Die Erinnerungen an das "Familienmitglied" Eva Kemlein von Jenny Erpenbeck, die diesen Band einleiten, sind ungemein sympathisch, auch natürlich, da Eva Kemleins Einsichten Jenny Erpenbecks Leben mitgeprägt haben. Im Gegensatz dazu stehen die üblichen "Bedeutungszuschreibungen", die Bücher über Fotografie prägen. So glauben die Autorinnen selbst im Hundenamen Ouzo ("Alle meine Hunde hatten Schnapsnamen", so die Fotografin) darüber Hinausweisendes zu erkennen: "Der Name erinnert an eine längst vergangene Zeit." Vielleicht doch eher einfach an das griechische Nationalgetränk. Obwohl: Die Autorinnen weisen eingangs auch auf Wesentliches hin. Etwa, dass Eva Kemlein sich nicht als Künstlerin sah ("zu viel Technik dazwischen"). Und sie heben ihre Haltung hervor: "So wie's ist, bleibt's nicht. Und das ist das Interessante!" Es gehört zum Wesen der Fotografie, dass das, was sie zeigt, so nicht mehr existiert.
Der Fotografie, und nicht etwa dem fotografischen Handwerk, eignet etwas Magisches. So gelingt es ihr auch immer wieder, unseren Sehnsüchten Ausdruck zu verleihen. Und so verstehe ich auch den Titel "Sie verlieh dem Augenblick Dauer", denn so recht eigentlich sind ja auch Fotografinnen der Natur unterworfen und haben so ziemlich gar keinen Einfluss auf die Zeit und deren Ablauf.
Wie jede Biografie, so ist auch Sie verlieh dem Augenblick Dauer wesentlich Fiktion, schliesslich ist schon das, was wir erinnern, eine recht willkürliche Auswahl dessen, was vorgefallen ist. Erinnert sei auch an das russische Sprichwort: Er lügt wie ein Augenzeuge. Die Autorinnen tragen dem durchaus Rechnung, deklarieren als Vermutungen, was sie als solche wahrnehmen.
Mit ihrem Mann, Herbert Kemlein, wandert Eva, geborene Graupe, 1933 nach Griechenland aus, wo er als Journalist Reiseberichte verfasste, die sie nach und nach auch bebilderte. Auf Betreiben von Herberts Mutter (die NSDAP hatte von dieser Mischehe erfahren), lassen sich die beiden scheiden, wollten aber vorerst weiter zusammenleben. Das ist alles ansprechend und nachvollziehbar geschrieben, doch will ich hier nicht das Leben von Eva Kemlein nacherzählen. Vielmehr interessieren mich Ihre Tätigkiet als Fotografin sowie ihre Fotografien, von denen sich allerdings nur wenige und im Kleinstformat abgebildet finden.
Anfang des 19ten Jahrhunderts spielte besonders die Porträtfotografie eine Rolle. Vor allem in Wien, aber auch in Berlin hatten sich zahlreiche jüdische Frauen einen Namen gemacht. "Im Juni 1942 musste Eva Kemlein ihre fotografische Ateliereinrichtung abgeben: eine Reisekamera, ein Holzstativ. Leuchten, mehrere Dunkelkammerlampen und diverses fotografisches Zubehör. Die kleine Leica, die ihr der Vater 1930 geschenkt hatte, behielt sie jedoch."
Sie wird zur Zwangsarbeit aufgeboten, taucht später, zusammen mit Werner Stein, unter. Ihre Mutter wird verschleppt; viele, denen die Deportation drohte, brachten sich um; und auch vor Juden mussten sich die Juden, drohender Denunziationen wegen, in Acht nehmen. Erica Fischer und Simone Ludwig-Winters informieren eingehend und aufklärend über die damalige Zeit. Allerdings bin ich, als gleichsam ahistorisch angelegter Mann (für mich ist Geschichte weitestgehend Fiktion) gänzlich ungeeignet, ein Werk, in dem vor allem die Geschichte im Vordergrund steht, zu würdigen.
Da es für mein Dafürhalten nichts Blöderes gibt, als ein Rezensent, der den Autorinnen vorwirft, nicht das Buch geschrieben zu haben, das er sich erwartete (die Fotografie, obwohl der Buchtitel etwas anderes suggeriert, kommt in diesem Buch nur am Rande vor), werde ich das selbstverständlich unterlassen.
Nach dem Krieg "entstanden Tausende Fotos von unnachahmlicher Eindringlichkeit, die illustrieren, wie die Überlebenden und Davongekommenen ihr Leben bewältigten und so etwas wie Hoffnung aufkeimte: Ein Mann und eine Frau beim Einsammeln von Stahlhelmen, die auf einem grossen Haufen im Hinterhof eines Hauses lagern und aus denen findige Berliner Kochgeschirr herstellten. Frauen und Männer in Gummistiefeln trocknen die Tümpel und Kanäle im Berliner Tiergarten aus, um Epidemien vorzubeugen. Zwei Jugendliche, ganz amerikanisch mit Brillantine im Haar gestylt, am Schwarzmarkt an der Friedrichstrasse, einer bietet dem anderen, der scheu in die Kamera lächelt, eine Lucky Strike an (S. 133) ... und und und ...". So verdienstvoll es ist, diese Aufnahmen detailliert zu beschreiben, dass kaum eine davon gezeigt wird, ist mir unverständlich. Habe ich da was überlesen?
"Ihre Herangehensweise an die Menschen, die sie fotografierte, war stets von Respekt getragen, man sieht es ihren Fotos an: 'Wenn die Menschen spürten, dass keine Schaulust dahintersteckte, wenn sie das Engagement bemerkten, dass eine Art Hilfe über das Foto angeboten wurde, waren sie immer bereit, sich fotografieren zu lassen.'" Ich kann das zwar gut nachvollziehen, doch dass man Fotos ansehen kann, dass sie von Respekt getragen seien, ist Unsinn. Fotos, diese zweidimensionalen Verkürzungen einer dreidimensionalen Realität, die weder klingen noch riechen, können das schlicht nicht.
Und noch dies: Dass eine Auseinandersetzung mit Eva Kemleins Fotografien nicht stattfindet, ist schon fast typisch, denn die meisten Fotobücher bzw. Biografien von Fotografierenden erzählen Geschichten ums Bild herum oder interpretieren Dargestelltes – und sagen so recht eigentlich vor allem etwas über die Interpretierenden selber aus, und nicht darüber, was die Bilder zeigen.
Erica Fischer
Simone Ludwig-Winters
Sie verlieh dem Augenblick Dauer
Die Fotografin Eva Kemlein
Berlin Verlag, München 2026


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