wurde. Bungee-Jumping ohne Gummiseil, bei dem der Mann von Lianen an seinen Knöcheln kurz vor dem Boden abgefangen werden soll.
Libanon, 1957 @ Thomas Abercrombie/Taschen
Ein Schäfer führt seine Schafe über die Rue Georges Picot in Beirut. Ein Kontrast, dem man Mitte des 20. Jahrhunderts oft begegnet: Der Mann trägt ein arabisches Gewand, aber auch ein Sakko westlichen Stils. Teils islamisch, teils christlich, teils morgenländisch, teils abendländisch ist die Hauptstadt des Libanon das "Paris des nahen Ostens". Beirut ist ebenso berühmt für seine glanzvollen Cafés wie für seine Basare, Banken und Handelshäuser.

Es ist selten, sehr selten, dass mich Bildlegenden (es ist eine Kunst, Vielfältiges und Komplexes kurz und prägnant in Worte zu fassen) geradezu begeistern, weshalb ich denn auch gleich auf noch ein Beispiel aufmerksam machen will. Eine schwarz/weisse Aufnahme aus Afghanistan aus dem Jahre 1931 von Maynard Owen Williams zeigt Lastesel, die an den riesigen Buddha-Statuen des Bamiyan-Tals vorbeiziehen. "'Niemals zuvor wurden solche Aufnahmen gemacht, wie sie mir gelangen', begeisterte sich der National Geographic-Fotograf in einem Brief an die Redaktion. Williams ist einer der ersten Berufsfotografen, die in ein Land einreisen dürfen, das bis 1919 für Ausländer gesperrt war. 70 Jahre nach dieser Aufnahme werden die berühmten Standbilder von fanatischen Taliban-Milizen zerstört."
Indonesien, 1988 @ Charles O'Rear/Taschen
Jakartas imposante Istiqlal-Moschee ist zur Gebetszeit voll besetzt. Die Gläubigen richten sich gen Mekka. Der Journalist Tracy Dahlby hat den Auftrag, über das in Schwierigkeiten geratene Indonesien, die grösste muslimische Nation auf Erden, zu berichten und kommt zu dem Schluss, "der Weg in die Zukunft verlaufe durch die islamische Identität des Landes."

"Die lebhaften Kodachrome-Bilder, die Sie hier sehen, zeichnen die Geschichte des 20. Jahrhunderts nach: beispielsweise den Aufstieg und Fall der UdSSR, ein aufkeimendes Umweltbewusstsein, das Verschwinden oder die Rettung gefährdeter Arten", notiert Douglas Brinkley. Dass diese Geschichte immer unvollständig bleiben wird, versteht sich, doch die Akzente, die dieses eindrückliche Werk setzt, sind aufregend, anregend und lehrreich. So lernte ich unter anderem, dass die vermutlich höchstgelegene Mine der Welt (die Grasberg-Mine auf Neuguinea) auf knapp 4 000 Metern über Meer liegt und dass die Russen ganz ähnlich über Sibirien denken wie die Amerikaner einst über ihren Westen dachten.

National Geographic
In 125 Jahren um die Welt
Asien & Ozeanien
Herausgegeben von Reuel Golden
Taschen Verlag, Köln 2017

Wednesday, 15 November 2017

Nighthawks

Jedes Bild erzählt eine Geschichte, heisst es in der Pressemitteilung. Nicht nur eine, sondern mehrere. Zudem: Nicht die Bilder erzählen Geschichten, sondern die, die sie sich anschauen, weshalb sie denn auch meist mehr über die Betrachter als über das Betrachtete aussagen.

Was für eine tolle Idee, Geschichten von US-Autoren (wobei: Lee Child ist Engländer, lebt jedoch schon lange in Manhattan) zu den Bildern von Edward Hopper (1882-1967), diesem ikonischen US-Maler, in einem Band zu publizieren. Noch toller ist, dass es sich dabei hauptsächlich um Thriller-Autoren handelt, die ich schätze. Unter ihnen gibt es auch solche, von denen mir nur die Namen geläufig sind und noch andere, die ich überhaupt nicht kenne, auf die ich jedoch hinreichend neugierig bin, weil ich vor vielen Jahren auch ein paar Bücher (aus der Bernie-Rhodenbarr-Serie) des Herausgebers, Lawrence Block, gelesen habe und ihm deswegen vertraue, obwohl ich keine rechte Erinnerung mehr daran habe.

Den einzelnen Geschichten ist eine Kurzinformation über die jeweiligen Autoren vorangestellt, bei einigen erfährt man etwas über ihren Hopper-Bezug, bei anderen nicht. Bei Jill D. Block liest man: "Sie erinnert sich vage, am College einen Kurs in Kunstgeschichte belegt zu haben, in dem sie in der kurzen Zeitspanne zwischen dem Ausschalten der Beleuchtung und dem Einschlafen möglicherweise ein Dia von einem Edward-Hopper-Gemälde gesehen hat." Was ihre Geschichte mit Hopper zu tun hat, hat sich mir nicht einmal vage erschlossen, doch sie ist clever aufgebaut, zieht einen hinein.

Auf ganz vielfältige Art gelungen ist Robert Olen Butlers 'Abenddämmerung'. Das Hopper-Bild zeigt einen Pierrot auf einer Restaurantterrasse sitzen, eine Zigarette im Mund und vor sich hin starrend. Butlers Protagonist ist Maler, hat seine Frau Solange von der Place Pigalle gerettet und oft gemalt. "Sie hat sich in das Bild verliebt, das ich für sie erschaffen habe. Ich habe die wahre Gestalt ihres Fleisches gemalt, in Sonnenlicht und Schatten, im Schlaf und in Leidenschaft. Nur ich kenne die wahre Rötung ihrer Wangen, das rohe Siena und Ockergelb und Kadmiumrot unter den grellen Farben, mit denen sie das leidenschaftliche Gesicht gemalt hat, dass sie Leclerc präsentiert. Wir haben begriffen, Solange und ich, dass sie im tieferen Sinn nicht mehr existiert, es sei denn durch meine Hand."

Fazit: Ein höchst anregender Band, der nicht nur einlädt, Hoppers Bilder genauer zu betrachten, sondern auch Autoren zu entdecken. Zum Beispiel Craig Ferguson, der ein Fan von Edward Hopper, Lawrence Block, Elvis Presley und des heiligen Augustinus ist und von dem diese ganz wunderbare Passage stammt: "Während die Zeit dahinschwand, begannen die beiden alten Männer, die ihr ganzes Leben nur wenige Meilen voneinander gelebt hatten, einander ihre Geschichten zu erzählen, und in der Art von Menschen, denen Lächerlichkeit und Scham fremd geworden sind, vertrauten sie sich auch ihre Misserfolge an. Als Ehegatten, Väter, Liebhaber, als Männer. Und natürlich führte dieses Teilen ihrer Misserfolge dazu, dass sie einander mochten. Ein Vertrauen, zu dem nur die Verdammten fähig sind."

PS: Neben den bereits erwähnten, finden sich auch Geschichten folgender Autoren in dieser sehr ansprechenden Anthologie: Megan Abbott, Nicholas Christopher, Michael Connelly, Jeffrey Deaver, Stephen King, Joe R. Lansdale, Gail Levin, Warren Moore, Joyce Carol Oates, Kris Nelscott, Jonathan Santlofer sowie Justin Scott.

Nighthawks
Stories nach Gemälden von Edward Hopper
Herausgegeben von Laurence Block
Droemer, München 2017