Wednesday, 25 August 2021

Magnum 2020

©Alessandra Sanguinetti’s daughter Catalina

„Was it (2020) the end of something? The start of something else? Or merely a blip in an increasingly chaotic and fast-changing world?“ asks Magnum President Olivia Arthur in her foreword. „The jury is still out“, the press release says. „But this book commits the year to paper and offers a means for us to try and make sense of it.“

This book commits the year to paper? Really? I don't think so for that is impossible.. What it does instead is to offer personal views of photographers that belong to the Magnum co-operative that has made itself a name covering many of the world's major events and personalities since the 1930s. In documentary photography, to be a Magnum photographer is considered a badge of honour.

The views presented in this tome are very varied. And, as it is customary in documentary photography, sometimes the words that accompany the pictures are more important than the pictures because without them you would often not know what you are looking at.

However, at times a caption is so utterly confusing that, sadly, it isn't of much help. Take Antoine d'Agata's shot of the silhouette of a mask wearing person (I'm not sure whether it shows a man or a woman) laying on the ground, followed by many very small photos that supposedly show medical personnel treating patients. The series is entitled VIRUS, so I assume that these must be Covid-19 victims I'm looking at; the caption lists numerous places from Maison de Santé Protestante de Bordeaux – Bagatelle to Clinique Mobile, Mission France – Médecins sans Frontières – Paris. I presume these are the locations where these shots were taken. As far as I'm concerned, this isn't exactly a convincing way to illustrate what Covid-19 is doing to us for it leaves too much to our imagination and interpretation respectively. I was much more impressed by Nanna Heitmann's „Hospital 52, Moscow, Russia, 2020“ that compellingly demonstrates our helplessness. 

For the full review, see here

Wednesday, 18 August 2021

The stories behind the pictures

10 July 2021

While I was taking this pic (between Wangs and Vilters, in Eastern Switzerland), I all of a sudden heard a voice behind me mumbling something I at first could not understand. When I turned around, I spotted an old man (older than me, that is) on a bike, smiling: "The smell you cannot photograph." Obviously, the cow manure in the air was foremost on his mind. And now, needless to say, on my mind too.
10 July 2021

10 July 2021

When approaching Vilters, a noisy flock of birds in a stunning formation flew above my head. For quite some time I tried to place the perfect shot ... and failed miserably. They were simply too fast for me. And so, finally, I gave up and enjoyed watching them taking off from the roof of a nearby farm and flying some rounds before returning to their roof. A few minutes later, they started off again and did a few rounds more. And then again and again ... They impressed me deeply ... and I am sure they knew it ...

Wednesday, 11 August 2021

Gregors Pläne

Machen wir eigentlich jemals etwas anderes als Pläne?, fragt sich der Ich-Erzähler Gregor, ein sensibler Besserwisser, dessen Leben aus nichts anderem zu bestehen scheint. Die vorliegende Collage, in der sich Aufenthalte in fremden Kulturen mit Überlegungen zur Sucht, zur Fotografie und zum Loslassen abwechseln, berichtet vom Festklammern an der Idee, das Leben sollte gefälligst so sein, wie man das gerne hätte.

Pläne Machen, Sucht und Fotografie, wie geht denn das zusammen? Alle drei sind so recht eigentlich nichts anderes als der Versuch, Halt und Orientierung im Leben zu finden. Wir klammern uns an unsere Pläne, die uns die Illusion der Kontrolle verschaffen, an unsere Süchte, die uns vor unseren Gefühlen schützen und an die moments in time, von der uns die Fotografie glauben lässt, dass es sie gibt.

Gregors Pläne ist ein fiktives Werk, das einerseits von der Suche nach der idealen Arbeitsstelle berichtet, und sich andererseits mit der Frage auseinandersetzt, ob wir mit unserem beständigen Streben nach Stabilität und Sicherheit nicht einer grandiosen Illusion aufsitzen, die so recht eigentlich ein veritabler Selbstbetrug ist.

Sich wirklich aufs Leben einzulassen, dies die Folgerung aus Gregors Monolog, bedeutet loszulassen, von allem, inklusive unserer Vorstellungen und Ideale. Doch wollen wir das? Und falls ja, wie geht das? The readiness is all sagt Horatio in Hamlet.

Hier eine Leseprobe

Hans Durrer

Gregors Pläne
Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern
neobooks, München 2021

Wednesday, 4 August 2021

Fotografie lehren und lernen

Mein eigener Zugang zur Fotografie ist rein intuitiv: Warum mir ein Bild gefällt, interessiert mich wenig; mein Bedürfnis nach Rationalisierung ist beschränkt. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass Goethes Diktum, "Man sieht nur, was man weiss" (In meiner Fassung: Wir können nur er-kennen, was wir kennen) meine Bildwahrnehmung bestimmt, weshalb mir denn die vielfältigen Informationen in diesem Buch sehr willkommen sind.

Erfunden wurde die Fotografie im Jahr 1839; als ihre Erfinder gelten Louis Jacques Mandé Daguerre und Willam Henry Fox Talbot. "Vom Verfahren her sind die ersten fotografischen Systeme sehr unterschiedlich: Daguerreotypen sind nicht veränderbare Unikate auf versilberten Kupferplatten, die eine ausserordentlich feine Wiedergabe der Details zeigen. Talbotypen (auch Kalotypen genannt) sind dagegen weniger detaillierte und recht grobkörnige Papiernegative, die aber reproduziert werden können."

Schon bald kristallisierte sich heraus, worüber auch heute noch gestritten wird: Ist Fotografie eine Kunstform?, wie die Piktorialisten meinten, oder ist es die Wirklichkeitsnähe, welche die Fotografie wesentlich ausmacht?,  so die Auffassung der 'Straight Photography'.

Autor Marin Zurmühle, gelernter Architekt ETH (kein Wunder, arbeitet er auch in seinen Fotolehrgängen mit Modellen), betreibt seit 2002 ein Fotostudio und eine Fotoschule in Ebikon; zudem ist er als Studiengangleiter der Höheren Fachschule für Fotografie in Baden (Schweiz) im Einsatz. Sein Fotografie lehren und lernen ist wesentlich eine Anleitung für Lehrer und Schüler, kurz und gut: Ein Lehrbuch.

Menschen, die pädagogisch unterwegs sind, ist eigen, dass sie recht klare Auffassungen von richtig/falsch bzw. gut/schlecht haben. Das hat Vorteile, ist jedoch nicht unproblematisch, da Auffassungen (wie alles andere auch) naturgemäss dem Wandel unterliegen. Wie will man etwa die Qualität von Fotografien beurteilen? Martin Zurmühle hat dazu das Doppelte Dreieck entwickelt. Das äussere Rahmendreieck besteht aus Motiv, Idee und Zeitgeist (die subjektive Seite); das Kerndreieck aus Technik, Komposition und Wirkung (die objektive Seite).

Ich finde dies ein hilfreiches Modell, auch wenn ich, was die Wirkung, die der Autor zur objektiven Seite zählt (!), angeht, so meine Zweifel habe, wie man denn diese messen will. "Bleibt ein Bild im Gedächtnis haften?", gehört jedenfalls zu den Kriterien, die niemand, der halbwegs bei Verstand ist, beantworten kann, ein grösseres Mysterium als die Erinnerung gibt es kaum.

Jeder kann ein gutes Bild machen, sogar ein Schimpanse. Stimmt, sagte der Fotograf David Bailey einmal, doch ich kann zwei gute Bilder machen. Martin Zurmühles zeigt mit diesem Lehrbuch, dass Fotografieren nicht einfach nur eine Begabung ist (das ist es natürlich auch), sondern sowohl gelehrt als auch gelernt werden kann. Dabei gilt es unter anderem, sich mit Linien, Flächen, Farben und Kontrasten auseinanderzusetzen. Eine überaus gelungene Illustration eines Hell-Dunkel-Kontrasts zeigt des Autors Aktaufnahme aus Lanzarote (auf Seite 15).

Es versteht sich: je intensiver man sich mit einer Sache auseinandersetzt, desto wahrscheinlicher ist, dass man Aspekte wahrnimmt, die einem flüchtigen Betrachten entgehen. So kann etwa gestalterisches Können durch Bildbesprechungen gefördert werden, die nicht nur dem Lehrer erlauben, Feedback zu geben, sondern den Teilnehmern auch Vergleiche mit den Arbeiten anderer ermöglichen.

Ist Fotografie Kunst, der Fotograf ein Künstler? Treffend formuliert Martin Zurmühle: "Wohl nirgends sonst in der Kunstwelt klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie in der Fotografie." Seine Auffassung, dass es nicht der Fotograf ist, "der festlegt, ob ein Bild ein Kunstwerk ist, sondern der Betrachter, Käufer, Galerist, Sammler, Kunstkritiker oder das Museum", teile ich hingegen nicht. Siehe dazu auch hier.

 Fotografie lehren und lernen ist ein Buch, das sich an Praktiker richtet. Dass ein Fotograf sein Handwerk beherrscht, darf erwartet werden, doch genügt das heutzutage, wo vor allem zählt, dass man sich zu verkaufen weiss, nicht mehr.  Da die Bilder des Fotografen häufig im Rahmen des Designs verwendet werden, ist es wichtig, "dass er die Bedürfnisse und Anforderungen des Designs kennt, damit er die richtigen Bilder liefern kann." Auch dem "Fotograf als Unternehmer" ist ein Kapitel gewidmet.

"Mit 52 Übungen für die fotografische Praxis" lautet der Untertitel. Wie bei jedem Lernen, geht es auch bei diesem ums Üben. Und dazu leitet dieses Werk an. Fotografie lehren und lernen ist ein leserfreundlich gestaltetes und überaus instruktives Buch für alle, die das Fotografieren lernen wollen, und eignet sich ganz besonders für die, die es zum Beruf machen wollen.

Martin Zurmühle
Fotografie lehren und lernen
Mit 52 Übungen für die fotografische Praxis
Vier-Augen-Verlag, Luzern 2021

Wednesday, 28 July 2021

Im Unterland

Wir schauen zwar gelegentlich zu den Sternen hoch, doch Gedanken zu dem, was sich unter uns, im Boden befindet, machen wir uns selten bis gar nicht. Zugegeben, ich rede von mir. Einer, der sich darüber nicht nur Gedenken macht, sondern die Welt unter der Erde erkundet, ist Robert MacFarlane. Doch er tut dies nicht allein, sondern wird angeleitet. Etwa von seinem Freund Sean, der Imker, Höhlenkletterer, Wanderer und Dichter ist. Mit ihm will er die Mendip Hills, eine Hügellandschaft südlich von Bristol und westlich von Bath erkunden. "Ich bin in die Mendip Hills gekommen, um zu lernen, wie man im Dunklen sieht."

Robert MacFarlane berichtet jedoch nicht nur von seinen eigenen Entdeckungsreisen, sondern auch von denen anderer. Etwa von der schlimmsten Episode der britischen Höhlenkletterei, die sich am 22. März 1959 ereignete, als der zwanzigjährige Philosophiestudent Neil Moss aus Oxford in einem engen Schacht steckenblieb. Oder von den Untersuchungen der kanadischen Forstökologin Suzanne Simard, die herausfand, dass es ein unterirdisches Netzwerk von Pilzen und Pflanzen gibt, auch "wood wide web" oder "Internet der Bäume" genannt.

Doch wie funktioniert dieses Internet der Bäume? Nach den Gesetzen des 'freien Marktes', also angetrieben von Konkurrenz, oder eher nach dem Prinzip des gegenseitigen Helfens und Unterstützens? "Ich habe beide Erzählungen satt", sagt Merlin, als wir den See verlassen. "Der Wald ist viel komplizierter, als wir es uns in unseren kühnsten Träumen ausmalen. Bäume produzieren nicht nur Sauerstoff, sondern auch Bedeutung. Wenn ich durch den Wald gehe, fühle ich mich wie eine winzige Figur in einem Mysterienspiel, das auf mehreren zeitlichen Ebenen stattfindet."

Unser Verhältnis zur Natur ist auch von der Sprache geprägt. In Potawatomi, einer Indianersprache aus den Great Plains geht die Kategorie des 'Lebendigen' weit über die üblichen Grenzen des westlichen Denkens hinaus. "Auf Potawatomi sind nicht nur Menschen, Tiere und Bäume lebendig, sondern auch Berge, Steine, Wind und Feuer."

Robert MacFarlane ist von einer schier unerschöpflichen Neugier geleitet und bringt viel Überraschendes zutage. So berichtet er etwa von dem Mann, der auf der Anatolischen Hochebene in eine unterirdische Stadt gestolpert war. Oder von der Einlagerung der Gebeine in den Katakomben von Paris. Oder dass, als die Deutschen Odessa während des Zweiten Weltkrieges einkesselten, ukrainische Partisanengruppen in den Katakomben zurückblieben  und von dort aus Angriffe starteten. Oder dass jede Stadt ihre unsichtbare Stadt hat – Tunnels, Rolltreppen, Keller, Schächte, Erdkabel etc.

Immer mal wieder staune ich, was es so alles gibt. Etwa die Subkultur des Urban Exploring, das der Autor als "einen abenteuerlichen Vorstoss in die bebaute Umgebung" beschreibt. Dafür braucht man unter anderem "Schwindelfreiheit, Freude an Verfallenem und Altem, eine Faszination für Infrastruktur, die Bereitschaft über Zäune zu klettern und Gullydeckel anzuheben" und und und. Diese Subkultur hat übrigens wiederum Subkulturen mit zahlreichen Spezialgebieten wie Bunkerologen, Gerüst- und Gebäudekletterer, Gleisläufer oder 'Kanalratten'" hervorgebracht.

Doch Robert MacFarlane präsentiert nicht einfach eine ziemlich exotische Gruppe von Leuten, die aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten stammen, unzufrieden und wenig folgsam unterwegs sind, er erzählt, neben seiner Faszination, auch von den unguten Gefühlen, die einige Aspekte ihres Tuns bei ihm auslösen.

In Italiens Nordosten, im slowenischen Hochland, in Norwegen und Grönland ist er unterwegs. Und in Bibliotheken. Was er mit Walter Benjamins Passagen-Werk erlebt, beschreibt so recht eigentlich die Erfahrung, die er mit der Welt unter der Erde macht. "Es hat keine Handlung im herkömmlichen Sinn, sondern Muster, Echos, Erinnerungsgeister und ineinander verwobene Subtexte. Beim Lesen fühlt man sich körperlos, knochenlos –¨imstande, die Zeit durch seine versteckten Katzenklappen, seine geheimen Durchgänge zu durchqueren."

Was mich ganz besonders für Im Unterland einnimmt, ist die persönliche und ausführliche Charakterisierung der Personen, mit denen Robert MacFarlane zu tun hat, denn dadurch erhält man eine Vorstellung davon, wer ihm die Informationen vermittelt, die er  präsentiert. Gleichzeitig macht er damit deutlich, wie individuell verschieden die Weltwahrnehmung ist. Und genau dies macht sie spannend.

Dieses Buch ist ein veritabler Augenöffner. Es zeigt mir Welten, derer ich mir nicht bewusst war, es macht mich aufmerksam auf eine Realität, die ich bislang gar nicht zur Kenntnis genommen habe. Im Unterland ist ein überaus faszinierendes Aufklärungsbuch, das uns wieder einmal deutlich macht, dass die Wirklichkeit um einiges spannender ist als unsere gängige Medienwelt uns weismachen will.

Robert MacFarlane
Im Unterland
Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde
Penguin Verlag, München 2021

Wednesday, 21 July 2021

Planetar denken

Der erste Eindruck. Ein clever gestalteter Umschlag, höchst ansprechende und gut platzierte Illustrationen.
"Kann es sein, dass wir immer  noch nicht weit genug denken?", lese ich im Vorwort – und bin gespannt, denn dass man Probleme nicht mir der Art Denken lösen kann, die diese Probleme hervorgebracht haben, wie Einstein bekanntlich meinte, liegt meines Erachtens auf der Hand. Nur eben: Sich vorzustellen, dass mit Planetar denken eine neue oder andere Art zu denken gemeint sein könnte, erweist sich bereits auf den ersten Seiten als Wunschdenken, denn da werden wie gewohnt haufenweise Akademiker zitiert, die zwar Bedenkenswertes und Nützliches geschrieben haben, doch die Erkenntnis, dass alles miteinander verbunden und wir Menschen nicht das Zentrum des Universums sind, das wusste ich bereits. Doch das Buch lohnt sich, sehr sogar. Weil es gut geschrieben ist. Und weil man gar nicht oft genug auf die darin formulierten Perspektiven aufmerksam machen kann.

Hier zwei Beispiele. Das erste vom Astronauten Edgar Mitchell, der den Blick aus einem Raumschiff schildert: "Man entwickelt hier oben spontan ein globales Bewusstsein, eine Zuwendung zu den Menschen, eine starke Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt und den Drang, etwas dagegen zu unternehmen. Von da draussen auf dem Mond sieht die internationale Politik so kleinlich aus. Du willst einen Politiker beim  Genick packen, ihn eine Viertelmillion Meilen hinaufziehen und ihm sagen: 'Schau dir das an, du Hurensohn.'"

 Das zweite Beispiel stammt von Suzanne Simard, einer kanadischen Forstwissenschaftlerin. "Kohlenstoff, Wasser, Nährstoffe, Alarmsignale und Hormone können durch diese  unterirdischen Kreisläufe von Baum zu Baum gelangen. Ressourcen fliessen in der Regel von den ältesten und grössten Bäumen zu den jüngsten und kleinsten. Von einem Baum erzeugte Alarmsignale bereiten Bäume in der Nähe auf Gefahren vor. Sämlinge, die von den unterirdischen Lebensadern des Baumes abgetrennt wurden, sterben viel häufiger als ihre vernetzten Gegenstücke. Und wenn ein Baum am Rande des Todes steht, hinterlässt er seinen Nachbarn manchmal einen erheblichen Teil seines Kohlenstoffs."

Der Planet Erde lässt sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten: von oben, von unten, als Teil des Universums. Überdies stand er nicht für ein und alle Mal fest, sondern veränderte sich im Laufe der Zeit. Insbesondere Abb. 18 zeigt schön, wie die Erde immer mal wieder eine andere geworden ist und auch künftig wieder eine andere werden wird. "Der Planet Erde ist kein solider Block, der sich menschenfreundlich entwickeln lässt, er bleibt Teil einer komplexen, fluiden und riskanten Biosphäre."

Was muss der Mensch auch zum Mond und Mars und sonst wohin fliegen? Gescheiter wäre doch, er würde dieses Geld zur Minderung der Ungerechtigkeiten auf der Erde einsetzen. Wer hat das nicht schon gehört und gedacht? Dabei wird jedoch vergessen, dass wir den 'Pale Blue Dot', der den Raumfahrern ihr Blick auf die Erde beschert hat, nicht nur nicht hätten sehen, sondern auch kein visuelles Bewusstsein von unserem Dasein im Universum hätten haben können. Und dass dieses Not tut, gehört zu den eindrücklichen Lektionen, die Planetar denken bereit hält.

Dass alles mit allem verbunden ist, bedeutet auch vielfältige Wechselwirkungen. So stellen die Autoren unter anderem fest: "Fast zwei Drittel menschlicher Erkrankungen werden durch Tiere übertragen, unter anderem Pest, Tuberkulose, Schweinegrippe, Tollwut, Milzbrand (Anthrax), Borreliose, Aviäre Influenza ('Vogelgrippe'), Taeniose (Bandwurm-Befall) u.v.a., darunter auch Ebola und HIV."

Planetar denken bedeutet, das grosse Ganze zu sehen und entsprechend zu handeln. Was das im Detail heisst, führt dieses Buch an zahlreichen, aus ganz unterschiedlichen Wissensgebieten stammenden Beispielen aus. Das geht von Cornelia Funke (die festgestellt hat, "dass es in indigenen Märchen vor der Christianisierung ein ganz selbstverständliches Verhältnis zu Tieren und Pflanzen gibt, wo man mit ihnen redet und sie göttliche Qualitäten haben. Nach der Christianisierung sind das plötzlich nur noch dumme Geschöpfe, der Mensch ist masslos überlegen.") zu der visuellen Dokumentation von Umweltschäden durch Sebastião Salgado und andere.

Fazit: Vielfältig anregend, grundsätzlich und relevant.

Frederic Hanusch, Claus Leggewie, Erik Meyer
Planetar denken
Ein Einstieg 
Transcript Verlag, Bielefeld 2021

Wednesday, 14 July 2021

Das Elend der Medien

Das Positive zuerst: Die beiden Autoren schreiben gut, anschaulich und nachvollziehbar. Mein Problem liegt bei Aussagen wie "Es steht das Vertrauen in die politische Weisheit der 'Vielen' auf dem Spiel." (Michael Meyen), die so tut, als ob es Demokratie, die eine echte Herrschaft des Volkes wäre, irgendwo geben würde ("the best democracy money can buy" hat Greg Palast einmal die amerikanische Variante genannt) und bei der typisch journalistischen Personalisierung von Allem und Jedem: "In dieser Erzählung von Merkel-Macron-Steinmeier ..." (Alexis Mirbach). In meiner Welt gibt es niemanden, der sich um die Meinungen von Politikern scheren, geschweige denn sie zitieren würde. Mit anderen Worten: Die sogenannten Gefährder der sogenannten Demokratie sind das Resultat "der politischen Weisheit der Vielen" oder, weniger prosaisch, der Mehrheit der bei Wahlen Stimmenden (so ist jedenfalls zu vermuten). 

Das Elend der Medien lehnt sich an Bourdieus La misère du monde an, das, kurz zusammen gefasst, propagierte: "weg von Konflikten, flüchtigen Berichten und Dramen, hin zum Alltag." So sehr mir das zusagt, in einer Gesellschaft, die auf dem Sich-Verkaufen, also der Prostitution, aufbaut, scheint mir das weitgehend illusorisch. Trotzdem: Dieses Buch gehört zu den spannendsten Medienbüchern, die ich kenne.

Die Autoren haben ganz unterschiedliche Medienleute befragt und das Buch in Themenblöcke gegliedert. Was der öffentliche Rundfunk braucht, um seinen Auftrag zu erfüllen; Die Regionalpresse, mit DDR-Erfahrung von Innen gesehen; Sieben Stimmen vom Rand des journalistischen Feldes; Vom Kampf um Definitionsmacht; Linker Aktivismus von Kreuzberg bis Kurdistan; Medienkritik von unten; Corona-Gespräche in München und Oberbayern; Vier Stimmen aus dem Osten, dreissig Jahre danach; Am Rande der Wahrheit in Hildburghausen.

Michael Meyen weist in seinem Vorwort unter anderem auf dies hin: "Eine Angst geht um in der Wissenschaft, die sich schwer greifen lässt und einen eigenen Forschungsverbund verdienen würde oder wenigstens ein eigenes Buch." Ob man damit dieser Angst, die sich wesentlich als Selbstzensur äussert, beikommen kann, sei einmal dahingestellt, doch darum geht es in diesem Buch ja nicht. Und Alexis Mirbach erläutert in seinem einführenden Beitrag "Jenseits von Gut und Böse. Warum das Elend der Medien viele Gesichter hat", dass sie Menschen befragt hätten, die mit dem Status Quo unzufrieden sind, denn sie wollten deren Kritik verstehen. "Wir haben mit den Befragten folglich nicht Pro und Contra diskutiert, sondern sie wohlwollend unterstützt." Ein mir sympathischer Ansatz.

Die Interviews geben ein ziemlich umfassendes Bild von den vielen Facetten der Medien. Wer sich derart intensiv und ausführlich mit der Funktionsweise der Medien auseinandersetzt wie die an diesem Buch Beteiligten es tun, geht ziemlich ernüchtert durch die Welt – und das ist gut so. Besonders verdienstvoll finde ich, dass ich selten so deutlich vorgeführt gekriegt habe, dass und wie die Medien als Stützen der herrschenden Ordnung fungieren. Und dass Medienleute nicht anders funktionieren als alle anderen auch. "Menschen, die am Machtpol des Feldes sind  oder nicht sehr weit davon weg, suchen Nachfolger, die so ähnlich ticken wie sie selbst."

Das Elend der Medien ist auch ein (in Massen) grundsätzliches Buch. Auch wenn die Probleme überall ganz ähnlich sind, genüge es nicht, "Menschen zu haben, die sich für 'ihr' Thema engagieren. Diversität braucht eine materielle Basis und dafür möglicherweise ein Mediensystem, das nicht am Gewinn ausgerichtet ist und auch nicht an den eher kurzfristigen Förderungszielen der Politik", so Alexis Mirbach. 'Möglicherweise' gehörte meines Erachtens gestrichen, denn solange die Gewinnorientierung das Leitprinzip ist, kann man sich so recht eigentlich alle Gesellschaftsdebatten sparen. 

"Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Sachbezogenheit", antwortet Volker Bräutigam auf die Frage, was für ihn guter Nachrichtenjournalismus sei. Das sind so recht eigentlich Eigenschaften, die überall, also in allen gesellschaftlichen Bereichen, gelten sollten. Dass sie es nicht tun, sagt mehr über unsere Welt aus, als alle gescheiten Analysen zusammen. Was also ist zu tun? Sich um "Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Sachbezogenheit" bemühen, in allen Bereichen, auch im Journalismus. Das Elend der Medien leistet dazu einen wertvollen Beitrag.

Fazit: Differenziert und vielfältig; eine bessere und umfassendere Darstellung darüber, wie die modernen Medien funktionieren, kenne ich zur Zeit nicht.

Alexis von Mirbach / Michael Meyen
Das Elend der Medien
Schlechte Nachrichten für den Journalismus
Herbert von Halem Verlag, Köln 2021