Es handelt sich bei diesem
Buch um die transkribierte Fassung eines Gesprächs zwischen
Klaus von Dohnanyi und Erich Vad vom Februar 2026 in Hamburg.
Beide hatten hohe Positionen in der Bundesregierung inne, und
entsprechend ist auch dieses Gespräch von
der Überzeugung getragen, dass Geschichte von Personen gemacht wird.
So setzen sich die beiden etwa auch mit Donald Trump auseinander,
ganz so, als ob dieser Mann eine Ideologie hätte, die über „Ich
Ich Ich“ hinausgeht. Wer sich ernsthaft mit der vermeintlichen
Ideenwelt des amerikanischen Präsidenten auseinandersetzt („Trump
ist eine Art emotionaler Pragmatiker“, so Erich Vad), verkennt,
dass ein Denken, das Politiker als Führer versteht (sie sind wohl eher Getriebene), in die Irre
führt.
Man kann mit dem Denken von gestern (der Mensch weiss, was er tut) nicht die Probleme von heute (der Mensch ist heillos überfordert) lösen. Das hat auch damit zu tun, dass Aussagen wie "Geopolitik und strategische Interessen bestimmen die Sicherheit" (Erich Vad) fälschlicherweise suggerieren, der Mensch sei ein rational handelnder Akteur – und das ist schlicht lächerlich. Dazu kommt, dass beide Herren offenbar glauben, dass man immer beiden Seiten Gehör schenken müsse, was ein fataler Irrtum ist, dem bedauerlicherweise auch die Massenmedien huldigen. Viktor Frankl hatte einmal gemeint, es gebe nur zwei Rassen: Die Anständigen und die Unanständigen. Und da erstere leider in der Minderheit seien, gelte es, diese zu stärken. Anders gesagt: Nicht alle Aussagen müssen/sollen gleichwertig behandelt werden.
Beide Herren sind konventionell gebildet, also einschlägig belesen, verweisen auf Lenin und Clausewitz, die Illias und Stahlgewitter, und gehen davon aus, dass die Weltgeschichte (die Goethe für eine idealistische Überhöhung disparater Ereignisse hielt) uns Aufschluss geben könne über Künftiges. Wären die beiden mit C.G. Jung vertraut, wüssten sie, dass das gänzlich unsinnig ist. Thoroughly unprepared, we take the step into the afternoon of life. Worse still, we take this step with the false presupposition that our truths and our ideals will serve us as hitherto. But we cannot live the afternoon of life according to the program of life’s morning, for what was great in the morning will be little at evening and what in the morning was true, at evening will have become a lie.
Dazu kommt: Eine vollkommen irrationale Politik rational erklären zu wollen, ist schlicht irrational. "Donald Trump ist doch offenbar sehr viel mehr als nur ein Störenfried. Der ist ein wirklicher Revolutionär für die amerikanische Innenpolitik." (Klaus von Dohnanyi). Auch Erich Vad glaubt zu wissen, worum es dem Amateur-Golfer primär gehe ("Russland aus dem engen Bündnis mit China zu ziehen"). Soviel Weltfremdheit ist nur Menschen eigen, die in der Politik unterwegs sind (und auch der Grund, weshalb die meisten Menschen nichts von Politik wissen wollen).
"Gelingt es uns eigentlich, durch unsere Gespräche das Vertrauen in den Frieden zu stärken?", fragt von Dohnanyi. Wie das konkret vonstatten gehen sollte, ist mir unverständlich. Auch ist dies kein wirkliches Gespräch, vielmehr werfen sich die beiden Stichworte zu, die dann Anlass sind zu eitler Selbstdarstellung.
Was die beiden unter anderem fordern, ist der Mut zum Dialog. Ich sehe das entschieden anders, halte das Fordern von Verhandlungen für Selbstbetrug. Was Not tut, ist das genaue und nüchterne Hinschauen, die Konfrontation mit den Dingen wie sie sind. Nicht mit Geopolitik und Macht (das ist viel zu abstrakt und Leuten, die ums tägliche Überleben kämpfen, nicht zu vermitteln), sollten wir uns auseinandersetzen, sondern mit der Frasge: Wie sollen und wollen wir eigentlich leben?
Dass Frieden dem Krieg vorzuziehen ist, ist einigermassen banal, doch ein Satz wie "Eine Friedensplanung in Europa geht nur mit, nicht gegen Russland" (Erich Vad), ist nur eine Behauptung. Was Russlands Kriegsführung in der Ukraine unter anderem zeigt, ist eine Gewalt und Brutalität, die ich nicht mit Europa assoziiere. Mit diesem russischen Regime sollte man nicht reden, sondern zu ihm auf grösstmögliche Distanz gehen.
Dieses Buch ist kein Plädoyer für den Frieden. sondern eine Darstellung weltpolitischer Betrachtungen, auch über Kriege, die gerade im Gange sind (was kann man darüber schon sagen?), aus der Lehnstuhlperspektive zweier Wichtigtuer. ("Mir hatte in einem Gespräch der damalige Schah Rez Pahlavi einmal gesagt, der Iran sei ein Stück Europa, verloren in Asien." Klaus von Dohnanyi). Mit anderen Worten: Viel mehr als das gängige informierte Rätseln, das wir aus Talkshows kennen, ist da nicht. Für mich zeugen Vorstellungen wie, die Amerikaner wollen dies, die Russen das, die Chinesen wiederum etc., von einer abgehobenen Weltsicht, die mich nicht erreicht.
Mir selber steht eine Initiative von Mitgliedern der Russischen Akademie der Wissenschaften weit näher, die einen Tag nach dem Einmarsch in die Ukraine geschrieben wurde, und nach einigen Tagen von dreitausend Wissenschaftlern unterzeichnet worden war. Dieser Text erreicht mich, weshalb ich ihn denn auch hier zitiere (er ist schon lange aus dem russischen Netz verschwunden; er findet sich in Orion von Petra Morsbach).
Wir russische Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten, protestieren mit Nachdruck gegen die Militäraktion, die durch die Streitkräfte unseres Landes auf dem Territorium der Ukraine eingeleitet wurde. Dieser verhängnisvolle Schritt wird zu riesigen Verlusten an Menschenleben führen und untergräbt das etablierte System der internationalen Sicherheit. Für die Entfesselung des neuen Krieges in Europa trägt allein Russland die Verantwortung.
Es gibt keine vernünftige Rechtfertigung für diesen Krieg. Versuche, den Vorwand für die Miltäroperation durch den Verweis auf die Situation im Dombass beizubringen, sind absolut unglaubwürdig. Es ist evident, dass die Ukraine keine Bedrohung für die Sicherheit unseres Landes darstellt. Der Krieg gegen sie ist ungerecht und offensichtlich sinnlos.
...
Durch den jetzt
eröffneten Krieg hat Russland sich selbst zur Isolation verurteilt
und nimmt in Kauf, aus der internationalen Staatengemeinschaft
verstossen zu werden. Das bedeutet, dass wir als Wissenschaftler bald
nicht mehr in der Lage sind, normal unseren Vorhaben nachzugehen.
Ohne vollwertige Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Ländern ist
wissenschaftliche Forschung nicht denkbar. Die Isolierung Russlands
von der Welt wird den kulturellen und technologischen Niedergang
unseres Landes beschleunigen und den Verlust aller positiven
Perspektiven zur Folge haben. Ein Krieg mit der Ukraine ist ein
Schritt ins Nichts.
Uns ist bitter bewusst, dass unser Land, das entscheidend zum Sieg über den Nationalsozialismus beigetragen hat, jetzt zum Brandstifter eines neuen Kriegs auf dem europäischen Kontinent geworden ist. Wir fordern die sofortige Einstellung aller Militäraktionen gegen die Ukraine. Wir fordern die Achtung der Souveränität und territorialen Integrität des ukrainischen Staates. Wir fordern Frieden für unsere Länder. Wir wollen die Wissenschaft voranbringen, nicht Krieg führen.
Klaus von Dohnanyi
Erich Vad
Frieden - Wie geht das?
Westend Verlag, Neu-Isenburg 2026


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