Wednesday, 28 November 2018

Herbstfarben

Zwischen Bonaduz und Rhäzüns

Burgdorf

Klosters

Zernez

Zwischen Landquart und Bad Ragaz

Wednesday, 21 November 2018

Gross trifft Klein

"Sind Kinder wirklich so ganz andere Wesen als wir Erwachsene? Tragen wir nicht auch stets etwas vom Kind in uns? Wir vergessen womöglich nur allzu leicht, die Welt wie ein Kind zu sehen, instinktiv, unvoreingenommen, ohne fremde Beeinflussung", schreibt Yang Liu. in Gross trifft Klein.

Yang Liu wurde 1976 in Beijing geboren und lebt heute in Berlin. Seit 2010 lehrt sie als Professorin an der Berliner Technischen Kunsthochschule. In Gross trifft Klein zeigt sie, was geschieht wenn Kinder und Erwachsene zusammenkommen. Dabei stellen die Kinder das Leben der Erwachsenen häufig auf den Kopf. Damit gilt es klarzukommen. Und am besten mit Humor. Und Yang Liu zeigt gekonnt und schmunzelnd auf, wie das gehen kann.
Ich sehe ...

Während Erwachsene sich gerne bequem hinlegen, ist es den Kleinen mehr ums Rumhüfen zu tun. Auch in dieser Beziehung wären  die Erwachsenen gut beraten, sich die Kinder zum Vorbild zu nehmen, vorausgesetzt, sie wollen beweglich bleiben. Wer rastet, der rostet, heisst es bekanntlich. Die Erwachsenen, die solches sagen, tun selten was in die Richtung; die Kleinen, die solches nicht sagen, rasten nicht, weshalb sich bei ihnen der Satz auch erübrigt.

Konflikt
Wenig später

Eine der Lehren dieses Buches ist, dass Eltern gut beraten wären, sich von den Kindern inspirieren zu lassen. Etwa bei der Konfliktbewältigung, wie das obige Bild sehr schön illustriert. Steigern sich Konflikte unter Erwachsenen in der Regel und nehmen an Schärfe zu, so ist bei Kindern das Umgekehrte der Fall: Schnell ist vergessen, worum gestritten wurde, schnell ist man wieder ein Herz und eine Seele. Erwachsene sind echt blöd. Ausser Rechthaberei haben sie selten etwas gelernt. 

             Vorher                            Nachher      

Gross trifft Klein ist eine humorvolle und wunderbar gelungene Anleitung für Erwachsene, sich in Kinder reinzuversetzen.      

Yang Liu
Gross trifft Klein
Taschen, Köln 2018

Wednesday, 14 November 2018

Teju Cole: Blinder Fleck

Diesem interessant gestalteten Band - einzelne Fotos füllen die ganze Seite, andere nur einen Teil und noch andere erstrecken sich auf die gegenüberliegende Seite – ist ein Vorwort von Siri Hustvedt vorangestellt, das wie folgt beginnt: "Im menschlichen Auge gibt es wie in den Augen anderer Wirbeltiere einen blinden Fleck, der dort liegt, wo die Netzhaut in den Sehnerv übergeht. In diesem Areal, der Sehnervenpapille, fehlen lichtempfindliche Sinneszellen und werden keine optischen Reize weitergeleitet. Eigentlich müssten wir diesen Ausfall im Gesichtsfeld bemerken – er hat ungefähr die Grösse einer Orange, die wir am ausgestreckten Arm von uns weghalten. Und doch laufen normalsichtige Menschen nicht mit Sehlücken durch die Welt. Irgendwie wird das Fehlende ergänzt, doch bis heute wissen wir nicht, wie das genau geschieht (…) vieles spricht dafür, dass Wahrnehmung kein passiver Vorgang ist – dass wir die Welt nicht nur aufnehmen, sondern auch gestalten und dass Lernen dazu beiträgt."

Brienzersee 2014

Blinder Fleck versammelt mehr als 150 Fotografien aus ganz vielen Ländern – offenbar sitzt der Autor und Fotograf Teju Cole ständig im Flugzeug – , die von Texten ergänzt werden. "Und während seine Bilder etwas Konkretes dokumentieren, wird zugleich etwas sichtbar, was das Auge nicht erfasst", lese ich in der Pressemitteilung. Nehmen wir das obige Bild, das mich dazu einlädt, das Schiffshorn in Aktion zu hören. Der Text dazu lautet: "Ich öffnete die Augen. Was vor mir lag, sah aus wie der Klang des Alphorns zu Beginn des letzten Satzes der ersten Symphonie von Brahms. Das war er, der Sound, den ich sah."

Im Gegensatz zum gerade erwähnten, beziehen sich die meisten Texte nicht auf das Bild, dem sie beigestellt sind und muten zum Teil surreal an. So schreibt Cole zum Bild einer schwarzen Schere auf einer weissen Tischplatte: "Hält die Gewalt in petto. Ist symmetrisch, wie fast alle Wirbeltiere. Ist sogar zweibeinig, wie das Tier, das sich aufrichtet, das Tier, das Fremde betrauern kann. Suggestionskraft ist der Schlüssel zum Surrealismus. Plötzlich zum Atmen hochkommend wie der Wal zum Blasen, schwebt das surreale Objekt hinter oder über (sur) einer Realität, unterhalb deren zu bleiben wir von ihm eher erwartet hätten. Die Schere ist eine Maske ohne Gesicht."
Zürich 2014

Gerne hätte ich gewusst, wo in Zürich er diese Globus-Versammlung gesehen hat. Angaben dazu fehlen – wie auch bei den anderen Aufnahmen. Fotografisch bemerkenswert finde ich weder die Fotos noch was sie zeigen (es gibt Ausnahmen) und so recht eigentlich hätten sie fast überall auf der Welt gemacht werden können. Für Teju Cole sind sie Auslöser, "visuelle Rorschachs", wie meine Freundin Emelle Sonh, Fotografin in San Francisco, Fotos einmal genannt hat. Zum obigen Bild notiert er: "Von der Küche ins Wohnzimmer. Vom Schlafzimmer ins Bad. Die Treppe runter, um die Post zu holen. Vom Haus zur U-Bahn. Ein Abendspaziergang. Wir legen jeden Tag etwa 7500 Schritte zurück. Wenn wir achtzig Jahre alt werden, Inschallah, macht das im Laufe des Lebens 200 Millionen Schritte, hundertsechzigtausend Kilometer. Wir halten uns nicht für Vielgeher, werden aber die Erde viermal zu Fuss umrundet haben. Die Treppe hinunter, um die Post zu holen. Mit der Wäsche in den Keller. Vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer. Mitten in der Nacht hoch, um ein Glas Wasser zu trinken Und auf unseren Wanderungen durchs dunkle Haus halten wir plötzlich inne, wenn wir an jemanden denken, den oder die wir einst geliebt haben."

Blinder Fleck ist ein eigenartiges Buch, mein Verhältnis dazu ambivalent. Einzelne Bilder (etwa das auf dem Umschlag, der Farben und der Komposition wegen) sprechen mich sofort, andere berühren mich überhaupt nicht. Ebenso geht es mir mit den Texten. Teju Coles Projekt sei ein phänomenologisches, schreibt Siri Hustvedt im Vorwort. "Es ist die Erforschung des Verhältnisses zwischen dem körperlichen Bewusstsein und der sichtbaren Welt." Was auch immer das heissen mag, mir jedenfalls sind diese Texte und Bilder willkommene Auslöser für das Mich-Wundern-über-die-Welt.

Teju Cole
Blinder Fleck
Hanser Berlin 2018

Wednesday, 7 November 2018

Paul Beatty: Der Verräter

Auf Paul Beatty aufmerksam geworden bin ich eines Interviews wegen, das er dem Londoner Guardian gegeben hat. Das war im Januar 2017 und der amerikanische Autor sagte dabei unter anderem, dass Trumps Aufstieg für ihn kein Schock gewesen sei und dass die Rassenbeziehungen auch unter Obama sich nur marginal verbessert hätten. Zudem meinte er: Eines der Phänomene, die in den letzten Jahren (nicht nur in Amerika) zugenommen hätten, sei, dass Verantwortliche selten zur Rechenschaft gezogen würden.

Sein neuestes Buch, Der Verräter, für das er mit dem National Book Critics Circle Award sowie dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, handelt von den komplexen Rassenbeziehungen in Nordamerika, philosophisch, zornig und sarkastisch.

Ich habe Tränen gelacht, als ich den Prolog las. Er beginnt so: "Aus dem Mund eines Schwarzen klingt das sicher unglaublich, aber ich habe nie geklaut. Habe nie Steuern hinterzogen oder beim Kartenspiel betrogen. Habe mich nie ins Kino gemogelt oder merkantile Gepflogenheiten und die Erwartungen von Mindestlohnempfängern ignoriert, indem ich einer Drugstore-Kassiererin das überschüssige Wechselgeld vorenthalten hätte. Ich bin nie in eine Wohnung eingebrochen Habe nie einen Schnapsladen ausgeraubt. Habe mich in vollbesetzten Bussen oder U-Bahnen nie auf einen Platz für Senioren gepflanzt, meinen gigantischen Penis rausgeholt und mir lüstern, aber auch leicht zerknirscht einen runtergeholt …".

Da guckt einer hin, genau und hart. Und da er selber schwarz ist, darf er sagen, was Weisse nicht sagen dürfen beziehungsweise sich nicht zu sagen trauen. Und er sagt es. "Sie würden es nie zugeben, aber jeder Schwarze glaubt, es wäre besser als jeder andere Schwarze." Von Hamp, eigentlich Hampton Fiske, dem Anwalt und alten Freund des Erzählers, heisst es. "Er nennt uns die Elenden der Erde. Leute, die einerseits zu arm sind, um sich Kabelfernsehen leisten zu können, und andererseits zu blöd, um zu wissen, dass sie gar nichts verpassen."

Selten ist mir deutlicher geworden, wie unglaublich stupid und beschränkt es ist, jemanden auf seine Hautfarbe zu reduzieren. Toll, das es dieses wunderbar unterhaltsame und clevere Buch gibt, das nicht endlos Probleme diskutiert und Diskriminierung beklagt, sondern sich grundsätzliche Gedanken übers Leben macht, klar und deutlich, mit Witz und Haltung. 

Worum geht's? Der Erzähler von Der Verräter wächst als Versuchskaninchen des Begründers und einzigen Praktizierenden der Freiheitspsychologie in Dickens, einem verarmten Vorort von Los Angeles auf, wo er friedlich Wassermelonen und Marihuana zieht. Als sein Vater von der Polizei erschossen wird, erwartet man in der Nachbarschaft, dass der Sohn der nächste Niggerflüsterer werden würde, doch dieser hat andere Pläne – er will das von der Gentrifizierung bedrohte Dickens retten, mit Hilfe des durchgeknallten Hominy, eines alternden Leinwandhelden, und unterstützt vom hochgeachteten Gangster King Cuz ("Dein Dad hielt mich für bipolar, aber in Wahrheit bin ich nur ich selbst."), das Ziel ist die Wiedereinführung von Rassentrennung ("Die Apartheid hatte das schwarze Südafrika zusammengeschweisst, warum also nicht auch Dickens?") und Sklaverei.

Entgegen den offiziellen Verlautbarungen gibt es sowohl Rassentrennung wie auch Sklaverei nach wie vor – nicht offiziell natürlich, doch in Gesetzen steht bekanntlich vieles, was in der Realität so nicht existiert. Dank Trump hat sich ein Amerika ans Licht gewagt, von dem man lange Jahre nichts hat wissen wollen. Der "ugly American" ist wieder da, fürchten heute einige, wahrscheinlicher ist, dass er gar nie weg war.

Ich kann mich an kein Buch eines Schwarzen (oder einer Weissen) erinnern, das sich derart nüchtern und kritisch mit Afroamerikanern auseinandergesetzt hat. Für mich macht er damit die Schwarzen zu denselben Deppen wie die Weissen und das wirkt befreiend. "Eine traurige Ironie des afroamerikanischen Lebens besteht darin, dass jedes banale und chaotische Miteinander 'Sitzung' genannt wird. Und weil die Sitzungen Schwarzer nie pünktlich beginnen, weiss man nie, wie viel Verspätung man riskieren darf, um cool zu wirken, ohne die Sitzung komplett zu verpassen."

Zu meinen Highlights gehört die Schilderung einer Sitzung, bei der einer der Teilnehmer ("Er hatte sich im Laufe der letzten zehn Jahre kaum verändert, nur siebzehn Kilo zugelegt.") Anstoss an Mark Twains Huckleberry Finn nimmt, weil Twain darin dauernd das 'N-Wort' benutzt habe. "'Ich habe das ekelhafte 'N-Wort' durch 'Krieger' ersetzt, das Wort 'Sklave' durch 'dunkelhäutiger Freiwilliger.' 'Recht so!', schreit das Publikum. 'Ausserdem habe ich Jims Sprache verbessert, den Plot etwas aufgepeppt und das Buch unbenannt in Die pejorativumfreien Abenteuer und intellektuellen und geistigen Reisen des afroamerikanischen Jim und seines jungen weissen Schützlings und Bruders Huckleberry Finn, die sich auf die Suche nach dem verlorenen Zusammenhalt der schwarzen Familie begeben."

Doch Paul Beatty hat mit Der Verräter kein Buch über Rassismus geschrieben ("... und eigentlich solltest du klug genug sein, um zu wissen, dass nicht die Rasse das Problem ist, sondern die Klasse.") und auch als Satire, wie viele Kritiker es bezeichnet haben, sieht er seinen Text nicht, weil eine solche Charakterisierung auch eine Leseanleitung ist, die er ablehnt. Was also ist es? Ganz Vieles und ganz Unterschiedliches, ein scharfer, illusionsloser und humorvoller Blick auf die soziale Realität. Kein Sich-Wegducken vor der Komplexität der Welt, sondern ein Sich-Damit-Konfrontieren und Stellung beziehen.

Der Verräter ist ein grossartiges Buch, hervorragend aus dem Amerikanischen übersetzt von Henning Ahrens, mit einem ganz wunderbaren Umschlag, gestaltet von buxdesign München – ein in jeder Beziehung höchst gelungenes Werk!

Paul Beatty
Der Verräter
Luchterhand, München 2018

Wednesday, 31 October 2018

Blake Wood: Amy Winehouse

Fotos sind schon sehr eigenartige Dinger. Zweidimensionale Reduktionen einer dreidimensionalen Wirklichkeit, die weder klingen noch riechen und uns gleichwohl suggerieren, wir würden, wenn wir sie uns ansehen, die Wirklichkeit sehen. Kennen wir zum Beispiel die abgebildeten Personen persönlich, so ist uns, als ob wir sie selber und nicht etwa Bilder von ihnen ansehen. Jedenfalls geht es mir so. Betrachte ich Fotos meiner verstorbenen Eltern, so sehe ich meine Eltern und nicht etwa nur Bilder von ihnen.

Noch eigenartiger finde ich, dass Fotos auch zu Personen, die ich weder kenne oder gekannt habe, einen starken Bezug herstellen können. Oder zumindest die Illusion davon. So geschehen ist das mir mit den Aufnahmen, die der damals 22jährige Blake Wood aus Vermont von der 24jährigen Amy Winehouse gemacht hat. Obwohl ich mit ihrer Musik nicht wirklich vertraut bin und von ihr kaum mehr weiss als dass sie mit knapp 28 Jahren an einer Alkoholvergiftung gestorben ist.
Copyright by Blake Wood

Ich betrachte die Fotos – in Farbe und in Schwarz/Weiss – mit Musik von ihr im Hintergrund und wundere mich darüber, dass sie mich derart berühren können. Unschuldig, verletzlich, bedürftig, stolz und rebellisch, so wirkt sie auf mich. Dass ich das hineinlese, ist mir klar, ändert jedoch nichts daran, wie ich sie wahrnehme.

Vielleicht liegt es ja auch daran, dass Amy und Blake sich sehr nahe standen es war eine platonische Beziehung - und die Aufnahmen das möglicherweise (was Fotos letztlich tun, entzieht sich mir) vermitteln. "Die tiefe Vertrautheit, die aus den hier versammelten Bildern spricht, lässt ahnen, wie nah sich diese beiden unverhofften Freunde standen", schreibt Nancy Jo Sales. Und fügt hinzu, dabei Bezug nehmend auf die Aufnahmen auf Saint Lucia: "Sie stehen im Widerspruch zu einem ganzen Dossier von Bildern, die uns Amy Winehouse als Drogensüchtige, als "Enfant terrible" verkaufen."

Copyright by Blake Wood

In den Worten von Blake Wood: "Sie war jemand, der Liebe in Reinform verkörperte. Sie half den Leuten um sie herum, Zugang zur Liebe und Güte in sich selbst zu finden. Diese Aufnahmen lagen bei mir im Schrank, ich musste sie wegsperren, weil es zu weh tat, sie zu betrachten. Aber jetzt möchte ich, dass die Leute den Menschen sehen, den ich kannte  dieses Licht. dieses strahlende Licht voller Liebe."

Die Bilder wurden in Camden, East London, Soho, der Isle of Wight, Saint Lucia und Paris aufgenommen; die Texte sind in Englisch, Deutsch und Französisch.

Blake Wood
AMY WINEHOUSE
Taschen, Köln 2018

Wednesday, 24 October 2018

Isaku Yanaihara: Mit Alberto Giacometti

"Es war mir nicht bewusst, aber er hat mich durch seine Art, zu sein und zu denken, enorm beeinflusst", notiert Isaku Yanaihara auf den ersten Seiten von Mit Alberto Giacometti. Annette Giacometti, Albertos Witwe, hat dieses Tagebuch, als es in Tokio in den Handel kam, mit einem weltweiten Bann belegt. Vermutlich lag das daran, dass sie und Yanaihara offenbar eine Affäre hatten. "Annette begleitete mich jede Nacht ohne Ausnahme in mein Hotel und kehrte gegen vier Uhr morgens nach Hause zurück." Das Buch durfte jahrzehntelang in keine andere Sprache übersetzt werden. Nun liegt es, direkt aus dem Japanischen übertragen, zum ersten Mal auf Deutsch vor.

Insgesamt 228 Mal ist der Philosophieprofessor aus Tokio in den Jahren 1956 bis 1966 Alberto Giacometti Modell gesessen. Und besonders angenehm hat sich das nicht angefühlt, denn es galt still zu sitzen und sich nicht zu bewegen. "Ich versuchte an nichts zu denken, aber vergebens. Wenn man nicht zu denken versucht, steht einem auch dieser Gedanke unweigerlich ins Gesicht geschrieben. Es ist nun mal so."

Giacometti ist ein Besessener, ein Getriebener. "Die tägliche Arbeit begann in freudiger Erwartung, um dann kurz vor der Verzweiflung innezuhalten, lange dabei zu verharren und schliesslich in erbitterter Hoffnung auf den nächsten Morgen zu enden."

Sie unterhalten sich über gar Vielerlei. Über Paris, Japan, Stampa, den Fortschritt, von dem Giacometti nicht viel hält, das Malen. "Sehen Sie, in einer wirklichen Landschaft existiert nicht eine einzige grelle Farbe, es gibt weder das Grün noch das Rot aus der Tube. Bäume, Häuser, Dächer, Himmel, alles ist von einem kontinuierlichen Grau; die Unterschiede bestehen lediglich in komplexen und feinen Abstufungen. Farben gibt es so gut wie gar nicht."

Giacometti sieht anders als andere. Und er will Yanaihara so malen wie er ihn sieht. So sieht er etwa Ähnlichkeiten zwischen Vater, der gerade in Paris zu Besuch gewesen war, und Sohn Yanaihara, die der Sohn jedoch überhaupt nicht sieht. Doch, doch, meint Giacometti und weist auf die Partie zwischen den Augen und die Kopfform.

Unablässig zweifelt er. "Je schöner die Wirklichkeit erscheint, desto schwieriger wird es, sie korrekt abzubilden. Gleichzeitig wächst die Leidenschaft, sie richtig wiedergeben zu wollen. Wunsch und Verzweiflung ringen miteinander und werden so gross, dass sie einen zu erdrücken drohen."

Unter anderen kommen Jean Genet, Jean-Paul Sartre ("Was mich bei Alberto am meisten überrascht, ist seine Leidenschaft für das Nichts, beziehungsweise sein leidenschaftlicher Wunsch, etwas in diesem Nichts zu fassen zu bekommen. Kunst ist ein Akt der Nichtung, und niemand weiss das besser als er.") und Simone de Beauvoir zu Wort. 

Der Band enthält auch zahlreiche Schwarz/Weiss-Fotografien (eine zeigt Giacometti in Stampa, wo er ohne Unterbruch und noch besessener arbeitete als in Paris, wo er gelegentlich "wegen irgendwelcher unerlässlicher Angelegenheiten Leute treffen" musste) sowie ein Bilddossier mit Porträts, die Alberto Giacometti von Isaku Yanaihara gemacht hatte. Ergänzt werden die Aufzeichnungen von zwei Nachworten, das eine stammt von Gérard Berréby und Véronique Perrin, das andere von Nora Bierich. Der Verleger Piet Meyer hat Aufzeichnungen über "Das editorische Umfeld zur vorliegenden Publikation" beigesteuert.

Isaku Yanaihara: Mit Alberto Giacometti ist auch gestalterisch ein sehr ansprechendes Buch, hochformatig, mit leserfreundlicher Schrift und einer durchsichtigen Schutzhülle, die Yanaiharas Porträt zeigt.

Isaku Yanaihara:
Mit Alberto Giacometti
Ein Tagebuch
Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2018

Wednesday, 17 October 2018

Lac de Bret

For many years I've carried a picture in my head that I believed to show Lac de Joux – I was wrong, it was another lake that had been on my mind. My friend Peggy whom I told about my memories thought they sounded a lot like Lac de Bret that she knew from childhood – and so I went there, and yes, it definitely conformed to the picture in my head.
My information said that Lac de Bret was a twenty-minute walk from Moreillon train station. There were no sign posts and so I began walking away from the main road and towards the hills at some distance. There was no traffic except for a lonely motorcycle that I managed to stop. I was indeed on my way to the lake, the young girl on the motorcycle informed me. I should cross the golf course up there, she pointed to a lonely house in the distance, and then it should be about fifteen to twenty minutes to walk. In the end, it was closer to forty minutes a thoroughly pleasurable walk on this most beautiful autumn day.
Except for a car that stopped and offered to drive me to the lake; I was pretty much the only person on the road. Mostly, it was totally still, no sounds, magic.