Wednesday, 25 October 2023

Palm Patterns

Santa Cruz do Sul, Brazil, 5 December 2021
Santa Cruz do Sul, Brazil, 9 December 2021
Santa Cruz do Sul, Brazil, 17 December 2021

Wednesday, 18 October 2023

Land der Pässe

Berninapass

Neben den beeindruckenden Fotos von Richard von Tscharner enthält dieser sehr ansprechend gestaltete Band erläuternde Texte einer Politikerin, eines Kunst- und Kulturhistorikers, eines Offiziers sowie eines Baukonzernchefs, Leuten also, die sich auf die eine oder andere Art mit den Alpen auseinandergesetzt haben und, so nehme ich an, sich vermutlich kenntnisreich dazu äussern. Obwohl mir bewusst ist, dass dies nicht einfach ein Fotoband, sondern ein historisches Werk ist (dem auch historische Karten beigefügt sind), beschränke ich mich hier auf die Fotos, und zwar darauf, was sie bei mir auslösen. Und: Je weniger ich weiss, desto eher können mich Bilder überraschen.

Doch natürlich nähere ich mich diesem Band mit einem Vorwissen, das so recht eigentlich mehr den Gefühlen zuzurechnen ist. Die erste Assoziation: Ich bin einige Jahre in den Bergen zur Schule gegangen, im Kloster Disentis, und litt darunter, dass man nur rauf und runter, doch praktisch nie geradeaus gehen konnte. Die zweite Assoziation: Zwei Kommentare meiner kubanischen Ex-Frau: Suiza es un país de curvas und En Suiza nunca se ve el horizonte. Die dritte Assoziation: Ich fühle mich durch die Berge eingezwängt.

Derart voreingenommen lasse ich die Bilder nun auf mich wirken. Dabei sehe ich auch ganz anderes als was ich selber zum Bild bringe. Insbesondere den Gotthardpass habe ich so noch nie gesehen. Je länger ich jedoch bei dieser Aufnahme verweile, desto mehr spüre ich eine Vertrautheit mit dieser Art von Gegend, die ich vermeine so auch bei der Überquerung der Anden (auf der chilenischen Seite) wahrgenommen zu haben.

Gotthardpass

"Es war eine grosse Freude, die mythischen Täler, die zu den Pässen führen. mitsamt ihren malerischen Dörfern zu entdecken oder wiederzusehen. Meine Reise durch die Schweiz hat mich zudem durch die verschiedenen Jahreszeiten mit ihrer vielfältigen Farbenpracht geführt", so Richard von Tscharner im Nachwort. Damit beschreibt er, was Fotografie auch sein kann: Ein Augenöffner. Und dies meint: Erst wer wirklich hinsieht, beginnt zu sehen.

Die Kamera sei ein Instrument, das sie das Sehen gelehrt habe, meinte die amerikanische Fotografin Dorothea Lange. Und so ähnlich geht es mir mit den Bildern in diesem Band: Ich sehe eine Schweiz, die ich so nicht kenne. Klar, einiges schon, doch ganz vieles eben nicht. Selbst bei Aufnahmen, auf denen ich viel Vertrautes sehe, entdecke ich immer wieder Verblüffendes, Neues und Unerwartetes.

Fotos zu betrachten, bedeutet, die Welt mit den Augen eines anderen zu sehen; eine Welt zu entdecken, die man bisher nicht kannte. "Schau, was ich gerade gesehen habe", wird ein Fotograf ausrufen, oder "Schau, was mir meine Augen gerade gezeigt haben", eine Fotografin. Dabei spielt das Geschlecht, so scheint mir, weniger eine Rolle als die Persönlichkeit.

Fotografien zeigen uns nicht die Welt, wie sie ist, sondern einen point of view, wie er zu einem bestimmten Zeitpunkt möglich gewesen ist. So zeigt mir Richard von Tscharner ein Acquacalda (Seiten 128/129), das ich nicht nur sehr eigen und originell finde (ich war auch schon vor Ort), sondern das bei mir Gefühle der Zuneigung auslöst. Warum? Nun ja, meine Gefühle fragen mich nicht nach meiner Meinung, manchmal sind sie so und manchmal anders. Doch als ich Zeit mit diesen beiden Acquacalda-Fotos verbrachte, wirkten sie so, wie ich sie gerade beschrieben habe.

Gute Naturfotografien zu betrachten verleitet einen auch immer zu fragen: Ist die Aufnahme so toll oder ist es das Abgebildete? Natürlich ist es beides, auch wenn die Kreativität der Natur derjenigen der Menschen bei weitem überlegen ist. Nur eben: Die meisten würden die kreative Natur ohne aufmerksame und geduldige Fotografen häufig gar nicht sehen.

Teufelsbrücke - Schöllenenschlucht

Bei einigen Bildern (wie etwa dem obigen von der Teufelsbrücke) wusste ich sofort, was ich vor Augen hatte, bei anderen wusste ich es nicht und fand es auch gar nicht nötig, es zu wissen, und bei noch anderen, wunderte ich mich, was ich da eigentlich vor Augen hatte. Wie bei vielen Fotografen sind auch bei Richard von Tscharner die Bildlegenden wenig aussagekräftig (Grimselpass {BE}, in Richtung Oberaar) und gelegentlich überflüssig (Mann allein auf einer Bergstrasse unterwegs). Wer mehr wissen will, muss zum Buchende vorblättern, wo er ab und zu aufschlussreiche Informationen darüber findet, wann und unter welchen Umständen eine Aufnahme zustande gekommen ist.

Eine Bildlegende ist mir aufgestossen. Da lese ich über einen Mann und eine Frau (vermutlich Asiaten), auf dem Nufenenpass von hinten beim Fotografien aufgenommen: "In sieben Tagen durch die Schweiz ...".  Weder erfährt man, ob der Fotograf die beiden kennt oder ob er mit ihnen gesprochen hat oder ob er einfach Vermutungen äussert. Andere Legenden sind ziemlich fantasielos, etwa ein Bild das Wolken prominent zeigt mit "Auf wolkigen Höhen" zu betiteln (auch weil auf vielen Aufnahmen Wolken zu sehen sind). 

Zu den für mich beeindruckendsten Bildern gehört der Staudamm Santa Maria am Lukmanierpass. "Unterhalb des erst 1968 fertiggestellten Staudamms Santa Maria, finden unzählige Ziegen nahrhaftes und frisches Weidegrass", informiert der Text dazu am Buchende. Ich war selber schon einige Mal auf dem Lukmanier, habe dort auch fotografiert, doch das absolut grandiose Bild, das Richard von Tscharner gesehen und gemacht hat, habe ich selber dort nicht gesehen.

Eine Zeitreise in die heutige Schweiz verspricht der Untertitel und das ist dieses Buch in der Tat, nicht zuletzt, weil im ersten Teil auch historische Aufnahmen zu finden sind, die bei mir den Eindruck von Ewigkeit hinterliessen. Auch diesbezüglich vermögen uns Fotografien zu täuschen, denn schliesslich wissen wir, dass alles in ständiger Veränderung begriffen ist.

Fazit: Eine eindrückliche, höchst willkommene visuelle (und damit emotionale) Horizonterweiterung, die einem eine gleichsam mythische Schweiz vor Augen führt, die sich einem nur erschliesst, wenn man sich Zeit dafür nimmt.

Richard von Tscharner
Land der Pässe
Eine Zeitreise in die heutige Schweiz
Scheidegger & Spiess, Zürich 2023

Wednesday, 11 October 2023

Peter Mathis: Berge

Meine Reaktion beim ersten Durchblättern: Magisch! Gefolgt von dem Gedanken: Einige der Bilder sehen ähnlich aus, wie Bilder meiner Handy-Kamera, und das meint: Nicht so, wie es mein Auge wahrnimmt. Nun gut, was man mit blossem Auge und was man durch eine Kameralinse sieht, ist immer etwas anderes. Doch das ist noch einmal eine andere Geschichte. Hier will ich dies sagen: Mir scheint, die Kamera des Peter Mathis macht aus dem, was sich vor der Kamera befunden hat, etwas Anderes, Neues. Diese Fotos bilden die Realität nicht ab, diese Fotos schaffen sie.

Natürlich kann ich das nicht mit Sicherheit behaupten, denn weder kenne ich Peter Mathis, noch ist mir die Art und Weise, wie er fotografiert, geläufig. Ein klein wenig weiss ich hingegen schon, weil er beschreibt, worum es ihm beim Fotografieren geht. "Ich mache das Bild genau so, wie ich es mir vorgestellt habe." Er fotografiert also das Bild in seinem Kopf.

Fotos bilden die Welt nicht ab, wie viele glauben, sie kreieren eine eigene, eine fotografierte. Das ist uns selten bewusst, da uns die fotografierte Welt real erscheint. Nur eben: Sie ist es nicht, denn sie reduziert eine dreidimensionale Realität auf zwei Dimensionen, zudem fehlen der fotografierten Welt sowohl die Geräusche als auch die Gerüche.

Die Bergwelt des Peter Mathis macht mich staunen, sie erfüllt mich mit Ehrfurcht. Der Gedanke an Kunst, die der Verfasser des Geleitwortes, Malte Roeper, mit diesen Aufnahmen verbindet, stellt sie bei mir hingegen nicht ein. Für mich sind Fotografen keine Künstler, auch wenn ich die Bilder, die sie machen, manchmal als Kunstwerke gelten lassen würde. Im Falle der Berg- und der Landschaftsfotografie ist jedoch für mich die Natur die Künstlerin; das Verdienst des Fotografen ist, dass er uns darauf aufmerksam macht.

Die Aufnahmen in diesem prachtvollen Band erfolgten in verschiedenen Teilen der Welt, bei einigen hat Peter Mathis beschrieben, unter was für Umständen und Wetterbedingungen sie entstanden sind. Mit diesen Informationen im Kopf betrachte ich die Bilder noch einmal anders als beim ersten Mal, als ich ohne Vorwissen die Fotos einfach auf mich habe wirken lassen. Jetzt glaube ich auch die Kälte, den Regen und den Wind wahrzunehmen.

Besonders angetan haben es mir die von Wolken umhüllten Gipfel. Und natürlich der Salar de Uyuni im bolivianischen Altiplano. Und dann das Matterhorn, das ich so noch nie gesehen habe. Und ... doch, Halt, Stopp, bevor ich hier noch alle anderen erwähne ...

Bücher haben bekanntlich ihre Zeit. Für Fotos gilt das genau so. Jedenfalls wirkten diese Aufnahmen bei jedem Betrachten wieder anders und neu, was natürlich auch von meinen Stimmungen abhängt. Was diese Bilder bei mir auch auslösen: Diese majestätische Natur ist so viel grösser als wir Menschen es sind, so viel beständiger und so viel unbegreiflicher.


Peter Mathi: Berge
Prestel, München°London°New York 2023

Wednesday, 4 October 2023

Das Buch der Abenteuer

Der erste Eindruck: Sehr schön gestaltet, im Schuber, was ich generell edel finde. Ein richtiges Buch also, ein Schmuckstück, weit mehr als nur ein simpler Gebrauchsgegenstand, und mit einem erhellenden Nachwort von Alexander Pechmann versehen, der die Autorin so charakterisiert: "Eine Frau, die sich nicht damit begnügte, eine von der Gesellschaft diktierte Rolle anzunehmen, sondern ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gestaltete und eine Literatur schrieb, die sich an ihren persönlichen Idealen orientierte."

Elinor Mordaunt ist das Pseudonym der 1872 in Cotgrave, Nottinghamshire geborenen und 1942 in Oxford verstorbenen Evelyn May Clowes, die bereits nach wenigen Zeilen meine Sympathie hat, weil sie da unter anderem die Notwendigkeit preist, arbeiten zu müssen, um zu leben. Ein Lob des Müssens, so selten wie hellsichtig!

Eine unruhige, neugierige, aufmerksame und gescheite Frau ist diese Elinor Mordaunt, die sich zuhause, umringt von ihren Büchern, glücklich und zufrieden fühlt, auch wenn es sie ständig nach dem Neuen und Unbekannten drängt, über das sie unter anderem sagt: "Unterwegs ist man nie wirklich glücklich, es ist die Erinnerung, die glücklich macht."

Das Buch der Abenteuer ist ein höchst unterhaltsames Buch, bei dem allerdings eine meiner Grundüberzeugungen – dass es universelle Werte gebe  stark ins Wanken kommt. "Auf den Kiriwina-Inseln – wo ich einige glückliche und unvergessliche Wochen als Königin herrschte – hielt man es irgendwie für unanständig, seine toten Verwandten von Würmern auffressen zu lassen, wo man doch diesen letzten Dienst ebenso gut selber leisten könnte, und noch dazu mit Gewinn; auf den Fidschis hingegen hielt man es sogar in den wildesten Zeiten des Kannibalismus für überaus unsittlich, seine Verwandten aufzutischen, selbst die angeheirateten."

Andere Länder, andere Sitten, heisst es bekanntlich. In Marseille, "ein Zauberort, ein Schmelztiegel des Fremdartigen, des Schönen und der Schurkerei. Das Tor zum Orient; der Orient selbst, nicht in grellen Ölfarben gemalt, sondern in unendlich sanften Pastelltönen, die andeuten und locken, lächeln, anzüglich grinsen, drohen, verzaubern", versuchte sie ein Frachtschiff zu erreichen, was jedoch gar nicht so einfach war, auch weil alle, die sie fragte, behaupteten, sie wüssten ganz genau, wo dieses Schiff auslief, obwohl sie keine Ahnung hatten.

Dass man in der Fremde Erfahrungen macht, die man zuhause, obwohl sie auch dort möglich wären, selten einmal macht, erlebte sie ebenfalls in Marseille, wo sie einen Friseur aufsuchte, der ihr mit einem Duftwasser auf der Spitze seines Zeigefingers über ihre Wimpern strich, so dass sich diese nach oben bogen. "Da bin ich nun eine Frau mittleren Alters und habe mir noch nie die Wimpern formen lassen; ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass man meine Wimpern formen kann. Allzu viele Dinge werden einem erst viel zu spät im Leben bewusst."

Reisen bedeutet ja nicht zuletzt, Vergleiche mit dem Vertrauten und Gewohnten anzustellen. An Bord des Frachtschiffs auf dem Weg nach Guadeloupe stellte sie fest: "Es wird unaufhörlich geredet, gelacht und laut disputiert, niemand scheint zu murren, und ich glaube, dass andere Nationen ihrer schlechten Laune, die bei uns zur Verbitterung führt, Luft machen, indem sie laut schreien und wild gestikulieren, ohne dass etwas passiert."

Wer Panama besucht, wird auch den Kanal aufsuchen, deren eine Seite damals zur Republik Panama gehörte und 'nass' war, und deren andere Seite zur United States Canal Zone gehörte und 'trocken' war. Wie Elinor Mordaunt die beiden Seiten beschreibt, sagt einem mehr über die Amis bzw. die Panameños als viele noch so gescheite Bücher. Das liegt daran, dass sie es versteht, die Wirklichkeit gleichsam sinnlich erfahrbar zu machen

Elinor Mordaunt führt ihre Reise über die Karibik und Französisch-Polynesien nach Samoa, Tonga, Fidschi und schliesslich hach Sydney. Dabei lehrt sie einen das Staunen. So notiert sie über das Grün Tahitis: "Ich bin nun alt genug, um gelernt zu haben, nicht viel zu erwarten, und daher hätte ich niemals etwas erwarten können, das jegliche Erwartung im strahlenden Glanz der späten Nachmittagssonne übertrifft." Den Regen in Navua charakterisiert sie so: "Es regnete die ganze Nacht, als wäre direkt über uns einem Wassertank der Boden weggebrochen ...".

Es ist Elinor Mordaunts Lebensneugier, die dieses Buch auszeichnet. Und ihr Abenteuergeist, von dem sie schreibt: "Er hat nichts mit der Seele zu tun, die zur Religion gehört; obwohl es sich auch um eine Religion handelt, nämlich die derjenigen, die unablässig nach den schönsten und stärksten Erlebnissen suchen." Und natürlich ihr englischer Humor – es liegt lange zurück, dass mich ein Buch so zum Lachen gebracht hat.

Fazit: Vergnüglich und instruktiv.

Elinor Mordaunt
Das Buch der Abenteuer
mareverlag, Hamburg 2023

Wednesday, 27 September 2023

Fotografie im Journalismus

Wer glaubt, der Mensch sei ein vernunftgesteuertes Wesen, irrt gewaltig. Unter anderem lässt sich das auch an der Fotografie im Journalismus zeigen, wo der Bildanteil zunimmt, die Zahl der Bildredakteure abnimmt und festangestellte Fotografen in Redaktionen immer seltener werden. Absurder geht kaum, doch der Grund ist offensichtlich: Die Kosten. So recht eigentlich besteht der Irrsinn unserer Zeit darin, dass den meisten das Kostenargument einleuchtet. Und dass kaum jemand Zweifel daran hat, dass interessengeleitetes Geschäftsgebaren sinnvoll ist. Denkbar wäre natürlich auch, dass man sich der Sache verpflichtet orientiert und dabei Anstand und Moral nicht vergisst.

Der Fotojournalismus zeichnet sich dadurch aus, dass Foto und Text zusammengehören, was meint: aufeinander Bezug nehmen, sich ergänzen. Das zumindest ist das Ideal. In der Praxis sehe ich ihn selten, dort herrscht die Fotografie im Journalismus vor. Eine Unterscheidung, auf die Felix Koltermann zu Recht Wert legt.

"Von Oktober 2019 bis Oktober 2022 habe ich am Studiengang 'Visual Journalism and Documentary Photography' an der Hochschule Hannover ein Post-Doc-Forschungsprojekt über bildredaktionelle Praktiken im digitalen Zeitungsjournalismus geleitet", schreibt Felix Koltermann in seiner Einleitung zu Fotografie im Journalismus, das zum Ziel hatte, "zu verstehen, wie in den Redaktionen die Arbeit am Bild vonstatten geht und wie das publizierte Ergebnis dazu in Beziehung steht." Die in diesem Band vorgelegten Ergebnisse stammen hauptsächlich aus Interviews, Ortsbesuchen sowie von Bildkritiken. Ich will hier auf die Interviews etwas näher eingehen.

Es kommen insgesamt "zehn Personen zu Wort, die auf die eine oder andere Art und Weise Teil des Prozesses journalistischer Bildkommunikation sind. Die Gespräche drehen sich um die Frage, wie und an welcher Stelle die Einzelnen an diesem Prozess partizipieren und was deren Sicht auf zeitgenössische Fragen der Bildpublizistik ist." Dabei erfährt man unter anderem, dass heutzutage so recht eigentlich alles von den Kosten getrieben wird – was vermutlich niemanden wundert.

Zu den Fragen, die mich speziell interessierten, gehörte: "Was zeichnet gute Bildredakteur*innen aus?" Die Antworten darauf fand ich jedoch wenig ergiebig bzw. arg pauschal. Interesse am Weltgeschehen wie auch am Bild, vielfältige Erfahrungen und so weiter. Dazu gehört natürlich auch die Fähigkeit, das jeweils passende Bild zu finden, doch was dieses ausmacht, hat sich mir nicht erschlossen. 

Qualifiziert sollten die Bildredakteure sein, lese ich immer wieder. Ein Hochschullehrer spricht sich für Qualitätsjournalismus aus, doch abgesehen davon, dass er die New York Times erwähnt (die dem Florida-Golfer fast täglich eine Plattform gibt, wie übrigens auch Fox News), erläutert er nicht, was darunter zu verstehen ist – und Autor Koltermann fragt auch nicht nach. Zugegeben, Qualität zu definieren ist nicht einfach, doch man hätte diese ja auch mit konkreten Beispielen illustrieren können.

Konkret wird hingegen der Vorsitzende der Fachgruppe Bildjournalismus des bayerischen Journalisten-Verbandes, Thomas Geiger, der die fehlende Authentizität mit einem Artikel aus der Lokalzeitung illustriert, der "mit einem Adobe-Stockfoto mit asiatischen Kindern und einer asiatischen Lehrerin" bebildert war. Eine solche Praxis ist nicht nur hirnlos, sondern auch gefährlich, denn, so Sabine Pallaske, Vorsitzende der Mittelstandsgemeinschaft Fotomarketing: "Die Beliebigkeit von Agentur- und Symbolbildern trägt zu Beliebigkeit der Medien bei."

Besonders aufschlussreich fand ich das Gespräch mit der Bildredakteurin Maritta Iseler zum Thema "Schlagworte müssen das Bild auffindbar machen", das Autor Koltermann mit der schönen Bemerkung einleitet: "Es klingt paradox, aber ohne Text findet man keine Bilder". Die Datenbanksuche, so lerne ich, muss von Überlegungen zu Sinn und Zweck geleitet sein. "Wie soll ein Thema bebildert sein? Was will ich auslösen, was will ich damit sagen?" Wichtig ist unter anderem, dass die Verschlagwortung korrekt ist, auch unter ethischen Gesichtspunkten. Nicht nur der Kontext, sondern auch die Bildlegenden geben vor, wie ein Bild gelesen werden soll.

Fotografie im Journalismus regt dazu an, sich mit Pressebildern auseinanderzusetzen. Das ist vor allem deswegen vonnöten, da wir mittlerweile in Bildern geradezu ersaufen. Das Resultat ist: Wir lassen uns von Gefühlen dominieren, denn Bilder lösen zuallererst Gefühle aus. Sich den Bildern nicht einfach auszuliefern, verlangt, sich auch des eigenen Verstandes zu bedienen. Dazu liefert dieses Buch nützliche Beiträge.

PS: Bei der Lektüre ist mir auch immer wieder mein Thesis-Supervisor an der School of Media, Journalism and Cultural Studies der Universität Cardiff, Daniel Meadows, durch den Kopf gegangen, der auf meine Frage, ob ein Bildredakteur eigentlich technische Kenntnisse brauche, meinte, der seiner Meinung nach beste britische Bildredakteur könne bei einer Kamera kaum vorne und hinten unterscheiden. Was er jedoch habe, sei ein gutes Auge. Und natürlich auch alles andere, was einen guten Journalisten letztlich ausmacht: Neugier sowie die Fähigkeit, zu denken.

Felix Koltermann
Fotografie im Journalismus
Bildredaktionelle Praktiken in Print- und Online-Medien
Herbert von Halem Verlag, Köln 2023

Wednesday, 20 September 2023

Vernetzt heisst angreifbar

Dass wir überwacht werden, wissen wir; dass wir es den Überwachern leicht machen, ja, ihnen sogar behilflich sind, uns überwachen zu können, wissen wir auch. Irgendwie. Doch wirklich wissen tun wir es nicht, jedenfalls bin ich mir dessen nur selten bewusst. Und Konsequenzen hat es kaum. Zugegeben, ich rede von mir. Und so war ich denn auch höchst erstaunt, als ich las, was Mikko Hyppönen über Spam berichtete.

Meine Ausgangslage: Spam wird ignoriert. Auf keinen Fall soll auf eine Spam-Nachricht reagiert werden. Mikko Hyppönen und ein ihm bekannter Journalist beschlossen hingegen eine Reihe von Testkäufen zu machen. Sie würden in den Spam-Nachrichten beworbene Produkte kaufen und abwarten, was geschah. "Wir wollten auch testen, ob die für die Spam-Käufe benutzte Kreditkarte missbraucht würde und ob die E-Mail-Adresse auf anderen Spam-Listen landen würde."

Das Resultat überraschte die beiden (und mich sowieso): Sie bekamen, wofür sie bezahlt hatten. Die Kreditkarten gerieten, trotz Sicherheitsmängel auf der Spam-Internetseite, nicht in falsche Hände. Auch erhielten sie keine weiteren Spam-Nachrichten an die von ihnen angegebene E-Mail-Adresse.  

In den Anfängen des Internets tauchte auch Brain.A, das erste PC-Virus der Welt auf. Zum 25jährigen Jubiläum von Brain.A kontaktierte Mikko die Autoren des Brain-Virus und fragte an, ob sie sich treffen könnten. Ja, das sei möglich, erhielt er zur Antwort und machte sich nach Lahore, Pakistan auf, wo die drei Autoren lebten und arbeiteten. Die sehr gelungene Schilderung dieser Reise und dieser Begegnung allein, lohnt dieses Buchs.

Der Faktor Mensch, also wir alle mit unseren Voreingenommenheiten, die sich an dem orientieren, was wir kennen bzw. zu kennen glauben, treibt gelegentlich eigenartige Blüten. So wissen wir zwar, dass es keine gute Idee ist, für alle Dienste dasselbe Passwort zu benutzen – und tun es trotzdem. Und: "Ganz egal, wie oft du deinen Nutzern sagst, sie sollen nicht jeden E-Mail-Anhang öffnen, sie tun es typischerweise trotzdem." Weshalb denn auch Mikko Hyppönen rät, sich an sein Gesetz, das Hyppönen-Gesetz zu halten:  "Wenn es smart ist, ist es angreifbar." Oder: "Was vernetzt ist, ist angreifbar."

Mikko Hyppönen schreibt in diesem Buch von seinen 30jährigen Erfahrungen im Bereich der Informationssicherheit. Von den Anfängen des Internets über die Geschichte der Malwares bis zu Kryptowährungen und Cyberwaffen. Auch an Zukunftsvorhersagen wagt er sich – und er warnt.

 "Strafverfolgungsbehörden nutzen immer stärker Big Data, um vorherzusagen, wo und wann eine Straftat begangen werden wird. Das richtige Abwägen von Daten ist ein erhebliches Problem für alle KI-Systeme und führt zu eindeutigen Fällen von algorithmischem Rassismus. Die Systeme sagen oft voraus, dass Mitglieder von Minderheiten am ehesten Schwerverbrecher sind, wie der Strategic Subject Algorithm gezeigt hat, den das Chicago Police Department seit Jahren testet."

Viele von uns verbringen heutzutage fast mehr Zeit online als offline; ein Leben ohne Google ist für die meisten unvorstellbar.  *Google wird zwar häufig als Suchmaschine betrachtet, ist aber in Wirklichkeit die grösste Werbeagentur der Welt." Mit einem Gedächtnis, das nicht vergisst.

"In den Anfängen des Internets warnten Eltern ihre Kinder davor, das zu glauben, was sie dort sahen. Heute, wo das Internet zum Alltag gehört, scheinen Kinder Lügen im Internet viel besser zu erkennen als ihre Eltern." Was vernetzt ist, ist angreifbar ist reich an solch nützlicher Aufklärung.

Mikko Hyppönen
Was vernetzt ist, ist angreifbar
Wie Geheimdienste und Kriminelle uns im Netzt infiltrieren
Wiley, Weinheim 2023

Wednesday, 13 September 2023

Die Erinnerungsfotografen

Der erste Eindruck: Das ist ein klassisch japanisch schön gestaltetes Buch, das Cover und die rosa Schnittverzierung haben mich unmittelbar angesprochen.

Worum geht's? Herr Hirasaka betreibt ein Fotostudio an der Schwelle zum Jenseits, im Grenzbereich zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten. Hier zählen nur die Erinnerungen.

Hatsue ist zweiundneunzig und soll nun zweiundneunzig Fotos auswählen und anhand dieser zurück auf ihr Leben schauen. Eine faszinierende Idee, denn was anderes ist unser vergangenes Leben als eine Erinnerung? Und was könnte sie besser auslösen als ein Foto?

Neben Hatsue, die in jungen Jahren als Kinderbetreuerin gearbeitet hat, treten noch zwei weitere Personen auf: Herr Shohei Waniguchi, ein Yakuza, der mit einem Schwert erstochen, und Mitsuru, ein Mädchen, das von seinen Eltern missbraucht und zu Tode geprügelt worden war.

In dem Zwischenreich, in das die drei eintreten, können sie Erfahrungen machen, die ihnen in ihrem vorherigen Leben verwehrt waren. So wagte es einst niemand, Waniguchi zu nahe zu kommen, jetzt aber spazierten diese Leute einfach durch ihn hindurch. Mich erinnerte das auch an Hanno Kühnerts Roman Handbuch für Verstorbene, worin die Toten nach wie vor unter uns weilen, allerdings unsichtbar und mit nur einem Zehntel ihres ehemaligen Gewichts. Hirasaki erklärt: "Wenn Sie so wollen, sind wir beide jetzt nur noch Seelen. Wir sind nun substanzlose Wesen."

So faszinierend ich die Vorstellung einer solchen Zwischenwelt finde, mein Interesse an diesem Buch gilt der Fotografie. Und so habe ich zuerst einmal gestutzt, denn unter Erinnerungsfotografen konnte ich mir nicht wirklich viel vorstellen. Was, zum Beispiel, soll sie von Fotografen unterscheiden? Und überhaupt: Fotos dienen doch generell der Erinnerung.

Überaus spannend wird Mitsurus fotografische Herangehensweise geschildert. "Sie richtete die Kamera darauf. Das musste eine Mistel sein. Drei Vögel zogen in einer Reihe über den strahlend blauen Himmel. Mitsuru schaute ihnen nach. Sie hielt inne und lauschte ihren Rufen. die scharf durch die klare Luft hallten. Erst jetzt fiel ihr auf, dass um sie herum ganz unbemerkt und bescheiden die ersten Wildkirschen blühten. Wieder setzte sie die Kamera an. Sie wollte es einfangen, das weiche, diffuse Leuchten der Sakurablüten im blauen Morgenhimmel. Sie betätigte den Auslöser, klick."

Die Schilderung zieht mich auch deshalb an, weil es das Fotografieren als das zeigt, was es selten ist, aber eben auch sein kann. Ein Aufmerksamwerden für den Augenblick. Meistens ist das Fotografieren etwas ganz anderes. Der Fotograf weiss, was er will und macht sich dann auf die Suche nach dem Bild, das er bereits im Kopf hat. Mitsurus Fotografieren ist das genaue Gegenteil: Sie lässt sich von dem leiten, was auf ihrem Weg liegt.

In diesem Buch geht es jedoch weniger um Fotos, sondern um die Möglichkeit, in die Vergangenheit zu reisen und das Foto, das seine Besucher ausgewählt haben, noch einmal neu aufzunehmen. Ihnen wird also erlaubt, etwas anderes zu sehen, als sie damals gesehen haben. Mit anderen Worten: Ein Foto zeigt immer etwas, das im selben Moment auch ganz anders gesehen werden kann.

Sanaka Hiiragi
Die Erinnerunsgfotografen
Hoffmann und Campe, Hamburg 2023