Wednesday, 3 June 2026

The Big City. A Visual Anthology

"Die Idee zu diesem Buch entstand 2009 in Kairo, beim Besuch bei Freunden", schreibt Philipp Sarasin in seiner Einführung. "Die Megacity war überwältigend, anstrengend und in ihrer Komplexität kaum zu fassen." Megacities sind in der Tat so, jedenfalls die, die ich kenne, wobei für mich "kaum zu fassen" mit "nicht einmal ansatzweise zu fassen" ersetzt werden müsste.

Mehr als zwanzig Städte hat Philipp Sarasin im Lauf von fünfzehn Jahren besucht und dabei unter anderem festgestellt, dass sie sich immer ähnlicher werden. Und genau diesen Eindruck hatte ich auch, als ich diese überaus vielfältigen Fotos anschaute. Hätte mir die Bildlegende (die nur gerade eine Ortsangabe ist), nicht jeweils gesagt, welche Stadt (oder vielmehr: welchen Ausschnitt einer Stadt) ich gerade vor Augen hatte, es hätte in den meisten Fällen so recht eigentlich (fast) überall sein können.

So unterschiedlich diese Fotos auch sind, es ist die Uniformität, die mir den bleibendsten Eindruck hinterlassen hat. Wobei: So erstaunlich ist das letztlich gar nicht: In seinem Bestreben, speziell und anders zu sein, ist sich der Mensch eben überall gleich.

Besonders spannend waren für mich die Aufnahmen, die in Städten aufgenommen wurden, die ich aus persönlicher Anschauung kenne, etwa Panama City (das ich sofort erkannte) oder Jakarta (das ich ohne Bildlegende wohl nicht richtig zugeordnet hätte), oder Istanbul (das löste beim Lesen der Bildlegende ein Ja, klar aus), oder ganz speziell Bangkok (wo ich on and off einige Jahre zugebracht habe), das ich sehr gut getroffen fand.

Dass mich dieser Band anspricht, hat natürlich auch damit zu tun, dass ich seit einigen Jahren (nachdem ich über zwanzig Jahre über Dokumentarfotografie geschrieben habe) selber (fast täglich) fotografiere, und mir in Städten Ähnliches ins Auge fällt, wie ich es auch in The Big City vorfinde.

Panama City

New York

Los Angeles

Wie jeder Fotograf zeigt auch Philipp Sarasin nicht, was er gesehen hat, sondern was er sich zu fotografieren entschieden hat. Mit anderen Worten: Er hat ausgewählt, was er wie einrahmen, und was er uns zeigen will. In diesem Sinne ist jedes Fotobuch, ungeachtet des Sujets, letztlich ein Selbstporträt, das sagt: So will ich in diesem Moment die Welt sehen. 

Fotografieren bedeutet zu wählen. Was nehme ich in den Rahmen rein, was lasse ich draussen? Dass dieser Band viel Disparates nebeneinander präsentiert, hat meine Sympathie, denn so ist, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, die Realität. Übrigens: Dass Fotos einem das Gefühl vermitteln können, die Realität abzubilden, ist erstaunlich, denn weder klingen, noch riechen sie. Doch sie sind Träger von Emotionen, und die prägen und bestimmen uns mehr, als uns bewusst ist. Understanding is a feeling, hat Robert Adams in Why People Photograph geschrieben.

Bangkok 

Bangkok

Was Philipp Sarasin motiviert hat, aufzunehmen, was er aufgenommen hat, weiss ich nicht. Ausser, dass ihn interessierte, "wie die Bedingungen beschaffen sind, unter denen Menschen heute in Grossstädten und Megacitys leben" (wie Fotos das zeigen könnten, entzieht sich mir), äussert er sich nicht. Da mich Motivationsforschung nicht interessiert, beschränke ich mich hier darauf, was die Fotos bei mir auslösen.

Zuallererst: Ich finde den Mix (Gebäude, Hochhäuser, Menschen, Autos, Fassaden etc.) überaus gelungen. Das bunte Nebeneinander von ganz Unterschiedlichem, am Tag und in der Nacht fotografiert, legt nicht gerade den Eindruck nahe, Stadtplanung sei hier federführend gewesen, wobei es auch immer wieder Stadtteile gibt, die eindeutig am Reissbrett entstanden sind.

Philipp Sarasin hat ein gutes Auge (man blättere etwa zu den Seiten 101, 105, 159 oder 211), und auch einen Sinn für das Witzig-Absurde. Ein Bild aus Nairobi, auf dem auch ein Raja Yoga Centre angepriesen wird. Oder die Bilder aus Los Angeles, insbesondere der Parkplatz mit Palmen und Hochhäusern im Hintergrund – ein ziemlich einzigartiges Porträt einer Stadt, in der man ohne Auto total am Arsch ist.

Die Bilder in diesem Band strahlen für mich die Stimmung aus, die Grossstädten eigen ist. Letztlich unfassbar, doch mich immer mal wieder an das Durcheinander auf einem Kinderspielplatz erinnernd. Besonders an den Rändern fransen diese Moloche richtiggehend aus (ich denke gerade an Lima). Dass diese Megacities überhaupt funktionieren (wenn auch nicht alle so wie Tokio), kommt so recht eigentlich einem Wunder gleich.

In meiner Zeit in Bangkok nahm ich hin und wieder den Bus und fragte mich gelegentlich, ob es für die Fahrer eigentlich einen Fahrplan gebe oder ob die alle irgendwann einfach  losfahren (oder auch nicht). Gestern bin ich im Bus eingeschlafen, sagte meine Freundin Jing einmal, und als ich aufgewacht bin, standen wir immer noch an der genau gleichen Stelle. Mit anderen Worten: Mich erstaunt und fasziniert, dass mir diese Aufnahmen ein Grossstadtgefühl vermitteln, das mir vertraut ist. Das ist vor allem deshalb erstaunlich, weil es Bilder ohne Worte sind, die dies bei mir auslösen.

Die Einführung von Philipp Sarasin, einem in Berlin und Zürch ansässigen Schweizer Historiker, wie auch der Essay des Kunsthistorikers Martino Stierli, der sich unter anderem der Frage widmet, "in welchem Masse der Blick auf das relativ neue Phänomen der globalen Megacity durch den Erfahrungshorizont jenes mitteleuropäischen Betrachters konditioniert wird."), sind auf Deutsch und Englisch verfasst.

Philipp Sarasin
The Big City
A Visual Anthology
Scheidegger & Spiess, Zürich 2026